Mit einem Geleitwort von Papst Franziskus
Unter Mitarbeit von Gustavo Gutiérrez und Josef Sayer

Kösel – Verlag, München, 2014 ISBN 978-3-466-37106-8, 176 Seiten, Hardcover gebunden mit
Schutzumschlag, Format 22 x 14 cm, € 17,99 (D) / € 18,50 (A) / CHF 25,90

Die eigentliche Überraschung des um Beiträge von Papst Franziskus, Gustavo Gutiérrez und Josef Sayer
erweiterten Bandes des 2012 zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre ernannten
Kurienkardinals Gerhard Ludwig Kardinal Müller ist weder seine ,Option für die Armen’, noch seine Rede von sündigen Strukturen, noch sein Beharren auf dem den Transzendenzbezug offen haltenden christlichen Menschenbild: „Bei allen seelischen und materiellen Übeln, von der große Teile der Menschheit in ungerechten Systemen geplagt werden, ergreift die Kirche die vorrangige ,Option für die Armen’, nicht um Konflikte anzuheizen, sondern um die Schranken zwischen Klassen zu überwinden und Solidarität, die Menschenwürde und die Subsidiarität zu den allgemein geltenden Prinzipien einer Gesellschaftsordnung zu machen. Im Verhältnis von persönlicher Sünde und Strukturen ist zu sagen, dass es >>eine Struktur der Sünde<< (Johannes Paul II.) als Ergebnis von kollektiven Fehlentwicklungen und Ausdruck falscher Mentalitäten gibt. Diese können Sünde genannt werden, weil sie aus der Sünde kommen und zur Sünde hinführen. Aber das schließt die individuelle Verantwortung des Einzelnen nicht aus. Keiner kann sich entschuldigen, dass das System ihn gezwungen habe, andere Menschen auszubeuten und zugrunde zu richten, damit er seinen Lebensunterhalt erwerben könne“ (Gerhard Ludwig Kardinal Müller S. 56 f.). Die in der christlichen Hoffnung begründete Zuversicht, dass es schon in dieser Welt eine bessere Zukunft für Unterdrückte und Arme geben kann, wird schon in den vorreformatorischen Bewegungen und in den Bauernkriegen, an der Wende zum 20. Jahrhundert in der religiös-sozialen Bewegung bei Leonhard Ragaz, Hermann Kutter und Christoph Blumhardt und erneut und verstärkt in den 1960er Jahren diskutiert, so unter anderem in der 1964 erschienener ,Theologie der Hoffnung’ von Jürgen Moltmann, in der 1968 erschienenen ,Theologie der Welt’ von Johann Baptist Metz und in der 1971 erschienen ,Theologia de la liberation’ von Gustavo Gutiérrez. Überraschend ist, dass sich der damals schon zwei Jahre lang Dogmatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München lehrende Müller nach einer Begegnung mit Gustavo Gutiérrez im Institut Bartholomé de las Casas im Jahr 1988 auf dessen Konzeption von Theologie und zwischen 1988 und 2002 jeden Sommer auf ein Leben ohne Wenn und Aber in den Elendsvierteln verschiedener lateinamerikanischer Länder eingelassen hat. „Mit dem Seminar unter der Leitung von Gustavo Gutiérrez vollzog sich bei mir eine Wende von der akademischen Reflexion über eine neue theologische Konzeption zu der Erfahrung mit Menschen, für die diese Technologie entwickelt worden ist. Für meine eigene theologische Entwicklung ist diese Umkehrung der Reihenfolge von der Theorie zur Praxis hin zu dem Dreischritt >> Sehen-Urteil-Handeln<< entscheidend geworden … Die Aussagen der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellín und Puebla waren uns geläufig. Der Streit ging darum, ob hier aus dem Christentum eine Art politisches Erlösungsprogramm gemacht werden sollte … Das Erste, was uns … Gutiérrez beibrachte, war die wichtige Einsicht, das es hier um Theologie und nicht um Politik geht … Wie kann man von Gott sprechen angesichts des Leidens der Menschen, der Armen, die ihren Kindern kein Brot zu essen geben können, die keine medizinische Versorgung beanspruchen können, denen die Schulbildung verwehrt bleibt, die vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben ausgeschlossen, die marginalisiert und als Last und Bedrohung des Lebensstils einiger weniger Reicher empfunden