Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, ISBN 978-3-8379-2882-2, 310 Seiten, 5 Abbildungen, Broschur, Format 21 x 15 cm, € 29,90

Mit den 1972 auf Deutsch erschienenen „Interviews mit Sterbenden“ von Elisabeth Kübler-Ross und den dort vorgestellten fünf Phasen des Sterbens ›Nicht wahrhaben-Wollen und Isolierung‹, ›Zorn‹, ›Verhandeln‹, ›Depression‹ und ›Zustimmung‹ (vergleiche dazu https://www.ernster.com/annotstream/9783451613142/PDF/KÃ%C2%BCbler-Ross-Elisabeth/Interviews-mit-Sterbenden.pdf) kam auch in Deutschland die Diskussion um die Frage auf, ob es beim Umgang mit lebensverändernden Krankheiten nicht auch vergleichbare Phasen geben könnte (vergleiche dazu u. a. https://www.pflege-durch-angehoerige.de/die-fuenf-phasen-der-akzeptanz-einer-krankheit/, https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-18825-1_16, https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/978-3-658-11010-9_16.pdf und https://www.krankheitserfahrungen.de). Die seither erschienene wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Literatur zum Erleben von Krankheit und Sterben füllt Bibliotheken. 

Deshalb fragt man sich, was das nach Interviews des Psychiaters, Psychotherapeuten, Philosophen und Soziologen Prof. Dr. med. Torsten Passie mit der krank gewordenen Ärztin Dr. med. Elisabeth Petrow entstandene Werk ›Wenn Krankheit das Leben verändert‹ Neues bieten könnte. Nach der Lektüre ist es einmal der Wechsel der Perspektive der jungen Ärztin, die kurz nach ihrem Eintritt in das Berufsleben durch eine schwere Grippe und eine sie begleitende Enzephalitis berufsunfähig geworden ist, und zum anderen die Innenperspektive, mit der sie ihr erlebtes Auf und Ab und ihren Versuch, mit der Krankheit zurechtzukommen, nachzeichnet. Ihre doppelte Perspektive als Ärztin und Kranke hat sie mit der Zeit offener für alternative und erweiterte Betrachtungsweisen der Krankheit bis hin zu schamanischen und mystische Zugängen werden und zugleich fortwährend um begriffliche Schärfe ringen lassen. Ihre Innenperspektive macht ihre Schilderungen glaubwürdig und menschlich berührend. 

Ihr Weg zu einem neuen Selbstverständnis war allerdings alles andere als leicht. „Über Monate umkreiste ich Thema für Thema, bis ich das Gefühl hatte, zum Wesentlichen vorgedrungen zu sein. Die Wege zum Kern verstellten mir oft riesige Brocken aus Vorannahmen, Konventionen und Erwartungen – von mir selbst oder der Umwelt. Ich dachte nach, ich nahm mir Zeit zu spüren, welche Gefühle die verschiedenen Gedanken auslösten und warum dies so war. Den Kernpunkt erkannte ich an einer Veränderung meines das jeweilige Thema betreffenden Gefühls: Die Abwehr, der Schmerz und die unrunden, vom Verstand gegebenen Antworten wandelten sich zu einem Gefühl der Ruhe und Stimmigkeit. Erst auf der Basis dieses Gefühls konnte ich das jeweilige Thema loslassen. Es stimmte für mich und brannte nicht mehr. Meine Treppe aus dem dunklen Loch wuchs Stufe um Stufe“ (Elisabeth Petrow / Thorsten Passie S. 57). „Ich habe mit den Verlusten leben gelernt und glaube dennoch nicht, dass das Akzeptieren-Lernen jemals abgeschlossen sein wird. In den vergangenen Jahren lief der zugrunde liegende Prozess mit großer Intensität. Inzwischen hat die innere Auseinandersetzung viel von ihrer Intensität verloren, sie brennt nicht mehr. Und doch gibt es bis heute noch Situationen, in denen ich auf bedrückende Weise mit meinen Einschränkungen konfrontiert bin und mich bei dem Gedanken ertappe ⟩Das werde ich nie akzeptieren können!⟨“ (Elisabeth Petrow / Thorsten Passie S. 61).

Verändert hat sich im Laufe der Zeit auch ihr Umgang mit ihrem Körper. „Meine Beziehung zu mir selbst war bis zur Erkrankung vor allem von Forderungen und Unnachgiebigkeit geprägt. Ich weiß nicht, wie oft ich trotz Fieber zur Uni ging oder mich trotz schwerem Krankheitsgefühl ins Labor schleppte, um Daten für meine Doktorarbeit zu erheben. ⟩Es muss doch gehen!⟨ – und sei es mit Antibiotika oder Schmerzmitteln […]. Als ich dann schwer krank wurde, war ich von jetzt auf gleich auf sehr radikale Weise mit mir selbst konfrontiert: körperlich, emotional und psychisch. Die Erkrankung machte mir meine Beziehung zu mir selbst – zum ersten Mal – auf eine Weise bewusst, der ich mich nicht entziehen konnte. Sie zwang mich, mich wahr- und ernst zu nehmen. Ich kam nicht mehr um mich herum. Meine Fähigkeiten, mit denen ich meinem Leistungsideal gefolgt war, waren plötzlich weiter weg als der Mond. Ich war gezwungen, mir anders als bisher zu begegnen […]. Den Wunsch, so gesund wie möglich zu werden, konnte ich mir nur erfüllen, wenn ich einen vollkommen anderen Umgang mit mir lernte: einen achtsamen, verständnisvollen, sanften, behutsamen“ (Elisabeth Petrow / Thorsten Passie S. 64 f.). „Das Bestreben, sich selbst kennenzulernen, sich ernst zu nehmen und sich gerecht zu werden ist weder narzisstische Selbstbespiegelung noch ängstliche Selbstbeobachtung. Ganz im Gegenteil: Es ist das Bestreben, durch ruhige Innenschau sich selbst zum Freund zu werden, im besten Sinn des Wortes. Auf diese Weise ist immer ein Freund da, auch wenn man alleine ist. Ein Freund, der (auf) mich achtet, für mich sorgt, mich beruhigt und mir im Genesungsprozess hilft“ (Elisabeth Petrow / Thorsten Passie S. 75).

