Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2020, ISBN 978-3-451-38694-7, 128 Seiten, zahlreiche Illustrationen, Hardcover gebunden, Format 15,5 x 11 cm, € 10,00

In der katholischen und orthodoxen Tradition spielen Ordensgemeinschaften eine herausragende Rolle; die Reformatoren haben dagegen in aller Regel auf das im Alltag gelebte Christentum gesetzt. Neugründungen wie die Communität Casteller Ring oder die Communität Christusbruderschaft Selbitz bleiben die Ausnahme. Unter anderem deshalb ist die von der französischen  Ordensgründerin, Mystikerin, Poetin, Sozialarbeiterin und Kommunistenfreundin Madeleine Delbrêl (1904 – 1964) entwickelte Figur des ›kleinen Mönchs‹ in protestantischen Kirchentümern weitgehend unbekannt.

Die von dem Münsterschwarzacher Benediktinermönch  Anselm Grün besorgte kommentierte Ausgabe des unter dem Titel ‹Alcide. Guide simple pur simples chretiens‹ erschienenen Originals bietet die Chance, sich mit dem Lebensweg der ohne jeden Bezug zur Religion aufgewachsenen Intellektuellen und ihrer unorthodoxen ›Mission de France‹ im atheistisch-kommunistischen Milieu auseinanderzusetzen. „Als sie sechzehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Paris, wo sie an der Sorbonne Kunst und Philosophie studiert. Sie schreibt Gedichte und erhält einen bedeutenden französischen Literaturpreis. Die junge Frau stürzt sich in Paris in den Taumel der ›Goldenen 20er Jahre‹ … ›Man verachtet die, die sich amüsieren. Ich – amüsiere mich. Ich liebe es, zu tanzen, bis ich nicht mehr weiß, wo ich bin. Ich liebe schnelle Autos. Ich liebe schnelle Autos und Schmuck und ich liebe Musik, die so laut ist, dass man kein Wort mehr versteht. Alles Dinge, die ich auch wieder lassen könnte, ohne dass das ein Drama wäre‹“ (Burkhard Reinartz, Madeleine Delbrêl. In: https://www.deutschlandfunk.de/madeleine-delbrel-das-leben-wie-einen-tanz-leben.2540.de.html?dram:article_id=361539).

Nach einer unglücklichen Liebe entdeckt sie das Beten, wird dabei von Gott berührt, verlässt Paris  und gründet in der kommunistisch regierten Arbeitervorstadt Ivry eine fast protestantisch anmutende christliche Gemeinschaft ohne Gelübde und Klausur, „aber ehelos und bereit, Gott den ersten Platz einzuräumen: ›Es gibt Leute, die Gott nimmt und in eine besondere Lebensform beruft. Andere gibt es, die lässt er in der Masse, die zieht er nicht »aus der Welt zurück«. Wir anderen, wir Leute von der Straße, glauben aus aller Kraft, dass diese Straße, diese Welt, auf die Gott uns gesetzt hat, für uns der Ort unserer Heiligkeit ist. Wir glauben, dass uns hier nichts Nötiges fehlt, denn wenn das Nötige fehlte, hätte Gott es uns schon gegeben‹ (Madeleine Delbrêl nach Burkhard Reinartz a. a. O.).

Ihre dem ›kleinen Mönch‹ zugeschriebenen Aphorismen sind auf dem Boden ihres im Alltag gelebten Christentums entstanden und  geben Anregungen für den eigenen Weg durch die Welt. Ihr Aphorismus ›Wenn du an das Ende der Welt gehst, findest du die Spuren Gottes; steigst du auf den Grund deiner Seele, findest du ihn auch‹ wird von Anselm Grün in der Tradition katholischer Orden so kommentiert: „Gott können wir überall begegnen, auf der ganzen Welt. Aber ein besonderer Ort, an dem wir Gott immer finden, ist der Grund unserer Seele. Auf dem Grund unserer Seele ist ein Raum der Stille. In ihm wohnt Gott. Wir brauchen uns überall, wo wir sind, nur nach innen zu wenden, durch all die Gedanken und Gefühle hindurchzugehen, um in den Grund unserer Seele zu gelangen. Dort begegnen wir Gott. Aber über diesen Gott können wir nicht verfügen. Er wohnt in uns als der unbegreifliche Gott. Und doch können wir dort, wo Gott »das absolute Geheimnis« – wie Karl Rahner Gott nennt – in uns wohnt, bei uns daheim sein. Denn Heimat finden wir nur, wenn wir uns diesem Geheimnis öffnen. Dann berühren wir auf dem Grund unserer Seele das Geheimnis Gottes, der uns bei uns selbst daheim sein lässt“ (Anselm Grün S. 111 f.).

ham, 14. Februar 2020

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