Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 22.5. – 13.9.2105 im Jüdischen Museum Berlin herausgegeben von Peter Greenaway, Margret Kampmeyer, Cilly Kugelmann im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin mit Texten von Omri Boehm, Margret Kampmeyer, Cilly Kugelmann u.a.

Jüdisches Museum Berlin / Kerber Verlag Bielefeld Berlin, 2015, ISBN 978-3-7356-0067-7, 156 Seiten, 9 schwarz-weiße und 83 farbige Abbildungen, Klappenbroschur, gebunden, Format 29 × 23 cm, € 35,00

Für den aufgeklärten westlichen Leser führt die Erzählung von Erzvater Abraham, der bereit ist, seinen geliebten Sohn Isaak auf Gottes Befehl zu opfern, ein abgründiges Gottes- und Menschenbild vor, das allen Vorstellungen von einem den Menschen zugewandten Gott und einem liebenden Vater Hohn spricht. Gott und Abraham wären allenfalls dann zu rechtfertigen, wenn der Befehl nicht von Gott selbst, sondern wie bei Hiob von einem Versucher gekommen wäre, Gott eine Prüfung, aber kein Menschenopfer verlangt und Abraham den Befehl falsch verstanden hätte. Ob die Zuspitzung der Erzählung auf die Akedia, die Bindung Isaaks in der Hauptlinie der jüdischen Tradition das dilemmatische Gottes- und Menschenbild auflösen kann bleibt ebenso offen wie die Frage, ob das Christentum von der geglaubten Auferstehung Jesu Christi her zurecht auf die Auferstehung des geopferten Isaac schließen und die in der künstlerischen Annäherung an die Erzählung angebotene Identifikation mit dem Opfer „I am Isaac“ diese Abgründe ausleuchten kann. Im Islam unterstreicht die Erzählung nach dem Koran „zunächst – in der Kernversion – … Abrahams Gehorsam, dann in der erweiterten Fassung … die Geduld und Solidarität des Sohnes“ (Angelika Neuwirth, Koranische Neulektüre der Akedia, S. 37 f.).

