Echter Verlag, Würzburg 2019, ISBN 978-3-429-05394-9, 397 Seiten, eine Abbildung, Hardcover gebunden, Format 23 x 15 cm, € 24,90

An Wein und Weingütern herrscht kein Mangel. 2019 wurden in Deutschland in zirka 11550 Betrieben auf 102 900 ha bestockter Rebfläche rund 9,04 Millionen Hektoliter Traubenmost geerntet, in Franken auf 

6108 ha durchschnittlich 56 hl/ha, das heißt insgesamt ca. 35 000 hl. Der Bestand an Wein (einschließlich Schaum- und Jungwein) und Traubenmost belief sich im selben Jahr in Deutschland auf 12 821 244 hl, in Bayern auf 517 770 hl. Bei dieser Überfülle verwundert es nicht, dass Weinfeste und Weinproben heute zur Normalvermarktung gehört wie die Butter zum Brot. Sie sind ein ökonomisches Muss. 

Wenn die im gleichnamigen Weinbaubetrieb in Segnitz in der Nähe von Würzburg (vergleiche dazu https://www.weingut-kreglinger.de) aufgewachsene Gisela Hildegard Kreglinger den Wein als Gottesgeschenk, den Weinbau als Leben im Spannungsfeld der Schöpfung und Wein und Spiritualität verbunden sieht, macht sie das in unserer marktdominierten Gesellschaft zum weißen Raben: Sie wurde als dritte von vier Töchtern geboren, musste als Kind in Haus und Hof mithelfen und wie andere Winzerkinder in Weinfässer kriechen, um sie von Trubstoffen, Trauben- und Heferesten zu reinigen und mit Fassbürsten und viel Wasser sauber zu schrubben. Beim Abendmahl bei ihrer Konfirmation hat sie bemerkt, dass der Abendmahlswein aus dem Weingut des Vaters stammt und sich gefragt, ob die verheißene Erlösung auch den familiären Spannungen zwischen Eltern und Großeltern, der auf dem Weingut herrschende Hektik und der Dauersorge zugutekommt, dass die nächste Ernte durch Frühjahrsfröste oder spätsommerlicher Hagelgewitter vernichtet werden könnte. Und weiter: Wer ist Gott und wie hat er am alltäglichen Geschäft  Anteil? Sie hat dann gegen den ausdrücklichen Rat des Vaters Theologie studiert und im schottischen St. Andrea einen Doktorgrad in historischer Theologie erworben. Heute lebt sie in den USA.

Die jetzt vorliegende Monographie ist die Frucht ihres längeren Nachdenkens über die Frage, wie der biblische Schöpfungsauftrag ›bebauet und bewahret die Erde‹, die Arbeit im Weingut und das Abendmahl zusammenhängen. Sie vertritt die Auffassung, dass alle spirituellen Dimensionen unseres Lebens und unserer Welt zutiefst und gänzlich in materielle Dinge eingebettet und mit ihnen befasst sind. „Im christlichen Glauben haben alle Dinge spirituelle Bedeutung, gerade wegen des Glaubens daran, dass Gott die Welt so erschaffen hat, dass Geist und Materie zuinnerst miteinander verflochten sind. Dieses grundlegende Charakteristikum der christlichen Spiritualität findet seinen Gipfelpunkt in der Inkarnation Jesu Christi […]. Auch das Abendmahl lehnt ein dualistisches Konzept von Spiritualität ab. Denn in ihm nehmen wir die von Gott bewirkte Verbindung von spirituellen und materiellen Wirklichkeiten an, ehren und nutzen sie; wir lernen das Außerordentliche im Gewöhnlichen sehen. Der Gebrauch von scheinbar gewöhnlichen Dingen wie Brot und Wein beim Abendmahl fordert uns heraus zu entdecken, dass die alltäglichen Aspekte unseres Lebens von spiritueller Bedeutung sind. Das Leben und die Arbeit des Winzers auf seinem Land und mit seinen Früchten sind nicht länger nur ›ein weltlich Ding‹, sie haben spirituelle Bedeutung. Welche Haltung nimmt der Winzer gegenüber seinen Weinbergen ein, und wie bebaut er das Land? Die Schöpfung ist ein Geschenk Gottes, und die Weise, wie der Winzer damit umgeht, ist von spiritueller Bedeutung“ (Gisela H. Kreglingr S. 21).

Im ersten Teil ihrer Publikation erläutert die Autorin, wie die Bibel, die Kirchenväter und die Reformatoren zur Auffassung gelangt sind, dass der Wein Geschenk Gottes und Frucht menschlicher Arbeit ist, des Menschen Herz erfreut, uns Gott als großzügigen Geber erfahren lässt und unsere Herzen zum Himmel erhebt. Der Wein beim Abendmahl erinnert unter anderem auch an das Bild von der mystischen Kelter, in der Christus als Keltertreter Trauben mit seinen Füßen auspresst und der ausfließende Wein als sein Blut in einem Kelch aufgefangen wird (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Christus_in_der_Kelter#/media/Datei:Christuskelter.jpg; und https://de.wikipedia.org/wiki/Christus_in_der_Kelter#/media/Datei:Oberwittelsbach_3.jpg).

