Wie „das Gute“ unsere Gesellschaft blockiert

Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2015, ISBN 978-3-423-2853-2, 400 Seiten, Hardcover mit
Schutzumschlag, Format 21,5 × 14,5 cm, € 21,90 (D), € 22,60 (A), CHF 29,50

Unter Moral wird gewöhnlich die Sitte, die Sittenlehre und die Ethik verstanden. Sittlichkeit im weiteren Sinne meint die im Zusammenleben einer Gemeinschaft anerkannten Regeln, Sitten und Gebräuche und die Bereitschaft, sich ihnen als dem „Schicklichen“ zu fügen. Im engeren Sinne meint Moral die Gesamtheit der Gebote für ein pflichtgemäßes Handeln und die ihm entsprechende Lebensgrundhaltung. Als philosophische oder theologische Theorie der moralischen Gesetze wird Moral gleichbedeutend mit Ethik. Der evangelische Ethiker Eilert Herms schlägt folgende auf den ersten Moment kompliziert klingende, aber treffende Definition vor: „Der Ausdruck >>Moral<< bezeichnet das Ganze einer in motivierenden und orientierenden Gewissheiten (Überzeugungen) und dadurch affektiver Strebens- bzw. Interessenlage samt zugehörigen Grundentschlüssen fundierten regelmäßigen … Interaktionsweise“ (Eilert Herms, Moral. In: RGG Band 5 L – M, 4. Auflage, Tübingen 2002, Sp. 1484). Inkonsequentes Verhalten, das Auseinanderklaffen von erwartetem und tatsächlichem Verhalten und eine „doppelte Moral“ werden früh kritisiert und es wird hinterfragt, ob es ein wie auch immer vorgegebenes Sollen überhaupt geben kann. Trotz alledem und gleichsam parallel zu den offenen Begründungsfragen wird spätestens seit der Aufklärung die Vorstellung vertreten, dass ethische Urteile unabhängig von gesellschaftlichen, lebensweltlichen, regionalen und historischen Umständen gelten sollen. Universalistische Handlungsregeln prägen die Diskussion um die Durchsetzung der Menschenrechte und auch noch Hans Küngs Programm eines Weltethos. Diese Regeln werden zwar mehr oder weniger anerkannt, aber sie werden auch „regelmäßig verletzt, wenn ihre Einhaltung besonders dringlich wäre, z.B. in Gewaltkrisen, bei der Durchsetzung politischen Machtkalküls oder besonders gewinnträchtiger Wirtschaftsinteressen“ (Hans Martin Gutmann, Christlich Handeln in Zeiten der Krise. In: Friedrich Schorlemmer, Was protestantisch ist, Freiburg 2008, S.183).

In der globalisierten Moderne mit ihren multireligiösen und multikulturellen Gesellschaften ist eine einvernehmliche Verständigung über das, was das Handeln in überschaubaren Gemeinschaften und weltweit leiten könnte, immer schwieriger geworden. Die Moral diffundiert in miteinander konkurrierende und kaum mehr miteinander vermittelbare Verständnisse von Moral; sie verdampft und wird damit zunehmend ungreifbar. Gleichzeitig nimmt ihre Funktionalisierung, das Moralisieren und der Moralismus zu. Unter Moralismus wird im alltäglichen Sprachgebrauch ein moralisch rigoroses Denken verstanden, das tendenziell moralische Urteile „auf die Prinzipien formalabstrakter Gesetzlichkeit reduziert und so die Vielfältigkeit des sittlichen Lebens verfehlt und/oder … alle Lebensbereiche unterschiedslos einer moralischen Bewertung unterwirft und so die sittliche Dimension fälschlich verabsolutiert“ (Dorothee Schlenker, Moralismus. In: RGG Band 5 L – M, 4. Auflage, Tübingen 2002, Sp. 1491). Damit entsteht eine schmerzliche Lücke zwischen dem eigentlich gebotenen gemeinsamen Handeln und dem, was tatsächlich passiert, eine Lücke zwischen Sein und Sollen.