werden? Und diese Armen sind nicht eine anonyme Masse. Jeder von ihnen hat ein Gesicht … Mit dem Aufenthalt in Peru im Jahr 1988 war … aber nicht nur das Seminar mit Gustavo Gutiérrez verbunden … , sondern … auch die lebendige Begegnung mit den Armen, über die wir gesprochen hatten. Wir lebten einige Zeit zusammen mit den Menschen in den Elendsvierteln von Lima und dann auch mit den Campesinos der Pfarrei von Diego Irrarazaval am Lago Titicaca. Seit dieser Zeit bin ich etwa 15-mal in Peru und anderen Ländern Lateinamerikas gewesen - oft über viele Monate während der Semesterferien in Deutschland“ (Gerhard Ludwig Kardinal Müller S. 35 ff.). Josef Sayer erwähnt in seinem Beitrag, dass Müller aus einer Arbeiterfamilie stammt und sein Vater Arbeiter am Fließband bei Opel war. „Die Familie kannte Not und Entbehrungen der Nachkriegszeit … Diese familiäre Herkunft erleichterte es Müller sicherlich, sich grundlegend auf die Situation der Campesinos in den Anden einzulassen. Was besonders beeindruckend war, ist, dass Müller das karge Leben der Campesinos in den abgelegenen Dörfern meiner Andenpfarrei teilte … Nicht nur dass das Pfarrhaus sehr rustikal und spartanisch ärmlich war. Bei den Pastoralbesuchen in den abgelegenen Gemeinden der Pfarrei schlief er auf dem gestampften Lehmfußboden in den äußerst bescheidenen Lehmziegelhäusern der Campesinos auf Alpakafellen und halte die Unbilden von Flöhen und Meerschweinchen zu ertragen. Zu Fuß ging es oft bei Kälte und Hagel auf steilen Bergpfaden in die Dörfer bis zu 4300 m Höhe. Gegessen wurde mit den Campesinos, meist Kartoffelsuppe und gedämpfter Mais … Müller lernte … auch die >>Faenas<< kennen, die unentgeltliche Gemeinschaftsarbeit zu Verbesserung der Dorfsituation und andere Elemente ihrer besonderen Kultur. Er feierte mit ihnen ihre Feste und lernte - ungeachtet aller Armut - Ihre Fähigkeit zur Freude und ihre Volksreligiosität schätzen“ (Josef Sayer S.96 f.). Dass anders als im Verlagsprospekt angekündigt nicht Gustavo Gutiérrez ein Vorwort, sondern Papst Franziskus ein Geleitwort für den Band geschrieben hat, hat Müller dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. zu verdanken. Für Papst Franziskus gibt es „viele Formen von Armut: materielle, wirtschaftliche, geistliche, soziale oder moralische Armut … , den größten Abscheu erregt aber die wirtschaftliche Armut. Darin liegt eine tiefe Wahrheit. Das Geld ist ein Mittel, das … das Vermögen der menschlichen Freiheit erweitert und steigert, insofern es sie in die Lage versetzt, zu wirken, zu handeln und zu Ergebnissen zu kommen. Für sich genommen ist es ein gutes Mittel … Allerdings kann dieses Mittel sich gegen den Menschen wenden. Geld und wirtschaftliche Macht können nämlich auch ein Mittel sein, das den Menschen vom Menschen entfremdet und ihn auf einen egozentrischen und egoistischen Horizont begrenzt … Wenn die wirtschaftliche Macht ein Mittel ist, das Schätze produziert, die man für sich allein behält und vor anderen verbirgt, dann produziert sie Ungleichheit und verliert ihren ursprünglichen positiven Wert … Ursprünglich ist der Mensch arm, er ist bedürftig und notleidend … Wir sind nicht von uns selbst geschaffen, und wir können nicht allein uns alles das geben, dessen wir bedürfen … Wir können das als eine Schwächung des Lebens erfahren oder als eine Möglichkeit … , um einer Welt Rechnung zu tragen, in der keiner ohne den anderen auskommen kann, in der alle für alle nützlich und wertvoll sind, jeder auf seine Weise … Wenn der Mensch sich … angewöhnt, so zu leben, wird die ursprüngliche kreative Armut nicht länger als ein >>Handicap<< empfunden, sondern als eine Ressource, in der das, was jeden bereichert und frei geschenkt wird, ein Gut ist und eine Gabe, die dann zugunsten aller zurückfällt“ (Papst Franziskus S. 9 ff.). ham 1.11.2015 Download

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