Jan 29

Katalog- und Essayband zur gleichnamigen Ausstellung vom 13.03. – 10.06.2012 im von der
Heydt-Museum Wuppertal
Katalog (Band 1) hrsg. von Antje Birthälmer und Gerhard Finckh
Von der Heydt-Museum Wuppertal, 2012, ISBN 978-3-89202-081-3, 360 S., zahlreiche s/w- und
Farbabbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 27,7 x 21,5 cm
Essay-Band (Band 2) hrsg. von Andrea von Hülsen-Esch und Gerhard Finckh mit Texten unter
anderem von Juan Allende-Blin, Ricarda Dick, Andrea von Hülsen-Esch und Götz-Lothar Darsow
Von der Heydt-Museum Wuppertal, 2012, ISBN 978-3-89202-082-0, 595 S., zahlreiche s/w- und
Farbabbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 27,7 x 21,5 cm, beide Bände
zusammen € 40,–

Als Herwarth Walden am 12. März 1912 seine erste Ausstellung in der zum Abriss bestimmten
Berliner Villa in der Tiergartenstraße 34a mit Werken von Künstlern des Blauen Reiter, des
Bildhauers Oskar Kokoschka und weiterer Vertreter des Expressionismus eröffnete, war diese
Ausstellung ursprünglich lediglich als Referenzausstellung für die in seiner zwei Jahre zuvor
gegründeten Zeitschrift „Der Sturm“ vertretenen Künstler und als Erinnerung an deren hundertste
Ausgabe der Zeitschrift gedacht. Die nach der Zeitschrift „Der Sturm“ genannte Galerie
entwickelte sich zusammen mit weiteren Sturmunternehmungen wie der Sturm-Kunstschule, der
Sturm-Kunstbuchhandlung und der Sturm-Bühne zum Wegbereiter der Moderne und stellt alle
wesentlichen Entwicklungen der Avantgarde vom Expressionismus über den Kubismus bis hin
zum Konstruktivismus aus. Die Verbindung von Literatur, Musik und bildender Kunst gilt als
gesetzt. Die Sturm-Aktivitäten sind durch die Vorstellung verbunden, dass allein die Kunst und die
Künstler die mit den weltanschaulichen und wissenschaftlichen Revolutionen im Übergang zum
20. Jahrhunderts einhergehenden fatalistischen und materialistischen Tendenzen überwinden und
zur Herausbildung des neuen Menschen beitragen können. Auch wenn für Herwarth Walden
„weder Religion noch okkulte Praxis oder esoterische Lehren … der verknöcherten bürgerlichen
Kultur eine wirksame Alternative entgegenzusetzen“ versprachen, wurde „Der Sturm“ „zum
>>geheimen<< Ort, wo sich mystische und spirituelle Strömungen und Erfahrungen
versammelten. Sie nannte man im >>Sturm>> kosmisch. Dabei bewies … Walden in vielen Fällen
ein untrügliches Gespür für zukunftsweisende Tendenzen – und auch für außergewöhnliche
Begabungen“ (Götz-Lothar Darsow).Walden schloss sich der von Kandinsky vertretenen
Programmatik des „Geistigen in der Kunst“ an: „So sah auch Walden in der 1918 erschienenen
programmatischen Sturm-Publikation ‚Expressionismus. Die Kunstwende‘ die Aufgabe des
Künstlers darin, >>Übersinnliches den Sinnen sichtbar zu machen<<. Ein Kunstwerk zu gestalten
hieß für ihn >>ein Gesicht sichtbar zu machen<<: >>Er glaubte an die Kunst, als ob sie ein
göttliches Wesen sei<<, resümierte der Maler Georg Muche Waldens unerbittlichen Kampf für die
avantgardistische Kunst. Walden überließ es in der Publikation ‚Expressionismus, die
Kunstwende‘ seinem Mitarbeiter, dem Maler Rudolf Bauer, das kosmische Prinzip zu erläutern,
das die ‚Sturm‘-Ästhetik bestimmen sollte. Der >>Die kosmische Bewegung<< überschriebene