Günter Ogger ist, wie er schreibt, eher zufällig auf diese in der professionellen Ethik lange diskutierte Lücke gestoßen, als er sein Auto an einem Freitagnachmittag in einem Münchener Parkhaus als Nichtbehinderter auf einem Behindertenplatz abgestellt hat, weil kein anderer Platz mehr frei war. Er wurde dabei von einer Frau ertappt, von ihr zurechtgewiesen und mit dem Satz „Sie sollten sich schämen!“ heftig gerüffelt. Behinderte hätten in dem Parkhaus noch genügend freie Behindertenparkplätze finden können. Juristisch gesehen wäre die Fehlbelegung ohne Folgen geblieben, da es sich um ein privates Parkhaus gehandelt hat und dort die StVO nicht gilt. Ogger hatte also keinem Behinderten einen Platz weggenommen und sich auch nicht strafbar gemacht. Aber er war dennoch im Unrecht und sein Verstoß gegen die Moral hat ihm die Augen geöffnet. „Früher hätte ich die Frau ohne ein Wort stehen lassen und mir höchstens gedacht: Was geht die das an, soll sie sich doch um ihren eigenen Kram kümmern. Als Wirtschaftsjournalist war ich daran gewöhnt, alles und jedes unter ökonomischen Aspekten zu sehen. Um Geld zu verdienen, stand man morgens auf, und ging mit dem Gedanken, morgen noch mehr zu verdienen, am Abend ins Bett. Ums Geld drehte sich einfach alles, und wer vorgab, ihm ginge es um eine tolle Produktidee, um den Nutzen für den Kunden, um eine saubere Umwelt, um soziale Gerechtigkeit, ums Weltklima oder auch nur um bessere Nachbarschaft, den hielten viele für einen Lügner. Jeder wollte seinen Vorteil und sonst nichts. Schlagartig wurde mir in diesem Parkhaus bewusst, wie sehr sich die Welt verändert hat. Die Moral ist zurück, und sie sitzt in jedem von uns. Doch inzwischen sind mir einige Zweifel gekommen“ (Günter Ogger S. 8). Ogger diskutiert seine Zweifel unter der Prämisse, dass sich die von ihm in vielen Beispielen belegte derzeitige Hochkonjunktur der Moral und die Wende vom neoliberalen Egoismus zum Moralismus keiner Wertschätzung der Moral, sondern ihrer Instrumentalisierung und Funktionalisierung verdanken. In den Augen von Ogger ist die Moral zu einem geostrategischen Machtinstrument geworden, mit dem man sich wirtschaftliche Vorteile verschaffen und Ansehen verdienen kann. „Es ist eine puritanische Moral, der sich die Wirtschaft zu unterwerfen hat. Sie kommt aus Amerika und hat die volle Unterstützung der Europäer. Der Zeitgeist, so scheint es, zwingt die reichen Gesellschaften der westlichen Welt von zwei Seiten her auf den rechten Weg: von oben, über die Politik, und von unten, über das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen. Man kann sie als eine Art Rache der Geschichte für die Verfehlungen in den fetten Jahren begreifen, doch sie ist nicht frei von Widersprüchen, denn sie enthält allerlei Fallstricke und begünstigt Täuschungsmanöver, vor allem in den Geschäftsbeziehungen mit dem Ausland. Deutschlands Wirtschaft ist bekanntlich weit mehr auf Exporte angewiesen als die amerikanische. Deshalb schadet es den US-Unternehmen weniger als den deutschen, wenn sie in Afrika, Südamerika oder Südostasien Marktanteile verlieren, weil sie nur noch absolut legale Geschäfte machen dürfen … Deutschland wäre schlecht beraten, wenn es seine guten wirtschaftlichen Beziehungen wegen eines nur vordergründig mit moralischen Argumenten geführten Konflikts gefährden würde“ (Günter Ogger, S.114f.) „Die Macher der Wirtschaft erhoffen sich von den Ethik-Lehrern Orientierung in schwierigen Zeiten und schlüssige Konzepte für die Vereinbarkeit von Macht und Moral. Weil ihm das Dilemma bewusst war, stiftete Siemens-Chef Peter Löscher 2010 der TU München einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik und bezahlte dafür 1,76 Millionen Euro aus seiner Privatschatulle. Jochen Zeitz, der ehemalige Chef des Sportartikel-Herstellers Puma, suchte nach seinem Ausscheiden das Gespräch mit Pater Anselm Grün und veröffentlichte mit ihm ein Buch. Titel: >Gott, Geld und Gewissen<.

