Jahrbuch 11 der Akademie Schloss Solitude in zwei Teilen
Hrsg. von der Akademie Schloss Solitude, Jean-Baptiste Joly mit Beiträgen der Stipendiaten der
Akademie der Jahre 2010 und 2011 und einem Vorwort von Jean-Baptiste Joly
Akademie Schloss Solitude 2012, ISBN 978-3-937158-69-3, Jahrbuch 11 226 S., zahlreiche
Farbabbildungen, Hardcover, Format 23,4 x 17,2 cm; Kalender Juli 2012 bis Dezember 2013,
Hardcover, Format 14,8 x 10,4 cm, € 19.—
Die seit 22 Jahren im zweijährigen Rhythmus herausgegebenen Jahrbücher der Akademie Schloss
Solitude spiegeln nicht nur die wechselnden Aufmerksamkeiten und Entwicklungen im System
Kunst, sondern auch den wandelnden Zeitgeist. So haben sich unter den 139 Stipendiaten der Jahre
2010 und 2011 in ihren Beiträgen für das Jahrbuch immerhin drei erkennbar mit Religion beschäftigt:
Die Architektin Mathilde Cassani diskutiert in ihrem Bild-Essay ‚Spiritual Devices‘, wie man im
selben Raum als Buddhist und Hinduist meditieren, als Christ beten und als Moslem sein Gebet in der
korrekten Richtung ableisten kann. Bernhard Dechant lässt in seinem Drama ‚Kinski – eine
Zustandsbeschreibung‘ wie folgt über ‚Kinskis Jesus Christus Erlöser-Programm‘ diskutieren: „Ich bin
nicht euer Superstar, / der seine Rolle am Kreuz / für euch weiterspielen muss / und dem ihr aufs Maul
schlagt, / wenn er aus der Rolle fällt. / Und der euch nicht zurufen kann: / >>Ich habe eure Show und
eure Rituale satt!<< / Ich bin nicht die Stütze von Ruhe und Sicherheit! / Die Sicherheit und Ruhe, /
die ihr mit Tränengas erreicht! / Mit Gummiknüppeln! / Ich bin auch keine Garantie / für Gehorsam
und Ordnung! / Ich bin auch keine Garantie / für Erfolg, Ersparnisse, Besitz! / Ich bin der Obdachlose
/ ohne festen Wohnsitz / der immer und überall / Unruhe stiftet! / Ich bin nicht der offizielle Kirchen-
Jesus, / der unter Polizisten, Bankiers, / Richtern, Henkern, / Offizieren, Kirchenbossen, / Politikern /
und ähnlichen Vertretern der Gewalt / geduldet wird. / Ich bin der Ausrufer! / Der Aufwiegler! / Ich
werde gesucht, / weil ihr an mir erkennen müsst, / dass die bestehende Ordnung untergehen wird …“
Und Hamed Taheri schreibt in ihrer Dichtung ‚Steißgeburt‘ unter anderem: „Ein Glockenschlag
kündigt die Ankunft der Beamten des Himmels an / Es ist so schwarz und schlammig / um mich
herum / Die Toten knospen und blühen / Ich grabe / er gräbt / sie gräbt / und es gräbt auch der Wurm /
Ein Veilchen wächst mir aus dem Munde / Muscheln rede ich / und leichtes Gewölke / Von tief unten
/ aus dem Himmel / zittern die Sterne / Hell sind die Lampen des Schreckens / Es fällt meergrüner
Schnee im Brombeerstrauch / Von jenseits der Kastanien / kommt ein Wind im Wolkenwagen / Ein
Boot knos im Regen / Jetzt / höre ich einen Glockenschlag / Ich sehe einen Beamten / einen
Gewaltigen / gekleidet / in eine Wolke / der Regenbogen / über seinem Haupte / sein Antlitz / wie die
Sonne / seine Füße / gleichen Feuersäulen / Er schreit mit lauter Stimme / wie ein Löwe brüllt / und als
er geschrien hatte / redeten die sieben Donner / in ihren Stimmen.“
Bemerkenswert weiter, dass einer der Stipendiaten sich im Jahrbuchszeitraum mit dem bedeutenden
amerikanischen Sexualtherapeuten David Schnarch auseinandergesetzt hat, der 2011 im Hospitalhof
Stuttgart vorgetragen hat und dass mit dem ‚art, sciense & business‘-Programm auch das Thema
Burnout (Ricardo Tamayo, burnout – from the Viewpoint of a Travelling Psychologist) in den
Kunstkontext einwandert. Dass das Turngerät Pferd auf der Weide zur Untermiete wohnen kann, zeigt
Helmut Dietz mit seiner Fotoarbeit ‚Fellow Lodger‘ von 2010 bis 2011: Auf diese Arbeit kommt das
gleichnamige Turngerät vor einem Schimmel und einem Rappen zu stehen. In Dietz Pferd ist das
übliche braune Leder durch das schwarz-weiße Fell eines Schimmels ersetzt.
(ham)

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