Publikation zu den gleichnamigen Ausstellungen vom 13. Februar – 24. Mai 2020 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und vom 18. Juni – 27. September 2020 im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, herausgegeben von Ingrid Pfeiffer mit Beiträgen von P. Allmer, T. Arcq, H. Eipeldauer, A. Görgen-Lammers, K. Hille, S. Levy, A. Mahon, C. Meyer-Thoss, L. Neve, I. Pfeiffer, G. Weisz und Werken von EILEEN AGAR | LOLA ÁLVAREZ BRAVO | RACHEL BAES | LOUISE BOURGEOIS | EMMY BRIDGWATER | CLAUDE CAHUN | LEONORA CARRINGTON | ITHELL COLQUHOUN | MAYA DEREN | GERMAINE DULAC | NUSCH ÉLUARD | LEONOR FINI | JANE GRAVEROL | VALENTINE HUGO | FRIDA KAHLO | RITA KERNNLARSEN | GRETA KNUTSON | JACQUELINE LAMBA | SHEILA LEGGE | DORA MAAR | EMILA MEDKOVÁ | LEE MILLER | SUZANNE MUZARD | MERET OPPENHEIM | VALENTINE PENROSE | ALICE RAHON | EDITH RIMMINGTON | KAY SAGE | SOPHIE TAEUBER-ARP | JEANNETTE TANGUY | DOROTHEA TANNING | ELSA THORESEN | BRIDGET TICHENOR | TOYEN | REMEDIOS VARO | UNICA ZÜRN

Schirn Kunsthalle / Hirmer Verlag, München, 2020, ISBN: 978-3-7774-3413-1, 420 Seiten, 350 Abbildungen in Farbe, Hardcover gebunden, Format 29,5 x 24,5 cm, 49,90 € [D] | 51,30 € [A] | 60,90 SFR [CH]

Die surrealistische Bewegung beginnt ähnlich wie Dada als antibürgerliche und antirationale Lebenshaltung und Kunst, die sich dem Unbewussten, dem Traum, dem Albtraum, dem Fantastischen, dem Irrationalen, der Erotik und dem Tabubruch öffnet, um dem Irrsinn und der Barbarei des Ersten Weltkriegs und der angeblich rationalen Lebensgestaltung einen anderen Geist entgegenzusetzen. André Breton, einer der Wortführer des Surrealismus, hatte als neurologischer Assistent im Ersten Weltkrieg während seines Sanitätsdienstes Sigmund Freuds Psychoanalyse kennengelernt und beschlossen, die Verfahren, die er während des Krieges an Patienten anzuwenden hatte, an sich selbst auszuprobieren, um mit den unbewussten Kräften von Schlaf und Traum und mit freier Liebe zu einer freien Geistes– und Lebenshaltung zu kommen. In seinem „Ersten surrealistischen Manifest“ von 1924 gesteht er auch den Imaginationen, Halluzinationen und Illusionen von Geisteskranken ein Recht eigener Art zu: Sie spenden den Betroffenen Trost und helfen ihnen, ihr Delirium zu ertragen (vergleiche Andre Breton, Manifest des Surrealismus. In: Kunsttheorie im 20. Jahrhunderts Band 1, Ostfildern-Ruit 1998 S. 542).

Die in den 1920er-Jahren vorwiegend männliche Bewegung öffnet sich ab den 1930-ern zunehmend für Frauen. „Während in den frühen, eher literarisch geprägten Jahren der surrealistischen Bewegung nur sieben Mal Frauen an den zwölf Ausgaben der Zeitschrift ›La Revolution surréaliste‹ von 1924 bis 1929 beteiligt waren, steigerte sich in den sechs Nummern der Publikation ›Le Surréalisme au service de la révolution‹ von 1930 bis 1933 die Anzahl auf neun Beiträge. In den vielen internationalen Zeitschriften und Büchern der 1930er-Jahre – Minotaure, London Bulletin und zahlreichen anderen – sind sogar 19 weibliche Namen vertreten; rechnet man alle Ausstellungen und sonstige Aktivitäten dazu, ergibt sich die unglaubliche Summe von 53 Künstlerinnen. Insgesamt war der Surrealismus, besonders in den 1930er-Jahren, sicherlich die ungewöhnlichste und aus heutiger Sicht ›fortschrittlichste‹ Bewegung überhaupt“. Sie erscheint „in vielerlei Hinsicht als ausgesprochen ›feminin‹“ (Ingrid Pfeiffer S. 29f.). Trotzdem wurde die bedeutende Rolle der Frauen im Surrealismus bislang nur von einigen wenigen Experten gewürdigt.

