Aug 29

Food – Ökologien des Alltags

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Publikation zur 13. Triennale Kleinplastik Fellbach vom 11. Juni – 2. Oktober 2016, herausgeben von
Susanne Gaensheimer, Anna Goetz und Christa Linsenmaier-Wolf mit Texten von Felix Boecker, Lukas
Engert, Dominik Fink, Timon Karl Kaleyta, Muriel Meyer, Yvette Mutumba, Kerstin Renerig, Marina
Rüdiger und Sebastian Schneider

Stadt Fellbach / Kerber Verlag, Bielefeld, 2106, ISBN 978-3-7356-0229-9, 216 Seiten, Klappenbroschur,
Format 24 16,5 cm, 28,00 / CHF 34,38

Essen und Trinken können in Fellbach in der ortsansässigen und in der Top-Gastronomie zu einem Fest der
Sinne werden. Man findet alles, was das Herz begehrt, von solide, gediegen schwäbisch und international bis
gehoben, traditionell und klassisch und gehoben, kreativ und modern. Mit gleich drei Erzeugern von Weinen
der Spitzenklasse steht der Weinbau der Gastronomie in nichts nach. Deshalb sollte man annehmen, dass
auch die 13. Triennale der Kleinplastik Fellbach den Augensinn auf vorzüglichste bedient. Aber bei der
Lektüre des auf Homepage der Triennale für 4. September 2016 angekündigten traditionellen Tags der
offenen Tür wird man stutzig. Dort heißt es, dass man die Ausstellung an diesem Tag bei freiem Eintritt
besichtigen kann und der Besuch in „Verbindung mit einer Führung“ doppelt interessant wird, „denn: wer
mehr weiß, versteht mehr von den Werken“ (In: http://www.triennale.de/aktuelles.php). Dieser im ersten
Moment nicht gerade aufregende Hinweis scheint eine Binsenweisheit zu sein. Was sie sagt, ist zweifellos
richtig und allseits bestens bekannt. Man versteht in der Tat von Kunstwerken mehr, wenn man weiß, wer
hinter ihnen steht und was sie sagen wollen. Aber nach dem genaueren Studium des zur Ausstellung
erschienen Katalogs könnte er auch eine andere Seite haben. Er könnte womöglich auch so gelesen werden,
dass man einzelne oder einen Teil der Werke nicht versteht, wenn man die Künstler und den Hintergrund
ihrer Exponate nicht kennt.

Der von den Kuratorinnen der Ausstellung Susanne Gaensheimer und Anna Goetz und der Leiterin des
Kulturamts der Stadt Fellbach Christa Linsenmaier-Wolf herausgegebene Katalog scheint dieses mögliche
Nichtverstehen von vornherein ausschließen zu wollen. Er bietet auf 133 von 216 Seite in Deutsch und
Englisch alles an kunsthistorischen, soziologischen, anthropologischen, ökologischen und ökonomischen
Hintergründen auf, was zum Verstehen der in den Exponaten der Triennale der Kleinplastik Fellbach
gespiegelten globalisierten Nahrungsmittelproduktion hilfreich sein könnte. Er kommt deshalb eher
theorielastig als sinnlich daher. Der zweifelsfreie Vorteil ist, dass man beim Besuch der Ausstellung nach der
Lektüre des Katalogs das eigene Sehen und das dann gespeicherte Vorwissen kombinieren und von Fall zu
Fall überprüfen kann, ob man in den Exponaten auch noch etwas Eigenes und anderes als die Katalogautoren
und Katalogautorinnen entdeckt. In diesem günstigeren Fall kann man sich dafür entscheiden, dass man sich
ähnlich wie bei einem guten Essen oder einem Spitzenwein dem freien Spiel der Sinne überlässt und den
ästhetischen Mehrwert selbst herausfindet, der gute Kunst ebenso auszeichnet wie gutes Essen und guten
Wein. Im ungünstigeren Fall wird einen die Theorielastigkeit des Katalogs am eigenen Sehen hindern. Mit
dem Sprichwort gesagt: Man sieht dann vor den Bäumen den Wald nicht mehr.

Hilfreich am Katalog sind in jedem Fall die Hinweise, dass das 1971 von Gordon Matta – Clark und anderen
im New Yorker Stadtteil SoHo gegründete Food – Restaurant ebenso wie die Positionen von Félix Gonzáles-
Torres und Paul Thek eine Art historische Referenz für die in der imposanten historischen Kelter gezeigten
Kleinplastiken bilden und dass den künstlerischen Positionen von Andrea Büttner, Laure Prouvost und
Subodh Gupta eine Schlüsselrolle für die Ausstellung zukommt. Ihnen wird deshalb zugestanden, in der
Ausstellung größere Werkgruppen zu zeigen. Die Vorstellung der Arbeiten der 1972 in Stuttgart geboren
Andrea Büttner im Katalog mag veranschaulichen, wie die Arbeiten über 40 KünstlerInnen der Ausstellung
eingeführt werden.

