C.H.Beck Wissen 2108, 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage, München 2017, ISBN 978-3
406-70824-4, 128 Seiten, Broschur, Format 18 x 12 cm, € 8,95 (D) / €9,20 (A) / E-Book € 7,99

Friedrich Wilhelm Graf versteht es, die Geschichte und Gegenwart des Protestantismus prägnant auf den
Punkt zu bringen. Sein rechtzeitig zum 500-jährigen Reformationsjubiläum in dritter Auflage erschienener
überarbeiteter und aktualisierter Überblick stellt klar, dass es nicht den Protestantismus, sondern durch
bleibende Bekenntnisunterschiede zwischen Lutheranern, Reformierten, Anglikanern, Baptisten und
Angehörigen der vielen protestantischen Denominationen, Freikirchen und Sekten geprägte protestantische
Konfessionsfamilien gibt. „Für die Geschichte des Protestantismus kennzeichnend sind darüber hinaus
Erneuerungs- und Reformprogramme, wie sie im Pietismus, im Methodismus und in diversen
Erweckungsbewegungen bzw. Revivals und Awakenings wirkmächtig Gestalt gewannen und teils die
religionskulturelle Vielfalt in den einzelnen protestantische Konfessionskirchen verstärkten, teils neue
evangelische Kirchen oder kirchliche Gruppen entstehen ließen.

Seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bewirkten die in den großen protestantischen Kirchen heftig
geführten Auseinandersetzungen um das Verhältnis des christlichen Glaubens zur Aufklärung und speziell zu
modernen politisch-sozialen Freiheitsidealen schließlich neue interne Differenzierungsprozesse […]. Die
Erscheinungsformen des Protestantischen sind seit 1800 zunehmend bunt, vielfältig und widersprüchlich
geworden […]. Protestanten waren nicht nur die Meisterdenker der deutschen Philosophie wie Immanuel
Kant, Johann Gottlieb Fichte Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel,
Protestanten prägten entschieden auch den klassischen nationalen Literaturkanon der Deutschen: Von
Gryphius über Lessing […], Mörike […] bis hin zu Hermann Hesse, Thomas Mann und Gottfried Benn
haben große Autoren als Pfarrerssöhne oder skeptische Erben protestantischer Milieutraditionen ein
Dichterleben lang immer auch die Wirkungsgeschichten einer spezifischen religiösen Sozialisation
fortgeschrieben. Protestantische Profile können staatsnahe Züge tragen oder als subversiv denunziert werden
[…]. Rigorose calvinistische Sittenwächter mit asketisch scharfen, von schmalen Lippen und harten Blicken
geprägten Gesichtern sind ebenso Protestanten wie ekstatisch tanzende schwarze Gospel-Sänger in New
York oder lutherische Bauern im Süden Brasiliens, die im Schöpfergott primär den Garanten von Zucht und
Ordnung sehen. Schwedische und finnische lutherische Pfarrer, die in alten katholischen Messgewändern
Hochämter singend zelebrieren, markieren den einen, bewusst romnahen Pol des Protestantischen –
Waldenser mit ihrem radikalen »Bergpredigtchristentum« […] den dezidiert hierarchiekritischen,
basisgemeindlichen Gegenpol […]. Alle Protestantismen beziehen sich auf die Reformationen des 16.
Jahrhunderts und die damals formulierte Fundamentalkritik an der spätmittelalterlichen katholischen Kirche“
(Friedrich Wilhelm Graf S. 7–11.).

Was aber heißt und meint dann »Protestantismus«? Zunächst wurde Protestantismus als Rechtsbegriff zur
Bezeichnung der Reichsstände verstanden, „die sich den 19 mit Fragen der Evangelischen befassten
»Protestationes« auf den Reichstagen von 1521 bis 1529, insbesondere der Speyerer »Protestatio«
angeschlossen hatten […]“ (Friedrich Wilhelm Graf S. 12). Um 1700 kommt unter dem Einfluss des sich als
protestantische Nation verstehenden England auch in Deutschland die Rede von den Protestanten auf; diese
Bezeichnung wurde ihnen anders als der Würdetitel „Evangelische“ auch von ihren katholischen Gegnern
bereitwillig eingeräumt. Zwischen 1770 und 1830 wird Protestantismus mit individueller Freiheit,
Selbstdenken und sittlicher Tugend verknüpft. Für Hegel ist der Eigensinn und die Absicht, nichts
anzuerkennen, was nicht durch den Gedanken gerechtfertigt ist, für das Protestantische charakteristisch. Ab
etwa 1820 wird die exklusive Bindung an die Heilige Schrift, das sogenannte sola scriptura als
»Formalprinzip« und das sola fide als »Materialprinzip« des Protestantismus verstanden. Zusammen mit
dem sola gratia, das das Heil an das Evangelium bindet und jede Heilsvermittlung durch die Kirche
ausschließt, spiegelt sich in den drei Transzendenzchiffren sola gratia, sola scriptura und sola fide der
reflexive Grundzug protestantischer Subjektivität, der die Aufwertung der Individualität und eine
selbstbestimmte Lebensführung ebenso begründet wie die Verweltlichung der Welt, die Freiheit von
Wissenschaft, Forschung und Lehre, die Moralisierung des Politischen, den Aufstieg des Protestantismus zur
Bildungsmacht und die Vorstellung, dass sich der Glaube im Alltag der Welt und nicht im Nach- und
Mitvollzug gottesdienstlicher Rituale zu bewähren hat.