Die Ausstellung und Publikation ›Fantastische Frauen‹ (vergleiche dazu https://www.hirmerverlag.de/de/titel-1-1/fantastische_frauen-1956/) springt in diese Lücke, ergänzt die bisherige Kunstgeschichtsschreibung um ein wichtiges Kapitel und macht den Beitrag von 36 bekannten und unbekannten Künstlerinnen aus Europa, Amerika und Mexiko am Beispiel von 260 Werken öffentlich. „Anhand von Netzwerken und Freundschaften in Europa, den USA und Mexiko lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen. Fragen des Exils und der Politik werden ebenso erörtert wie solche zu den Inhalten der Arbeiten. Aufgrund unterschiedlicher Herkunft, ihrer Biografien und durch ihre Interessen haben zahlreiche Künstlerinnen sowohl den Ausdruck als auch den Wirkkreis surrealistischer Formensprache maßgeblich erweitert. Dieses Neuland zu entdecken ist das Ziel der Ausstellung und des umfassenden Katalogs“ (Philipp Demandt, Paul Erik Tøjner S. 18).

Den bekannten Protagonistinnen Meret Oppenheim (1913 Berlin – 1985 Basel; vergleiche dazu etwa https://www.swissinfo.ch/ger/galerie_meret-oppenheim-in-bildern/44495132), Frida Kahlo (1907 Coyoacán – 1954 Mexiko-Stadt; vergleiche dazu etwa https://www.pinterest.de/mabelheinemann/frida-kahlo/) und Louise Bourgeois (1911 Paris – 2010 New York; vergleiche dazu etwa https://www.google.de/search?sxsrf=ALeKk02z0GGYAygAOoAf3TRsLUrUdMVKNg:1594656878725&source=univ&tbm=isch&q=louise+bourgeois+werke&sa=X&ved

=2ahUKEwjOz63mz8rqAhXJqaQKHQrpBi0QiR56BAgMEA4&biw=1401&bih=916) stehen unbekannte und vergessene Künstlerinnen wie Eileen Agar (1899 Buenos Aires – 1991 London; vergleiche dazu etwa https://www.google.de/search?q=eileen+agar+artist&tbm=isch&ved=2ahUKEwiY1rnV0MrqAhULD-wKHUPrBBwQ2-cCegQIABAA&oq=eileen+agar+&gs_lcp=CgNpbWcQARgFMgIIADIECAAQHjIECAAQHjIECAAQHjIECAAQHjIECAAQHjIECAAQHjIE

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KouesAfD1pPgAQ&bih=916&biw=1401), Ithell Colquhoun (1906 Assam – 1988 Lamorna; vergleiche dazu etwa https://www.google.de/search?q=Ithell+Colquhoun&tbm=isch&ved=2ahUKEwi7-_mL0crqAhUBtqQKHQ_YA98Q2-cCegQIABAA&oq=Ithell+Colquhoun&gs_lcp=CgNpbWcQDDICCAAyBAgAEB4yBAgAEB4yBAgAEB4yBAgAEB4yBAgAEB4yBAgAEB46

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916&biw=1401) und Unica Zürn (1916 Berlin – 1970, Paris; vergleiche dazu etwa https://www.google.de/search?q=unica+z%C3%BCrn+bilder&tbm=isch&ved=2ahUKEwiZ_bu50crqAhWakKQKHUvjDosQ2-cCegQIABAA&oq=Unica+Z%C3%BCrn&gs_lcp=CgNpbWcQARgBMgIIADICCAAyAggAMgIIADICCAAyAggAMgIIADIECAAQHjIECAA

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pbWewAQo&sclient=img&ei=KYoMX9nEG5qhkgXLxrvYCA&bih=916&biw=1401) gegenüber. 