Wein zu verkosten ist im besten Fall wie Beten. „Es verlangt Einsatz und die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das sehr viel komplexer ist als das, was wir gewöhnlich konsumieren […]. Wein verkosten schult uns darin, ganz bei uns selbst und in der Welt um uns zu sein. Es lehrt uns auch zu sehen, dass wir Teil von etwas Größerem sind, samt der Sonne, dem Regen, dem Erdreich, den Rebstöcken, der Arbeit der Winzer und allen, die dazu beigetragen haben, uns den Wein darzubringen. Es erinnert uns daran, dass diese Welt ein schöner, geheimnisvoller Ort ist, den wir nicht für selbstverständlich halten dürfen. Es ist das Geschenk, das wir lieben, feiern und schützen sollten. Im besten Fall lehrt uns die Verkostung eines guten Weins, dankbar zu sein. Zu trinken ist beten“ (Gisela H. Kreglinger S. 168 f.).

Im zweiten Teil erkundigt Kreglinger im Gespräch mit Winzern und Winzerinnen wie Schwester Thekla von der Benediktinerabtei St. Hildegard in Eibingen (vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=abtei+st.+hildegard+in+eibingen&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=4QdQ7VAm-n0asM%253A%252CN3uFUsNW3MistM%252C_&vet=1&usg=K_OWypQKk9iP3N0CgiQF7NEVkTGYo%3D&sa=X&ved=2ahUKEwju6

Na1lqToAhUGQRUIHdyAAXwQuqIBMAp6BAgUEAY&biw=1588&bih=888#imgrc=4QdQ7VAm-n0asM), dem Kellermeister im Ruhestand Edi Kramer vom protestantisch geprägten Fürstlich Castell’schen Domänenweingut und Tim Mondavi, dem Sohn von Robert Modavi vom gleichnamigen Weingut im Napa-Valley in Kalifornien, ob ein spiritueller Umgang mit Weingütern und Wein zur Geburt besserer Weine verhilft. Tim Mondavi hat sich nach dem Verkauf des Familienweinguts im Jahr 2004 an einen der größten Weinkonzerne der Welt nach Pritchard Hill in die östlichen Hügel von St. Helena (vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=Tim+Mondavi+in+pritchard+hill+&tbm=isch&ved=2ahUKEwibyfqm0qToAhXCgqQKHTXyD3oQ2-cCegQIABAA&oq=Tim+Mondavi+in+pritchard+hill+&gs_l=img.12…180045.186880..189230…0.0..0.104.1154.15j1……0….1..gws-wiz-img.nAmUAdplRz8&ei=C2dyXtuXPMKFkgW15L_QBw#imgrc=qCkQHda_AI1vBM) zurückgezogen, um dort einen Wein von Rang und Namen zu erzeugen. „Zum ersten Mal in seinem Leben verwendet er für seinen Wein ausschließlich Trauben, die von seinem eigenen Anwesen stammen. Dieses kleine Weingut erlaubt es ihm, jeden einzelnen Rebstock, jede einzelne Landparzelle zu pflegen und mit seinem Team gemeinsam zu bearbeiten mit dem einzigen Bestreben, etwas zu schaffen, worauf sie stolz sein können. Die Familie Mondavi hat ihre Wurzeln in der katholischen Tradition, und Tim war Schüler in einem Jesuiteninternat. Seine Familie hat immer auch Wein für die Eucharistiefeier hergestellt. Nach Tims Überzeugung ist das gemeinsame Mahl die wichtigste Einrichtung für unsere Familien, denn gerade bei Tisch teilen wir ja unsere Sorgen und Freuden und lernen die Früchte des Landes wertzuschätzen. Pater Gordon kommt zum Weingut, um die Trauben im Weinberg zu segnen; dadurch wird eine lange Familientradition fortgeführt. Für Tim drückt sich sein Glaube darin aus, dass er dem Land Achtung erweist. Er erzeugt heute nur noch Weine, die von einer bestimmten Parzelle kommen, weil er glaubt, dass die besten Weine Spiegel dieser besonderen Lagen sind – genauso wie es die Mönche vor langer Zeit taten. Er glaubt, dass seine Arbeit von spiritueller Bedeutung durchdrungen ist, weil er darnach strebt, etwas Großes zu erzeugen, einen Wein mit Finesse und Nuance, der dazu beitragen kann, ein Mahl“ in ein Fest zu verwandeln (Gisela H. Kreglinger S. 207 f.).

ham, 18. März 2020

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