Für Helfer ist es in aller Regel schwer, die eigene Hilflosigkeit im Umgang mit der Erkrankung des anderen auszuhalten. „Hilflosigkeit entsteht oft aus dem Gefühl, nichts machen zu können und ⟩nur⟨ am Bett zu sitzen, statt eine Situation grundsätzlich verändern oder das Quälende wirksam begrenzen zu können. Das verstellt den Blick auf die Tatsache, dass auch Aushalten Handeln, das heißt ⟩Machen⟨ heißt. Gemeinsames Aushalten ist aktives und wertvolles Tun, mit dem ich dem anderen meine Zeit, meine Kraft, meine Belastbarkeit und Zuneigung zur Verfügung stelle, damit er seine Situation bewältigen kann. Ich kann für den Erkrankten etwas tun, selbst wenn ich nichts an seiner Krankheit ändern kann. In dieser Perspektive verliert der verbreitete Satz ⟩Ich konnte gar nichts machen, ich hab’ nur am Bett gesessen⟨ seine Gültigkeit“ (Elisabeth Petrow / Thorsten Passie S. 89).

Das gilt in übertragener Weise auch für den Klinikalltag. Lehrmeinungen und medizinische Konzepte mögen wie ein Geländer Halt geben. „Mitfühlende Menschlichkeit ersetzen diese nicht. Da das Krankheitserleben durch und durch individuell ist, entzieht sich dessen Begleitung ohnehin allgemeingültigen Konzepten […]. Um einen Patienten auf eine Weise zu begleiten, die ihm gerecht wird, ist es deshalb unumgänglich, ihm in größter Offenheit zu begegnen […]. Das hieße, mitunter Wege zu gehen oder Entscheidungen zu treffen, die weder als evidenzbasiert noch leitliniengerecht womöglich gerechtfertigt werden müssten, aber der Einzigartigkeit des Patienten entsprächen. Diesem würden so der Raum der Freiheit gegeben, seine Antwort auf die ihn quälende Situation zu finden. Patient und Psychologe würden zu gemeinsam Suchenden danach, welcher der vielen möglichen Wege sich als richtig für diesen Patienten erweist“ (Elisabeth Petrow / Thorsten Passie S. 119).

Weitere Kapitel beschäftigen sich mit medizinischen, psychologischen, psychologisierenden, alternativmedizinischen, durch Angehörige und Freunde zugeschriebenen und eigenen Krankheitsdeutungen, Scham- und Schuldgefühlen, der Selbstachtung, der Würde und der Entwürdigung, dem Krankheitsgewinn, der mystischen Erfahrung im Kontext von Krankheiten und der Sinnfindung nach einer Lebenszäsur. 

Für Elisabeth Petrow sind seit ihrer Erkrankung inzwischen gut zwanzig Jahre vergangen. Sie empfindet diese Zeit als eine Art Zweitstudium. „Sie konfrontierte mich in umfassender Weise mit der Innenperspektive schwerer Krankheit und lehrte mich Dinge, die im Medizinstudium nicht mal am Rande eine Rolle spielten […]. Gesundheitlich geht es mir relativ gut, solange ich die von der Enzephalitis verbliebenen Einschränkungen beachte. Doch trotz vieler Jahre der Krankheitsverarbeitung kostet es mich Kraft auszuhalten, dass diese Einschränkungen meine Pläne immer wieder durchkreuzen. Damit umzugehen, ebenso wie mit den häufigen Infekten, bleibt mir als Aufgabe. Viel wichtiger scheint mir allerdings, dass ich mein Leben dennoch auf eine Weise gestalten kann, die mir sinnvoll erscheint und die sich gut anfühlt. Es ist mein großer Wunsch, Menschen zu begleiten, die einen Umgang mit einer (lebensverändernden) Krankheit finden müssen. Ich habe damals einen Gesprächspartner vermisst, der diesen Prozess von innen her kennt […]. Aus der ⟩erlittenen Kompetenz⟨ ergeben sich oft andere Perspektiven, die von innen kommend das von außen kaum Wahrnehmbare in den Blick nehmen und auf diese Weise anderes unterstützen können. Um diese Begleitung nicht ⟩frei Hand⟨ zu machen, habe ich mich zur existenzanalytischen Beraterin ausbilden lassen“ (Elisabeth Petrow / Thorsten Passie S. 294 f.).

ham, 22. Juni 2020

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