Unter den weltweit rund 900 Millionen Protestanten wachsen die pfingstlerisch und charismatisch
orientierten am stärksten. In Europa und in Nordamerika nehmen die Protestanten ab, in Lateinamerika,
Afrika, Ozeanien und vor allem in Südkorea nehmen sie zu. In den Stammländern der lutherischen
Reformation sind die Protestanten zu einer Minderheit geworden. Drei Tendenzen verdienen nach Graf eine
besondere Beachtung: Auf dem pluralistischen Religionsmarkt der USA verlieren derzeit die main line
churches ähnlich wie in Europa kontinuierlich an Mitgliedern, „weil sie trotz ihrer betonten volkskirchlichen
Offenheit für ganz unterschiedliche Sozialgruppen der hohen Vielfalt sehr widersprüchlicher, heterogener
Erwartungen nicht mehr gerecht zu werden vermögen […]. Davon profitieren all jene protestantischen
Kirchen, Denominationen und Gruppen, die in kritischen Außenperspektiven gern als »fundamentalistisch«
etikettiert werden. Gerade die harten, in Lehre und Lebensführung stark bindenden Protestantismen sind auf
dem konkurrenzbestimmten Religionsmarkt der USA seit den 1970er Jahren besonders erfolgreich gewesen“
(Friedrich Wilhelm Graf S. 116 f.).

Zweitens: Viele Fromme deuten ihren Übergang aus der katholischen Kirche in eine protestantische
Pfingstgemeinde in der Tradition von Max Weber und Ernst Troeltsch „in Konzepten einer moralischen
Ökonomie, die langfristige Gewinne durch starke innerweltliche Askese verspricht. Die strenge asketische
Selbstdisziplin, die in den pfingstlerischen Gemeinden Lateinamerikas erfolgreich institutionalisiert ist, die
Bereitschaft, mehr und härter zu arbeiten und weniger in den Tag hinein zu leben, führt auch dazu, dass viele
der Pfingstchristen ihren neuen Gottesglauben durch wirtschaftliche Erfolge bestätigt sehen. Ihr sozialer
Aufstieg, von anderen häufig als ein Zeichen wunderbare Errettung durch Gott gedeutet, wird so zum
Vehikel erfolgreicher Mission“ (Friedrich Wilhelm Graf S. 118 f.)

Drittens: Der Terminus Protestantismus ist „in komplizierten Überlieferungsprozessen zu einem
christentumshistorischen und konfessionskundlichen Oberbegriff für alle Formen des Christentums“
avanciert, „die sich auf die reformatorischen Protestbewegungen des 16. Jahrhunderts zurückführen und sich
als dritte Sozial- und Glaubensgestalt des Christlichen neben den orthodoxen Kirchen und der römischkatholischen
Kirche verstehen. Das Protestantische wurde dabei immer assoziiert mit der niemals
abgeschlossenen Erneuerungen der Religion durch den Rekurs auf ihre normativen Grundlagen, im Fall des
Christentums auf die Bibel, mit der Vertiefung des religiösen Lebensernstes durch Verinnerlichung,
Vergeistigung, Individualisierung, mit der Unmittelbarkeit des einzelnen Frommen zu Gott, mit der
Aufwertung des innerweltlichen Berufs und aktiver Weltgestaltung. In diesem Sinne hat das Protestantische
in den Religionsgeschichten der Neuzeit weit über die Grenzen des Christentums hinaus eine starke
religionskulturelle Prägekraft zu entfalten vermocht. Schon im 19. Jahrhundert hatte das deutschsprachige
Reformjudentum seine Religionssynthese von jüdischer Überlieferung und aufklärerisch-liberaler
Bürgerlichkeit stark nach dem Vorbild des liberalen Kulturprotestantismus modelliert“ (Friedrich Wilhelm
Graf S. 119). Analoges lässt sich für die protestantische Grundierung der römisch-katholischen Kirchen in
den USA ab den 1930er Jahren sagen. In den 1950er Jahren forderten buddhistische Mönche in Sri Lanka
eine Erneuerung des Buddhismus im Sinne eines »buddhistischen Protestantismus« und diverse islamische
Gelehrte fordern eine aus den eigenen heiligen Texten schöpfende »Islamic Reformation«, die auf einen
»Protestant Islam« hinauslaufen soll. Damit hat sich das Protestantische „über seine originären
konfessionschristlichen Schranken hinaus entgrenzt“ und ist „zu einem vielfältig wirkmächtigen
theologischen und religionskulturellen Ideenkomplex“ geworden, „der in den Symbolsprachen höchst
unterschiedlicher Religion und Glaubensrichtungen jeweils mit eigenen Elementen verschmolzen werden
kann“ (Friedrich Wilhelm Graf S. 120 f.).

ham, 23. Mai 2017
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