Text beginnt: >>Ein Gemälde der absoluten Malerei gibt anstelle der gegenständlichen also
irdischen Formen kosmische Elemente. Diese kosmischen Elemente sind Gefühlsmomente, die
mit der Seele, das ist gefühlsmäßig, nicht jedoch mit dem Gehirn, also intellektuell aufgenommen
werden. Äußerlich werden sie durch Fixierung von Linien, Formen, Farben wahrnehmbar
gemacht. Die Größe des Inhalts eines absoluten Gemäldes möge eine kurze, analytische
Betrachtung über ein derartig fixiertes Gefühl andeuten, das ein kleiner Bestandteil aus den
Gefühlsmengen eines ganzen Bildkomplexes ist. Da diese kosmischen Gefühle, die dem
Nichtkünstler unbekannt sind und nur durch den Künstler ausgedrückt werden können,
undefinierbar sind, mussten für diese zum Verständnis der Skizzen analoge menschliche Gefühle,
etwa Ruhe, Freude, Angst eingesetzt werden<<(Georg Muche). Diese zwei ersten Absätze von
Bauers Text fokussieren die beiden Essentials von Waldens Strategie: Gegen den Intellektualismus
und die Rationalität einerseits, die nicht zuletzt durch die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs
jede Glaubwürdigkeit verloren hatten, andererseits die Inthronisation des Künstlers als eines
außergewöhnlichen Mediums. Diese Vorstellung verdankt sich nicht zuletzt dem gewaltigen
Einfluss Friedrich Nietzsches am Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wird in der Kunsttheorie des
Sturms zweifellos forciert, die radikal zwischen Künstler und Nichtkünstler unterscheidet und sich
dann mental dem okkultischen Mediumismus anverwandelt. Mentalitätsgeschichtlich verortet
sich der Sturm damit in die Zeit vor den Umwälzungen, die der Erste Weltkrieg hervorgebracht
hat“ (Götz-Lothar Darsow).
Auf die Frage, warum die Erinnerung an Herwarth Walden und Sturm in Wuppertal und nicht in
Berlin zelebriert wird, erinnert Gerhard Finckh, der Direktor des von der Heydt-Museums, einmal
an die Möglichkeit zur Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut der Heinrich-Heine-
Universität Düsseldorf, die den „Sturm“ in den letzten Jahren forschungsgeschichtlich
aufgearbeitet hat und mit der zusammen es gelungen ist, rund 200 bedeutende Werke mit „Sturm“-
Herkunft zusammenzutragen. Zum anderen besitzt das von der Heydt-Museum selbst einige
Werke mit Sturm-Bezug wie Gabriele Münters Gemälde „Reiflandschaft“, das schon in der ersten
Ausstellung des „Blauen Reiter“ im Dezember 1911 in München und dann in der ersten „Sturm“-
Ausstellung im März 1912 in Berlin ausgestellt war, dazu ein Hauptwerk von Umberto Boccioni,
„Simultanvision“. Schließlich ergeben sich über die erste Ehe von Herwarth Walden mit Else
Lasker-Schüler Beziehungen zu (Wuppertal-) Elberfeld und nicht zuletzt kann (Wuppertal-)
Elberfeld (Wuppertal-) Barmen in der fraglichen Zeit mit seinen Ausstellungen als eines der
Zentren der Avantgarde gelten. Der interdisziplinär angelegte Essay-Band beschäftigt sich unter
anderem mit den Bezügen von Sturm und Rheinland, mit dem kulturellen Klima in Berlin ab den
1910er –Jahren, mit dem Kunstmarkt, der Kunstkritik und Herwarth Walden als Unternehmer, mit
dem durch den Ersten Weltkrieg eingeleiteten Umbruch in der Sturm-Programmatik und mit
Waldens Beziehungen zu Osteuropa und den USA.
(ham)

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