Katalog zur Grossen Landesausstellung ’16 des Landes Baden-Württemberg, einer Ausstellung der
Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden in Kooperation mit dem Casino Baden-Baden, dem Stadtmuseum
Baden-Baden und dem Theater Baden-Baden. Mit Grußworten von Wolfgang Schäuble und Winfried
Kretschmann, einem Essay von Johan Holten und Texten von Hendrik Bündge, Romina Farkas, Luisa Heese,
Antje Oswald, Moritz Scheper und Ana Siler. Gestaltung von Jens Rudolf

Kerber Verlag, Bielefeld, 2016, ISBN 978-3-7356-0228-2, 320 Seiten, 166 farbige und 24 schwarz-weiße
Abbildungen, Hardcover gebunden, 3/4 Leinen mit Goldprägung und rückseitig eingelassenem Titelschild,
Format 33,5 x 23,5 cm, € 48,00 / CHF 58,94

Die Bild- und nicht die Kulturgeschichte des Geldes steht im Zentrum der von der Staatlichen Kunsthalle
Baden-Baden zusammen mit diversen Kooperationspartnern erarbeiteten großen Landesausstellung ’16 des
Landes Baden-Württemberg. Das hindert Johan Holten nicht daran, wenigstens in knapper Form an die
jüngste Kontroverse um den Ursprung des Geldes zu erinnern. Die Frage nach dem Ursprung des Geldes ist
in der ausufernden Diskussion um die krisenhafte Entwicklung der Ökonomie in aller Regel zu kurz
gekommen. Holten erinnert in seinem Essay im opulenten Begleitband zur Ausstellung einleitend an den 15.
September 2008, an dem nach dem Kollaps von Lehmann Brothers knapp 25 000 Angestellte ihre Arbeit
verloren haben. Am selben Tag begann im Auktionshaus Sotheby´s Damien Hirsts am üblichen Markt
vorbei organisierte Versteigerung seiner eigens für diese Auktion hergestellten 128 Kunstwerke, bei der
insgesamt rund 111 Millionen Pfund erlöst werden konnten. „Der Finanzmarkt bricht ein, der Kunstmarkt
feiert“ und „Hirst-Auktion in London: Schlachtfest mit dem goldenen Kalb“ hat der Spiegel getitelt. „Eine
Jahresproduktion für 140 Millionen Euro unter dem Hammer: Die Mega-Auktion des britischen Künstlers
Damien Hirst war ein fulminanter Erfolg. Finanziell und konzeptionell: Der Künstler darf sich rühmen, die
Perversionen des Kunstmarktes vorgeführt zu haben. Nachdem die ersten zwölf Lots verkauft waren, löste
sich die Spannung sowohl beim Versteigerer, bei den mindestens 30 Mitarbeiterinnen am Telefon – und auch
im Saal. Denn ganz ignorieren konnte man die Bankenkrise und den tiefgrauen Montag an der Wall Street
dann doch nicht. Schon bei der Besichtigung war sie ein Thema, dem allgemein der Glaubenssatz »zurück in
die Sachwerte« entgegengesetzt wurde – was sich auch zu bestätigen scheint. Denn während der Finanzmarkt
einbricht, registriert der Kunstmarkt immer neue Rekorde; so bei dieser Auktion“ (Ingeborg Wiensowski in
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/hirst-auktion-in-london-schlachtfest-mit-dem-goldenen-kalba-
578527.html).

Holten bescheinigt den Akteuren des Finanzmarkts und den Theoretikern der Ökonomie ein kurzes
Gedächtnis. „Nur wenige Jahre nach einer Krise sind alle Marktteilnehmer davon überzeugt, dass die
Bedingungen des jetzigen Marktes mit denen vorher Krisen nichts mehr zu tun haben […]. Das kurze
Gedächtnis […] betrifft […] auch die theoretische Ökonomie, die wegen der Natur ihrer Quellen und
Methoden nur bedingt in der Lage ist, längere geschichtliche Entwicklungen abzubilden. So klafft zwischen
den ältesten je gefundenen Münzen aus Vorderasien, die von Archäologen auf um 600 v. Chr. datiert werden,
und dem Aufkommen moderner statistischer Datensätze eine Lücke von 2400 Jahren. Hier müssten
Anthropologen und Kulturwissenschaftler einspringen, um aus anderen wissenschaftlichen Perspektiven die
Lücke zu füllen“ (Johan Holten S. 23). Nach Holten könnten Kulturwissenschaftler wie Christina von Braun
und Thomas Macho in die Bresche springen, die auf die Verbindung von Geld, Schuld, Religion und
Geschlechterpolitik hingewiesen haben und weiter David Graeber und Tomáš Sedláček. Graeber hat
nachzuweisen versucht, dass Schulden in den meisten Gesellschaften schon lange vor Geld entstanden sind.
Sedláček geht von der Annahme aus, dass vielfältige moralische Märkte am Anfang der Ökonomie stehen
und dass man Märkte nur versteht, wenn man die moralische und psychische Verzagtheit der Menschen, die
in diesen Märkten agieren, mit in seine Modelle einbezieht. Entsprechend steht am Anfang der Recherchen
für die Ausstellung die Frage, wie eine Bildgeschichte des Geldes aussehen könnte, „die nicht primär das
Geld selbst zeigt, sondern darüber aufklärt, wie Menschen in unterschiedlichen Epochen mit Geld
umgegangen sind […]. Es ist eine Geschichte, die zeigt, in welchem Kontext der menschliche Umgang mit
Geld durch die Jahrhunderte von Künstlern dargestellt worden ist […] (und) wofür sich Künstler in ihrer
jeweiligen Gegenwart interessiert haben […]. Ist es in einem Jahrhundert der Aufstieg von Handelsleuten
[…] und vollwertigen Bürgern, der neue Bilder hervorbringt, ist es in einem anderen Jahrhundert eine
veränderte Sichtweise auf Armut […]. Im Zentrum der Bildgeschichte der Ökonomie […] steht die sich
immer wieder wandelnde Darstellung von Geld in Kunstwerken während 750 Jahren und dabei liegt der
Fokus nicht auf den beiden Extremen von Gut und Böse, sondern auf den vielfältigen moralischen
Schattierungen dazwischen, die das Wesen dieser Geschichte ausmachen“ (Johan Holten S. 25 ff.).