Neben gelehrten Texten wie Helmut Hopings Essay zur christlichen Rezeption des Opfers Abrahams im Paschamysterium Christi, in der Liturgie der Osternacht, im >>Geheimnis des Altars<< und im Sakrament der Eucharistie mag Omri Bohems Aufsatz über die Bindung Isaaks im israelischen Selbstverständnis besondere Beachtung verdienen, weil er die feine Linie zwischen Opfer und Gehorsam, Rechtsbruch und Norm in ihrer Bedeutung für den heutigen Staat Israel aufzuzeigen versteht. Nach Boehm hat sich die Vorstellung von freiwilligem Opfer und Gehorsam tief ins israelische Bewusstsein eingeschrieben. „ Die Worte von Rabbiner Schlomo Riskin sprechen vielen aus der Seele: >> Das Paradox der jüdischen Geschichte ist: Wären wir nicht bereit gewesen, Gott unsere Kinder zu opfern, so hätten wir niemals überlebt als eine von Gott beseelte und Gott verpflichtete Nation. << Was Abraham >>zu tun gebeten wurde<<, fügt Riskin … hinzu, werde auch >>allen nachfolgenden Generationen von Juden<< abverlangt werden. Der Bezug zur israelischen Gegenwart liegt auf der Hand … In einem Staat, der sich keine Verfassung geben konnte, weil eine solche in Konkurrenz zu Gottes Willen träte, einem Land, in dem nach wie vor jede Soldatin und jeder Soldat zusammen mit der ersten Waffe eine Bibel erhält, wirkt diese Theologie weit über religiös -zionistische Kreise hinaus. Man ersetze >>Gott<< durch >>Der jüdische Staat<<, und schon wird die Bindung / Opferung Isaaks zum Gegenstand einer politischen Theologie: als Opfer und Gehorsam gegenüber dem Gebot dieses Staates - egal, wie unmoralisch es sein mag“ (Omri Boehm S. 54 f.). Boehm beruft sich gegen eine so verstandene Opfer- und Gehorsamstheologie auf Maimonides und seine elf Grade der Prophetie. Der elfte und höchste Grad der Prophetie ist nach Maimonides erst dann erreicht, wenn ein Prophet wie Abraham im Moment der Bindung einen Engel sieht und das Opfer abbricht. Vergleichbares wird von jüdischen Soldaten verlangt, wenn sie nach ihrer Dienstanweisung sorgsam darauf achten sollen, dass sie „nur rechtmäßige Befehle geben“ und „offenkundig unrechtmäßigen Befehlen“ nicht gehorchen (a.a.O S. 56). Wenn aber Gottes Befehl mit Boehm als Norm verstanden werden muss und nicht als das Außerordentliche, wird es kompliziert. Denn dann wird von den Soldaten verlangt, dass sie die alltägliche Befehls- und Gehorsamsstruktur hinterfragen und sich gegen das alltägliche banale Böse positionieren, das in dieser Struktur steckt. „Nach 47 Jahren Militärherrschaft über die Palästinensergebiete gilt es, nach dem Gehorsam gegenüber der Norm und nicht gegenüber der Ausnahme zu fragen … Damit wird eine weitere erkenntnistheoretische Komplikation eingeführt. Während es kognitiv einfach ist, von der Norm aus die Ausnahme zu erkennen, ist weniger klar, ob wir auch imstande wären, die Norm selbst als verbrecherisch zu erkennen. Denn dies würde voraussetzen, dass wir unabhängig von der Norm urteilen könnten - dass wir also kognitive Fähigkeiten frei von unserer eigenen Geschichte, Gesellschaft und Kultur besäßen. Eben diese Fähigkeiten nimmt Maimonides an, wenn er Abrahams Ungehorsam mit Prophetie in Verbindung bringt. Die moderne Epistemologie und politische Philosophie aber streitet solche Fähigkeiten eher ab“ (Omri Boehm S. 58). Die von dem Filmemacher Peter Greenaway und der Multimedia - Künstlerin Saskia Broddeke zu Thema zusammengetragenen Gemälde, Grafiken, Fotoserien, Skulpturen und Filme erzählen die Geschichte auf je eigene Weise und sind in ihrer stil- und meinungsbildenden Bedeutung kaum zu unterschätzen. „ Heute steht die Geschichte jenseits von Religion und Philosophie für menschliche Grenzerfahrung. Bilder haben daran einen entscheidenden Anteil, wobei alle Darstellungen bis ins späte 19. Jahrhundert den christlichen Blick auf die Geschichte widerspiegeln, da es in der jüdischen und der muslimischen Tradition nur sehr wenige Darstellungen biblischer Szenen gibt. Die Interpretation als psychologisches Drama über Tod und Gewalt verdanken wir vor allem zwei Bildern, die die Vorstellung von der Opferung Isaaks stark prägen. Es sind die Gemälde >>Die Opferung Isaaks<< (1603) von Caravaggio und >>Die Opferung Isaaks<< (1635) von Rembrandt van Rijn. Die Bilder stehen für zwei verschiedene Zugänge zum Thema, für die aggressive Seite von Befehl und Gehorsam einerseits und für das seelische Konfliktpotenzial des Glaubensbeweises andererseits. Caravaggio hat das Geschehen als aggressiven Akt vorgestellt und die Ausführung des Gottesbefehls ohne Gefühlsregung gezeigt … Wie anders das Gemälde von Rembrandt! … Verglichen mit Caravaggio malt Rembrandt den kritischen Moment … als Psychodrama … Abraham ist ein Vater in Verzweiflung und fieberhafter Unruhe, dessen wirrer Haarkranz und die weit aufgerissen Augen eine Gemütslage ausdrücken, die nahe am Wahnsinn siedelt“ (Margret Kampmeyer, Cilly Kugelmann S. 14). Weitere Arbeiten stammen unter anderem von Paolo Veronese, Matthias Stomer, Denis Dailleux und Adi Nes. ham, 6.10.2105 Download

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2020 Helmut A. Müller