Echter Verlag, Würzburg, 2015, ISBN 978-3-429-03826-7, 320 Seiten, 30 schwarz-weiße Abbildungen,
Hardcover gebunden, Format 21 × 13,5 cm, € 14,95 (D) / 15,40 (A)

Rhöndörfer im nördlichen Unterfranken wie Eyershausen, Ipthausen, Kleinbardorf, Saal und Sulzdorf,
bilden die Folie für das von Franz Bungert gezeichnete Bild vom „alten“ Dorf, seine am Jahreslauf orientierten Sitten und Gebräuche und seine wirtschaftlichen Grundlagen. Der 1924 geborene Bungert kennt die Zeit um 1930 noch aus eigener Anschauung. Aber der von ihm gespannte Bogen greift weit über das 19. Jahrhundert zurück.

In sieben Kapiteln erzählt Bungert unter anderem vom selbstverständlichen Mitwirken der Kinder bei der täglich anfallenden Arbeit in der Haus- und Landwirtschaft, vom Haushalten als Sparen und Auskommen und vom „Dorf der offenen Tür“: „Alle Kinder kannten […] die Lebens- und Arbeitsvorgänge in nahezu allen Familien und Betrieben, sie kannten die Ställe mit dem Vieh, die Scheunen und die Schuppen in der Nachbarschaft. Sie kannten sich aus in den Küchen, den kleinen Wohnbereichen vieler Familien, bekamen da und dort etwas zugesteckt, ein Marmeladenbrot, einen Bratapfel. Gab man dem eigenen Kind etwas, dann bekam auch das Nachbarskind etwas zugesteckt, wenn es grade anwesend war. Alle kannten aus direkter Anschauung auch den Arbeitsalltag aller. Sie mussten nicht erst zum >>Schnuppern<< beim benachbarten Bauern oder Handwerker angeregt werden, sie waren >>schaulustige<< Beobachter“ (Franz Bungert S. 61). In den Kandeln konnte man unmittelbar nachvollziehen, was es bei den Nachbarn zu Essen gegeben hatte. Unterirdische Leitungen gab es noch nicht. „>>Wenn nämlich es Abwasser net üwern Hof, sondern direkt aus es Haus durch e Rohr nei die Fluss-Kandel gelaffe is, konnt mer gleich gemerk: Bei derre sin Kartoffelklöss gekocht worn, weil´s Klösswasser mit di oogekochte Adöpfelsbröckelich die Flusskandel noogelaffe is. Beis anner Haus hat mer scho längst gerorche: do löfft die grüülich Wirschingbrüh devo und dort wäet grod es Spülwasser ausgeleert<< (HJ 2002 S 149. Zitiert nach Franz Bungert S. 63). Ein eigenes Kapitel ist den Berufen im „alten“ Dorf gewidmet, den Schmieden, Büttnern, Sattlern, Viehhändlern, Gerbern, Hausierern, Besenbindern und Korbflechtern. „Viele Dörfer in der Rhön lebten nicht nur von der Landwirtschaft. Auch das Handwerk war lebendig und die unterschiedlichsten Werkstätten waren im >>alten Dorf<< immerzu präsent. Man hörte und roch die Schreinerei, die verschiedenen Holzarten, die verwendet wurden, Leim, Beize und Lack, die trocknenden Säge- und Hobelspäne. Man unterschied, als der Elektromotor nach 1930 Einzug in die vielen Handwerksbetriebe gefunden hatte, bei ihm das Singen von Kreis- und Bandsäge. Man hörte das >>Schrappen<< der noch von Hand geführten, ganz unterschiedlichen Profil- und Flächenhobel. Man unterschied die Hammerschläge der verschiedenen Werkstätten. Im Sommer war es das abendliche, klingelnde Hämmern der Dengelhämmer auf den vom täglichen Mähen stumpfen Sensen. Anders das unter gezielten Hammerschlägen fortschreitende Aufziehen glühender Eisenreifen auf die hölzernen Wagenräder beim Wagner“ (Franz Bungert S.85 f.). Am Beispiel der Schäfer wird erläutert, was „unehrbar“ hieß und was das für die Kinder der Schäfer bedeutete: „Die Schäfer und Hirten […] gehörten zu den Ärmsten der Armen […]. Die Schäfer […] dienten um einen Hungerlohn. Wer den geringsten Lohn verlangte, bekam die Stelle […]. Den Lohn der Schäfer hatten die Schafhalter zu zahlen. […]. Der Schäfer […] musste sich seinen Lohn von jedem einzelnen der Schafhalter >>schütten<< lassen. Viele Zahlungspflichtige wurden säumig, reklamierten oder zahlten nicht.[…]. Und er musste in der Regel […] mehrfach vorsprechen und seine Schüttung >>erbitteln und erbetteln<<. […]. Er wurde gedemütigt und bezog Prügel von allen Seiten […]. Unser Schäfer bekam kein Bargeld von der Gemeinde und war so auf zeitraubende und verlustreiche reine Tauschwirtschaft, auf >>Kungelei<<, angewiesen. >>Schelte<< erhielt er von den Schafhaltern, die […] nicht zahlen wollten […]. Er bekam Vorwürfe von den […] Grundstücksbesitzern […], dem wankelmütigen Ortsvorsteher, dem intriganten Gemeindeschreiber, den Gemeindeverordneten […]. Für sie war der Schäfer der >>Hausnarr<< ❲〔Interpolation >>Hausnarr<< statt wie im Text >>Hansnarr<<: ham❳〕 und der >>Prügelknabe<< der Ortschaft“ und galt als >>unehrlich<<. „>>Unehrlichkeit<< zog die >>Zunftunfähigkeit<< nach sich. Die Kinder eines Schäfers konnten kein >>ehrliches<< Handwerk erlernen. Auch konnten sie in keine Handwerksfamilie einheiraten“ (Franz Bungert S. 175 ff.). Am Beispiel der Weber und Müller wird gezeigt, wie sich das „alte“ Dorf verändert hat. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit dem Aufwachsen im „alten Dorf“ und mit dem „alten Dorf“ als erlebtem Wissenskosmos. Insgesamt ist ein material- und facettenreiches Bild vom „alten Dorf“ entstanden, das das Dorfleben nicht verklärt und auch seine Schattenseiten nicht verschweigt. Der Band würde aber deutlich gewinnen, wenn die zitierten Quellen nicht nur in Ausnahmefällen, sondern durchgehend angegeben wären und wenn ein Literaturverzeichnis das vertiefende Weiterstudium erleichtern würde. ham, 27.11.2015 Download

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2019 Helmut A. Müller