Die 1916 in Berlin geborene Doppelbegabung Unica Zürn war schon 37 Jahre alt, als sie, ermuntert von ihrem neuen Freund Hans Bellmer, Ende 1953 gleichzeitig Anagramme zu schreiben und merkwürdige Figuren zu zeichnen begann. „Sie brauchte nicht zu üben, sie konnte es sofort vom ersten Gedicht und Federstrich an […]. Wie unglaublich schnell, in wenigen Monaten Anica Zürn in beiden Künsten zu dem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil fand und wie eng beide Kunstformen von Anfang an miteinander verbunden waren, zeigte sich bereits in dem schmalen Band ›Hexentexte‹, mit dem sie auch als Surrealistin reüssierte“ (Karoline Hille S. 327). Zürn war dem 1938 nach Frankreich emigrierten ehemaligen Berliner Dadaisten und »Puppen«-Macher Bellmer 1953 begegnet, liebte ihn vom ersten Augenblick an und er liebte sie, glich „sie doch aufs Haar seiner ›Puppe‹, wie in einer Art hellsichtiger ›Voraussicht‹ auf die spätere Begegnung modelliert. Dieser Zufall hatte sie beide zusammengeführt, genauer der ›umgekehrt objektive Zufall‹, wie die Surrealisten die Vorwegnahme eines erst später eintretenden Ereignisses nannten: Sie waren auf geheimnisvolle Weise füreinander bestimmt und hatten sich sofort (wieder-)erkannt: ›zwei vom Zufall Auserwählte‹“ (Karoline Hille S. 329). 

Zürn pflegte ein automatisches Schreiben und Zeichnen. „Sie begann, stets mit schwarzer Chinatinte, eine Linie zu zeichnen, die sich zu einem mäandernden und immer neu verzweigenden, das Blatt überwuchernden  Liniengespinst verdichtete, aus dem heraus plötzlich ein Wesen Gestalt annahm:  ›<Nach dem ersten, zögernden >Schwimmen< der Feder über dem weißen Papier entdeckte sie den Ort für das erste Auge. Erst wenn >man< sie von dem Papier her anblickt, beginnt sie sich zu orientieren und mühelos fügt sich ein Motiv zum anderen‹ […]. Mit ihrer Augen-Faszination stand Unica Zürn mitten im surrealistischen Zentrum. Augen, riesig groß und beherrschend, prägen ihr Schaffen insgesamt […]. Und noch etwas verband Anica Zürn eng mit den Ursprüngen der Bewegung: die Entdeckung des Bösen, ›Die Gesänge des Maldoror‹ von Lautréamont, seit 1917 die >Bibel< der Surrealisten. Sie las das bereits 1954 übersetze Buch erst vier Jahre später und liebte es sofort. Seit der ›Anbetung des >Bösen< […] schmeckt mir das Süsse nicht mehr‹, schreibt sie an Berliner Freunde“ (Karoline Hille / Anica Zürn S. 330 f.).

Im Oktober 1960 wird sie psychisch krank und in die Karl-Bonhoeffer-Heilstätten in Berlin eingeliefert. Man diagnostiziert eine chronische Psychose mit deliranten Schüben paranoider Gestalt. „Eine zehnjährige Klinik-›Karriere‹ begann, unterbrochen durch Trennungen, Selbstmordversuche, tiefste Depressionen und ›gesunde‹ Phasen, in denen sie die für sie keineswegs beängstigenden, halluzinierten Bilder und Visionen zeichnete und vor allem aufschrieb, so genau wie möglich, ganz sachlich und bisweilen mit ironischem Blick. Es gab keine Antwort auf die Frage nach dem Zufall, die sie seit 1970 umtrieb: Was wäre denn gewesen, wenn sie in Berlin bei Mann und Kindern geblieben wäre? Nie hätte sie Anagramme gedichtet. Nie wäre sie ›nach Paris gekommen und hätte nicht >den Mann im Jasmin< kennengelernt, um durch diese Begegnung geisteskrank zu werden‹. Vielleicht aber wäre sie trotzdem krank geworden – ›wer weiss das zu sagen‹. Während eines Klinikurlaubs bei Hans Bellmer in Paris stürzt sich Unica Zürn am 19. Oktober 1970 aus dem Fenster der gemeinsamen Wohnung in den Tod“ (Karoline Hille / Anica Zürn S. 332).

Das Katalogbuch ist klassisch wissenschaftlich erarbeitet, wie gewohnt gut strukturiert, gestaltet und gedruckt und kann nach der FAZ schon jetzt als Standardwerk gelten.

ham, 14. Juli 2020

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