Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 2013, ISBN 978-3-525-52199-1, 665 S., 26 s/w-Abbildungen, 10 Tabellen, ausführliches Literaturverzeichnis, Stellenregister, Register der verwendeten Eigennamen, Register der Orte, Provinzen, Landschaften und Straßen und Sachregister, Hardcover gebunden, Format 24 x 16,5 cm, € 79,99 (D) / 84,30 (A) / SFR 101,–

Das von dem Münsteraner Neutestamentler Dietrich-Alex Koch vorgelegte Lehrbuch zeichnet die Geschichte des Urchristentums in der Zeit von der Entstehung der Urgemeinde in Jerusalem um 30 n.Chr. bis etwa 150 n.Chr. nach, fasst alles Wissenswerte zusammen und lässt kaum eine Frage offen. Koch begreift dieses Werden als einen dynamischen Prozess. Deshalb sollten eigentlich nicht nur die Quellen möglichst vollständig dargeboten, sondern auch die gesamte Epoche möglichst umfassend gedeutet werden.. Damit kommen neben der so genannten ‚Ereignisgeschichte‘ auch deren voraussliegende religiöse Wurzeln und damals aktuelle Vollzüge wie Gottesdienst, Taufe und Herrenmahl und die Ausbildung der Theologie in den Blick. „Es müsste sich also um eine Ereignisgeschichte handeln, die zugleich eine Darstellung der Theologiegeschichte, aber auch der Liturgiegeschichte, der Literaturgeschichte und der Sozialgeschichte des Urchristentums umfasst. Dies alles müsste außerdem von vornherein in den Gesamthorizont der antiken Welt hineingestellt werden. Es wären also laufend die jüdische und nichtjüdische Welt des östlichen und auch des zentralen Mittelmeerraums zu berücksichtigen, die jeweils genauso ihre Ereignisgeschichte, ihre Religionsgeschichte, Ihre Literaturgeschichte und ihre Sozialgeschichte haben. Denn in diesen Kontexten ist das Urchristentum entstanden, und hier hat es seine Identität entwickelt. Eine arbeits- und darstellungsökonomisch praktikable Lösung rückt dann allerdings in weite Ferne“ (Dietrich-Alex Koch). Deshalb konzentriert sich Koch in seiner Darstellung der Geschichte des Urchristentums auf die sogenannte Ereignisgeschichte und bezieht die anderen genannten Disziplinen nur ein, „um die Abläufe der Ereignisgeschichte angemessen erklären zu können“ (Dietrich-Alex Koch).

Im Ergebnis ist nach Koch für das Urchristentum der Gedanke des durch Christus konstituierten Gottesvolkes grundlegend. Er macht verständlich, „warum es von seiner Initialzündung an eine ausgesprochen missionarische Dynamik entfaltete. Dies gilt bereits für die Jerusalemer Urgemeinde mit dem Zwölferkreis als ihrem ursprünglichen Kern. Die Folge war eine rasche Ausbreitung, zunächst innerhalb Jerusalems, sodann in zwei weiteren Bereichen, zum einen in Judäa, zum anderen in der jüdischen Diaspora, nämlich in Damaskus und Antiochia. Greifbar wird dieser Vorgang vor allem in der Gruppe um Stephanus, den sog. >>Hellenisten<<, die die Brücke zwischen Jerusalem und der Diaspora darstellten. Hier zeigt sich auch, dass mit der Ausbreitung sofort eine innere Pluralisierung verbunden war. Da diese Wachstumsdynamik für die gesamte Zeitspanne des Urchristentums charakteristisch ist, ist auch der Prozess der Pluralisierung ein Dauerkennzeichen des Urchristentums“ (Dietrich-Alex Koch). Mit der Pluralisierung wird der Schritt über die Grenze des Judentums hinaus möglich. Und damit wird die Frage virulent, wie der innere Zusammenhang der plural aufgestellten Gemeinden gesichert werden kann. Für Koch spielen bei der Beantwortung der Frage die integrative Kraft Petri, die Taufe und das eucharistische Mal zentrale Rollen. Die mehrheitlich pagan sozialisierten Mitglieder der nichtjüdischen lebenden Gemeinden außerhalb Palästinas behalten außer dem Bereich der Religion ihre bisherigen sozialen Bezüge bei. „Die Spannung zwischen Distanzierung, ja freiwilliger Selbstausgrenzung im religiösen Bereich und der außerhalb dieses Bereichs weiter bestehenden Zugehörigkeit zur bisherigen Lebenswelt prägte die Existenz der frühchristlichen nichtjüdischen Gemeinden“ (Dietrich-Alex Koch). Schließlich korrigiert Koch die Auffassung der älteren Forschung, dass es sich bei den Schriften des Urchristentums durchweg um anspruchslose Kleinliteratur ohne jeden ernsthaften literarischen Anspruch handle. „Abgesehen davon, dass es auch in der Antike nicht nur die >>Weltliteratur<< gab, sondern die ganze Bandbreite von den Zauberbüchern und Unterhaltungsromanen über Handbücher zur Landwirtschaft oder Medizin bis hin zum in der Tat >>hohen<< Epos und der philosophischen Lehrschrift, - die Perspektive ist insgesamt unzutreffend. Der Vergleichspunkt muss die literarische Produktion anderer neuer religiöser Bewegungen sein, die in der hellenistisch-römischen Welt um Anhänger warben“ (Dietrich-Alex Koch). Und im Vergleich etwa zum Isis-Sarapis- und zum Mitras-Kult, die nur sehr begrenzt oder gar keine Literatur hervorgebracht haben, wirkt die Entstehung der Briefe, Evangelien, einer historischen Monographie und einer Gemeindeordnung identitätsstiftend und wird zu einem Vorgang von grundlegender Bedeutung: „Dieser Prozess führte in der auf das Urchristentum folgenden Phase …auf literarischer Ebene zur Ausbildung des neutestamentlichen Kanons, der die gemeinsame Grundlage aller christlichen Konfessionen bis in die Gegenwart darstellt; …er bedeutete inhaltlich, dass der Rückbezug des Christentums auf seine Ursprungsgeschichte auf Dauer gesichert wurde. Damit ist das Urchristentum zur tatsächlich grundlegenden Epoche der Kirchengeschichte geworden“ (Dietrich-Alex Koch). In 18 Exkursen nimmt Koch zu diversen Streitfragen Stellung, so unter anderem zu der These, dass das Judentum im römischen Reich den rechtlichen Status einer religio licita, also einer offiziell anerkannten Religion gehabt habe, während das Christentum diesen Rechtsstatus nie erlangt hätte. Ein anderer Exkurs widmet sich der Frage, ob der Auferstandene tatsächlich Maria Magdalena als erster Jüngerin erschienen ist oder ob sich diese Vorstellung nicht vielleicht doch der literarischen Aktivität des Matthäus verdankt . Ein dritter untersucht die Frage, ob das Grab des Petrus unter dem Petersdom schon gefunden ist. Koch antwortet mit einem argumentegesättigten Nein. ham, 05.11.2013 Download

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