Apr 24

Dokumentation Schwarzweiss

Von Helmut A. Müller | In Rezensionen

Eine theatralische Stadtbegehung des anhaltischen Theaters Dessau um den Fall Oury Jalloh
Publikation zu den Aufführungen im Juli und September 2011 auf der gemeinsamen Bühne
„öffentlicher Raum“ in Dessau mit Texten von Ulrike Gerhardt, Martina Grohmann und einem
Editorial von Nina Gühlstorff
Anhaltisches Theater Dessau / Textem Verlag 2012, ISBN 978-3-86485-0165-5, 68 S., zahlreiche s/w und
Farbabbildungen, Broschur mit Rückstichheftung und künstlerisch gestaltem textilen
Schutzumschlag, Format 21 x 14,8 cm, € 6,–

Am 7. Januar 2005 verbrannte Oury Jalloh aus Sierra Leone in Zelle 5 des Dessauer Polizeireviers.
Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. Den als Stadtbegehung inszenierten
Aufführungen im öffentlichen Raum gehen über 50 Interviews, darunter 12 im Senegal, voraus, aus
denen der Text für die 10 Szenen des Theaterstücks entstanden sind. Im Rahmen der Recherchen war
es nicht möglich und erlaubt, einen Dessauer Polizisten zum Fall Jalloh zu befragen, auch nicht den
Pressesprecher. Der Szene ‚Klubraum. Die Zelle ist das Herz des Staates‘ liegt ein Gespräch mit dem
ehemaligen Polizisten und heutigen Polizeiwissenschaftler Prof. Dr. Rafael Behr zugrunde. In der
Szene heißt es unter anderem: „Wir wollen ja zu den Guten gehören. Deswegen bin ich Polizist
geworden, um anderen zu helfen. Kaum auszuhalten, dass man als Mörder, als Faschist betitelt wird.
Es gibt eine Kultur der Basis, die sich selbst davor bewahrt, sich zu korrumpieren. Wenn jemand
gefesselt ist, also die Handschellen auf dem Rücken hat, dann wird der eben nicht mehr getreten oder
geschlagen oder so. Deswegen ist das Schlimmste, wenn ein Mensch im Gewahrsam der Polizei ums
Leben kommt. Das macht ja auch die ganze, die ganze Dynamik des Falls aus, weil die Polizeizelle
wirklich im Herz des Staates ist. Die Zelle ist da Herz des Staates! … Es war ein reiner Betriebsunfall,
lästig. Der Polizeiskandal, das ist nicht die Sache selbst, sondern die Art und Weise, wie damit
umgegangen wird. Und wir müssen ermitteln! Stellen Sie sich zum Beispiel vor, man stellt in Zelle 5
einen Polizisten, der schreien soll, ob man es oben hört. Auf diese Pritsche, da haben die ja auch
Polizisten hingelegt. Wir werden Statisten für unser eigenes Desaster. Und jetzt soll einer schreien.
Machen Sie mal einen sterbenden Schwarzafrikaner nach. Schreiben Sie mal, wie jemand in
Todesgefahr schreien würde. Das ist Irrsinn. Das kann sich ein Polizist gar nicht vorstellen. Ich kann
mir doch nur vorstellen, was passiert, wenn die jetzt da oben hören, dass ich schreie. Als schrei ich
jetzt mal nicht so!“. Der Band ist ein bewegendes Dokument über couragiertes bürgerschaftliches
Engagement, für die Einhaltung menschenrechtlicher und rechtsstaatlicher Grundsätze auch in
Gefängnissen und darüber hinaus ein überzeugendes Nachdenken über große Themen
gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Heimat, Identität, Rassismus, Humanität, Integration und
Gewalt.
(ham)

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