Die Bosse wissen noch nicht so recht, wie sie mit der Moral so viel Geld verdienen können wie ohne sie … Seit Aristoteles und Platon drehen sich alle Konzepte der Ethiklehrer um die Kernfrage: Wie können die egoistischen Triebkräfte des Menschen fürs gedeihliche Zusammenleben genutzt werden? Die passende
Antwort indessen hängt vom jeweiligen Bild ab, das sich der Mensch von sich selber macht … Die
Wirtschaftsethiker der Gegenwart bemühen sich deshalb, den Menschen klarzumachen, dass sie den größten
Vorteil aus moralisch einwandfreien Handeln ziehen können. Dazu entwickeln sie integrierte Konzepte, die alles umfassen, was moralisches Handeln begünstigt und das Gegenteil zum Hochrisiko macht. Der
Zielkonflikt zwischen Erfolg und Moral lässt sich freilich nicht aus der Welt schaffen“ (Günter Ogger S. 129f.). Und auch nicht die Frage, wie das geforderte moralisch korrekte Verhalten zu begründen sei.
Ogger schließt sich in der Begründungsfrage in der Hauptlinie der neurobiologischen These an, dass die
Moral im Gehirn sitzt, „und zwar in einem kleinen Areal hinter der Stirn, das die Neurologen medialen
präfrontalen Cortex nennen. Hier vermuten die Wissenschaftler das Zentrum eines neuronalen Netzwerks,
das unser moralisches Verhalten steuert. Das Besondere daran: Es existiert angeblich schon, bevor wir die Zehn Gebote gelernt haben. Bei der Geburt bekommen wir die Moral gratis mitgeliefert. Dies jedenfalls behaupten führende Neurowissenschaftler und stellen damit alles in Frage, was wir über uns zu wissen glaubten. Die ganze Erziehung, das mühsame Bezähmen unsere Instinkte und Triebe, das Erlernen von Ge – und Verboten, die Religion, Philosophie, Ethik – alles für die Katz? Ganz so ist es nicht, aber ein bisschen schon.

Der Mensch ist besser, als er glaubt. Zu seiner biologischen Grundausstattung gehört nicht nur der
Fress-, Sexual- und Tötungstrieb, sondern auch ein Betriebssystem, das auf Moral programmiert ist. So wie jeder Mensch von Natur aus befähigt ist, Sprachen zu lernen, weiß er von Anfang an, was gut und was schlecht für ihn ist … Allerdings braucht der Mensch dann ein paar Jahre …, ehe ihm dämmert, was in seinen Brüdern und Schwestern vorgeht. Die Empathie ermöglicht es ihm, sein Verhalten so zu steuern, dass es mit den anderen kompatibel ist … Noch sind die Kenntnisse über das, was in den Schaltkreisen des Gehirns vorgeht, wenn wir lieben oder lügen, lückenhaft. Doch die Forscher kommen den Geheimnissen unserer innersten Empfindungen Schritt für Schritt näher“ (Günter Ogger S.336). Demnach hätte die Evolution den vermeintlichen Zielkonflikt am Ort seiner Entstehung schön längstens gelöst und eine weiter fortgeschrittene Hirnforschung könnte die Menschheit mit der Zeit vollends auf den Trapper bringen. Die Aussicht auf eine in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten zu erwartende Lösung des Konflikts zwischen Sein und Sollen hindert Ogger nicht daran, nach 388 Seiten auf seinem Ausgangspunkt zurückzukommen. Für ihn spricht alles dafür, dass die Moral am Beginn des 21. Jahrhunderts zurück ist und dass sie unser Leben verändern wird. „Die Diktatur der Moral wird das 21. Jahrhundert prägen. Sie wird die Art, wie wir denken, handeln, Geld verdienen, radikal verändern. Ob zum Guten oder weniger Guten, das wird sich zeigen“ (Günter Ogger, S.389). Ob man aber noch von einer Diktatur der Moral sprechen kann, wenn die Moral im Gehirn sitzt und von evolutionär angelegten neuronalen Netzwerken gesteuert wird, bleibt ebenso undiskutiert wie die Frage, ob Finanzminister Wolfgang Schäuble vielleicht nicht doch nicht als Schwabe, sondern als Badener zu bezeichnen ist.

ham, 6.8.2015

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