Der in der Staatlichen Kunsthalle gezeigte Teil der Ausstellung setzt mit einem rund 2600 Jahre alten
leichten Stater, einer Münze aus dem Königreich Lydia, einer mesopotamischen Schuldentafel aus dem 19.
vorchristlichen Jahrhundert und der auf einen hölzernen Buchdeckel gemalten Darstellung des Finanzwesens
im mittelalterlichen Siena ein. Das Bild zeigt „in der rechten Hälfte einen Mann hinter einem Tisch […],
gerahmt von einem Torbogen. Mit seinem rechten Finger weist er auf eine Stelle in einem vor ihm liegenden
Buch. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, so dass wir nicht wissen können, ob er mit einer anderen Person
über den Bucheintrag spricht. Links vor dem Buch sind auf dem Tisch ein geschlossener Sack sowie 21
runde Punkte zu sehen […]. Der Sack, in dem anscheinend weitere Münzen enthalten sind, ist zwar mit einer
Schnur zugebunden, aber um ganz sicher zu gehen, dass das Publikum versteht, dass es sich hierbei um einen
Geldsack handelt, hat der Künstler diesen halb transparent gemalt und so den Blick auf die darin
aufbewahrten Geldstücke freigelegt“ (Johan Holten S. 27). Weitere Arbeiten stammen von Theodoor
Rambouts (Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel, 17. Jh.), einem unbekannten holländischen Maler
(Der verlorene Sohn, ca.1610), Pietro della Vecchia (Der Zinsgroschen, ca. 1650/1660), Giovanni Carlone
(Josef wird von seinen Brüdern verkauft, 17. Jh.), Hanne Darboven (Soll und Haben, 1993), Andy Warhol
(40 Two Dollar Bills, 1962) und Maria Eichhorn (Maria Eichhorn Aktiengesellschaft, 2002). Den Abschluss
des Rundgangs bildet die Videoarbeit Middleman von Aernot Mik, die zwei Monate vor dem 11. 9. 2001
einen möglichen Börsencrash simuliert. Im Stadtmuseum Baden-Baden wird die Geschichte des Monopoly-
Spiels nacherzählt, das seinen Ursprung in den krisenhaften Jahren des frühen 20. Jahrhundert hat.
Sozialdokumentarische Fotos begleiten diese Geschichte. Bei den in den historischen Spielsälen des Casinos
Baden-Baden neben den Roulette- und Black-Jack-Tischen präsentierten Arbeiten geht es um die Frage, „wie
heute auf ganz anderen Märkten um das große Geld gespielt wird. Im Fokus stehen dabei Werke, die
selbstironisch die rasant gestiegenen Preise von Gegenwartskunst aufgreifen, aber auch Objekte, die […]
das Casino der Finanzmärkte […] reflektieren. Der Schweizer Christoph Büchel führt mit seinem Werk
Socks, das aus vom Künstler getragen Socken besteht, den überhitzten Kunstmarkt und die stetig wachsende
Nachfrage nach Kunstwerken als Anlageobjekte ad absurdum […]“ Büchels Galerie hat die Socken 2009 auf
der Londoner Kunstmesse Frieze für 20 000 Pfund zum Verkauf angeboten (Moritz Scherer S. 231 und S.
239).

Begleitende Angebote wie die in der Süddeutschen Zeitung parallel zur Ausstellung erschienene achtteilige
Artikelserie ›Reden wir über Geld‹, ein eigens zu den Ausstellungen entwickeltes Film- und
Veranstaltungsprogramm, ein Podium mit führenden Finanzwissenschaftlern, eine Performance, ein
Monopolyturnier, ein Kinder- und Familienprogramm und die Aufführung von Elfriede Jelineks
Wirtschaftskomödie über Gier im Theater Baden-Baden runden das in der Ausstellung gezeichnete Bild ab.
Wer mit Georg Simmel davon ausgeht, dass das Geld in der Neuzeit psychologisch die Rolle Gottes
übernommen hat und mit Wolfgang Huber vom religiösen Grundcharakter des Geldes überzeugt ist, hätte
den Komplex Gott und Geld in der Ausstellung und im Begleitprogramm gerne stärker herausgearbeitet
gesehen (vergl. dazu Wolfgang Huber, Gott und Geld: Christliche Ethik und wirtschaftliches Handeln. In:
https://www.ekd.de/vortraege/huber/071019_huber_muenchen_langenscheidt.html), auch wenn die
Ausstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und anderen Paradigmen folgt.

ham, 1.Mai 2016

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