Hirmer Verlag, München, 2018, ISBN 978-3-7774-3098-0, 160 Seiten, 60 Farbabbildungen, Hardcover
gebunden, Format 24 x 30 cm, € 29,90(D) / € 30,80 (A) / CHF 36,80

Havanna hat viele Gesichter und gilt als eine der am meisten fotografierten Städte. Vom El Cristo de la
Habana oberhalb von Casablanca sieht Havanna anders aus als vom Castillo de la Punta am Malecón und
vom Cementerio Cristóbal Colón. Die 1952 in Hamburg geborene Psychologin, Soziologin, Politologin und
Vorsitzende des Vorstands der in München ansässigen Alexander Tutsek-Stiftung Eva-Maria Fahrner-Tutsek
hat im Alter von sechs Jahren zu fotografieren begonnen und 2011 eine Auswahl ihrer Fotografien unter dem
Titel ›Diesseits von Afrika‹ veröffentlicht. Ihren Fotoband ›Havana‹ (vergleiche dazu https://www.atutsekstiftung.
de/publikation/havana-short-shadows/) widmet sie nicht der „Trophäenfotografie“ und den
„Schnappschüssen, die im Vorhinein bekannt sind“ und für die Touristen bereitwillig zur Verfügung gestellt
werden (Michel Freeman S. 19), sondern den Menschen, die sie im Februar 2017 auf den Straßen von La
Habana Vieja, dem historischen Kern der kubanischen Hauptstadt und im Zentrum angetroffen hat.

Für den britischen Fotografen und Fototheoretiker Michael Freeman stehen ihre Arbeiten in der Tradition der
Dokumentar- und Straßenfotografie. Auch wenn man Eva-Maria Fahrner-Tutseks Fotografien in die Nähe
der Kunst rücken kann, atmen sie doch eher den aufklärerischen Ernst der Reportage. Havanna ist für sie
keine „lebendige Ruine“ (Michael Freeman S. 18), die man fotografisch festhalten und als Dokument des
verlorenen Kalten Krieges vorführen kann. Sie verzichtet auf die von der Tourismusindustrie propagierten
Signalbilder, die „wir von der Stadt im Kopf haben“. Sie sucht auch keinen „Themenpark“, der zeigt, „was
das koloniale Kuba war und was das postmoderne sozialistische Kuba ist“ (Leonardo Padura S. 152). Sie
streift vielmehr umher und „verfährt ganz nach der klassischen Methode […], beobachtet, greift schnell zur
Kamera, macht vor allem Nahaufnahmen. Nähe ist neben dem Licht und dem richtigen Augenblick bei der
Straßenfotografie entscheidend, denn dadurch wird der Betrachter in die Szene einbezogen […]. Was wir
hier sehen – aus der Sicht des Alltagslebens auf der Straße – ist die Kunst des täglichen Sich–durchs-Leben-
Schlagens: Wie die Menschen in Havanna ihren normalen Beschäftigungen nachgehen (wobei sie häufig
eben keine Beschäftigung haben), wie sie von Tag zu Tag weitermachen. Es ist auf den Bildern wenig
Lebensfreude zu erkennen. Die Menschen wirken still, nachdenklich enttäuscht, abwartend“ (Michael
Freeman S. 19). Wirklich verstehen wird man sie erst, wenn man fünf oder zehn Jahre mit ihnen
zusammengelebt und begriffen hat, dass die Enttäuschung über nicht eingelöste Versprechen des Sozialismus
und der Ärger über die Hürden der Bürokratie zwar Haltungen und Gesichter prägen, aber den Traum von
der erhofften gerechteren Gesellschaft nicht ungeschehen machen.

ham, 13. August 2018

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