Büttner zeigt in der Triennale „mehrere Werkgruppen, die unter dem ambivalenten Titel Little Works ihre
Beschäftigung mit Kleinheit als ein künstlerisches Programm vorstellen. Kleinheit wird von der Künstlerin
nicht nur als räumliche Größe, sondern auch als eine Haltung begriffen, die im Kontrast zum Streben nach
Maximierung und Expansion steht. Als «Ausstellung-in-der Ausstellung» präsentiert Büttner bemalte Steine
von KünstlerInnen wie Fahr-el-Nissa Zeid, Georges Huget und James Lee Byars. Die Zusammenstellung
zeigt, dass das Bemalen von Steinen […] in unterschiedlichen historischen und sozialen Kontexten
praktiziert wurde. Allerdings kommt diesen Werkgruppen selbst in der Rezeption einer prominenten
Künstlerfigur wie James Lee Byars nur eine marginale Rolle zu. Büttner nützt die Ausstellung als Forum, um
den kleineren Werken eine größere Aufmerksamkeit zu geben und um die Kriterien zu hinterfragen, aufgrund
derer wir Objekte als Kunstwerke erkennen. Kleinheit […] spielt auch bei Büttners Auseinandersetzung mit
Moos eine entscheidende Rolle. Die nur langsam wachsenden Moose verhalten sich anderen Pflanzen
gegenüber konkurrenzschwach, weshalb sie oft an Orten zu finden sind, die von anderen Pflanzen nur selten
besiedelt werden […]. Büttner präsentiert einen mit verschiedenen Moosen bewachsenen Tuffstein sowie
einen Bronzeabguss von Moos […]. Auf die Skulpturen beziehen sich […] eine Reihe von sprachlichen
Beschreibungen über Moos […]. Mit Büttners Tischgruppe findet eine direkte Anbindung an die Thematik
von FOOD- Ökologie des Alltags statt. Der Tisch verweist auf die Zusammenkunft und das Erleben von
Gemeinschaft, insbesondere während einer gemeinsamen Mahlzeit. Darüber hinaus begreift Büttner die Tafel
auch als Display, auf dem Texte, Fotografien und kleinere Objekte arrangiert sind, die tradierte Vorstellungen
von Arm und Reich neu verhandeln. So wird eine Ambivalenz in Büttners künstlerischer Untersuchung der
Kleinheit ersichtlich, die nicht nur poetisches Potential freilegt, sondern auch eine ökonomische Ebene
einblendet, auf der Kleinheit vor allem Marginalität und Armut bedeutet“ (Sebastian Schneider S. 52).

Christoph Palm, der Oberbürgermeister der Stadt Fellbach formuliert deutlich eingängiger und prägnanter. Er
fasst den politischen und ästhetischen Horizont der 13. Triennale Kleinplastik Fellbach in seinem Geleitwort
zum Katalog wie folgt zusammen: „Gerade die Lebensmittelproduktion folgt einer Logik globaler Märkte,
die für den Verbraucher nur schwer durchschaubar ist. In ihr tritt auch deutlich die immer noch ungleiche
Verteilung der Güter zutage. Zugleich ist die Umbruchszeit, in der wir leben, mit einer allgemeinen
Verunsicherung hierzulande verbunden. Diese betrifft auch das Essen. Wie ernähren wir uns richtig? Dürfen
wir schlemmen, wenn anderswo Not herrscht? Dürfen wir Tiere essen, wenn wir nicht wissen, ob ihnen ein
artgerechtes Leben vergönnt war, bevor sie auf unserem Teller landen? «Sündigen» wir womöglich gegen
uns selbst oder gegen quasireligiöse asketische Regeln, wenn wir nicht auf gesunde Ernährung achten? Was
ist andererseits unter «gesund» zu verstehen? An die Stelle der Nahrungsaufnahme zum Existenzerhalt ist ein
hochkomplexes Handlungsfeld getreten, mit dem sich Soziologen, Theologen, Klimaforscher,
Ernährungswissenschaftler und eben auch Künstler befassen. Kunst ist freilich keine soziologische Analyse
mit anderen Mitteln und auch kein politisches Manifest. Was Künstler auszeichnet, ist ihr Eigensinn, ihr
unvoreingenommener Blick, die überraschende Formfindung […]. Von Kunst kann man lernen, eindeutigen
Lösungen zu misstrauen und über das Enträtseln vieldeutiger Gebilde zu neuen Erkenntnissen zu
gelangen“ (Christoph Palm S. 7). Wenn man die eigenen Erfahrungen im Umgang mit Gegenwartskunst und
die von Christoph Palm und den Kuratoren und Autoren des Katalogs aufgerissenen Horizonte
zusammendenkt, wäre es wohl am angemessensten, die Ausstellung zweimal zu besuchen: ein erstes Mal vor
der Lektüre des Katalogs und ohne Führung und ein zweites Mal, nachdem man den Katalog gründlich
gelesen und ausgiebig studiert hat.

ham, 27. August 2016

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