Aus dem Niederländischen von Anna Carstens und Angela Wicharz- Lindner

Verlag Antje Kunstmann, München 2014, ISBN 978-3-88897-972-9, 320 Seiten, Hardcover gebunden mit Lesebändchen, Format 21,5 × 14,4 cm, € 19,95 (D) / € 20,60 (A)

Guus Kuijers Bibel für Ungläubige und seinen hoffentlich bald um Folgebände erweiterten ersten Band über die Genesis können auch Gläubige großartig finden. Sie werden ihn dann mutmaßlich wie der Autor dieser Rezension in einem Zug vom ersten bis zum letzten Satz verschlingen. Kuijers hochgestimmte dramatische Nacherzählung von ausgewählten Geschichten aus dem ersten Buch der Bibel erinnert an die aus Kindergottesdiensten, dem Grundschulreligionsunterricht und dem Bibliodrama bekannte verwegene Vermischung und Verquickung von biblischen Basiserzählungen , ihren phantastisch- fiktionalen Erweiterungen durch die Erzähler und von Einladungen an alle Beteiligten, sich mit den Hauptfiguren zu identifizieren. Kein die Phantasie einschränkendes Dogma und kein bibel- und literaturwissenschaftliches Korsett haben dieser Melange aus Narration, Fiktion und Identifikation Grenzen gesetzt. In dieser Öffnung haben die Erzählungen der Bibel zu sprechen begonnen und sind darüber für viele zum Leitfaden geworden. Die Geschichten der Bibel haben sie begleitet. Sie haben gelernt, in ihnen wie in zugleich vertrauten und fremden Landschaften spazieren zu gehen. Ihr emotionales Nacherleben hat den Horizont erweitert, auf Grundfragen des Daseins aufmerksam gemacht, den für Gläubige und Ungläubige allgegenwärtigen Zweifel herausgefordert und eine Diskussion seines Für und Wider ermöglicht. Und genau so konnten sie auf das Leben und seine Hoch-und Schattenseiten vorbereiten.

Auch der 1942 in Amsterdam geborene gelernte Lehrer und spätere Schriftsteller und Jugendbuchautor Guus Kuijer ist mit der Bibel aufgewachsen. Aber „als ich zehn Jahre alt war, wurde mir klar, dass ich nicht an Gott glaube. Ich erinnere mich daran, wie verzweifelt ich in meinem Bett lag und zu beten versuchte, dabei aber das Gefühl hatte, es nicht wirklich ernst zu meinen. Ich spielte einen Jungen, der betete, ich spielte Theater. Trotzdem faszinierten mich die Bibelgeschichten, nicht wegen ihres frommen Inhalts, sondern wegen ihrer erstaunlichen erzählerischen Kraft. Manche Geschichten sind allzu knapp erzählt, um wirklich fesselnd zu sein, aber da wussten unsere Lehrerinnen und Lehrer Abhilfe. Die meisten von ihnen zauberten uns eine Wüste vor Augen, die sie und wir nie in Wirklichkeit gesehen hatten, sie richteten nötigenfalls ein Blutbad an, von dem man rote Ohren bekam, und weckten voller Verve unseren Zorn auf schlechte Menschen, die den eigenen Bruder als Sklaven verkauften. Ich begriff, dass diese Geschichten erzählt werden müssen. Das taten meine Lehrer mit Feuereifer, und deshalb waren diese Geschichten lebendig. Natürlich schlich sich unbemerkt die Auslegung des Erzählers in die Geschichte hinein, das ist unvermeidlich und muss auch so sein. Geschichten, die sich der Erzähler nicht zu eigen macht, sind blutleer. Die ,Bibel für Ungläubige’ folgt dieser Tradition des erzählenden Schulmeisters, mit dem Unterschied, dass dieser wahrscheinlich gläubig war und ich nicht. Im Unterschied zu ihm habe ich nach Hinweisen auf Zweifel, Widerspruch, Ungehorsam, ja sogar Unglauben gesucht, die meiner Ansicht nach in der Bibel zu finden sind. Für mich ist die Genesis alles andere als ein frommes Traktat, sondern vielmehr der Bericht über eine Reise mit ungewissem Zweck und Ausgang. Sie ist überdies… eine Beschreibung der menschlichen Art, die Auskunft über die Großartigkeit, aber gewiss auch die Engstirnigkeit unserer Spezies gibt“ (Guus Kuijer).

Kuijers Genesis-Band setzt mit der Schöpfungsgeschichte aus der Perspektive Adams ein. Kuijer stellt sich vor, dass im Nachdenken Adams über den Ursprung der Welt und des Menschen alles mit dem Wort , Gott’ begann. „Eigentlich war es ein völlig belangloses Wort, aber es sprach mich an. Es strahlte Kraft aus, auch wenn es nichts bedeutete… Da dachte ich: so hat alles angefangen. Als noch nichts da war, gab es ein Wort, das sehr stark war… Darum gab ich dem Wort Augen, Ohren, Hände und Füße…“(Guus Kuijer). Gott fühlte sich in der Vorstellung Adams allein und in der Leere nicht wohl und musste wohl deshalb etwas machen. Aus dem Seufzer „Da ist nichts. Ich muss etwas daraus machen“ wird eine Kugel, die er aus Spaß ins Nichts wirft und die mit einem ohrenbetäubenden Knall explodiert. „>> Du meine Güte!<<, rief Gott erschrocken. >>Was für ein Krach!<< Die Stücke und Brocken flogen in alle Richtungen, denn in der Kugel steckte eine wahnsinnige Kraft. Damit hatte Gott nicht gerechnet…“ (Guus Kuijert). Gott ist nichts menschliches fremd. Deshalb kann er auch verstehen, dass auch Adam sich allein fühlt und sich nicht, wie er vorschlägt, mit einem Hund zufrieden gibt, sondern eine Frau will wie alle anderen Tiere auch. Weder die Aussicht, dass es zwischen ihm und seiner Frau Meinungsverschiedenheiten und Streit geben könnte, noch die Vorstellung, dass sie ihm einflüstern könnte, er habe sich seinen Gott nur ausgedacht, kann ihn davon abbringen. „>>Eines Tages wird sie sagen: > Deinen Gott, den hast du dir selbst ausgedacht.< Was antwortest du dann?<< >> Dann sage ich: > Du hast recht, den habe ich mir selbst ausgedacht in Gestalt eines Menschen…<< >> Falsch!<< , rief Gott erschrocken. >> Diese Antwort ist so unvollkommen, dass sie zum Unglauben führt. Du musst hinzufügen: > Aber diese Erfindung hat mir Gott Selbst (mit großem S) ins Ohr geflüstert.<< Ich schwieg, weil ich nachdenken musste. Was war das nun? Wenn ich mir etwas ausgedacht hatte, konnte es nicht von jemand anderem ausgedacht worden sein. Oder doch? >> Denk an das Wort > Eingebung< << , sagte Gott hilfsbereit. >> Eine Eingebung ist ein Gedanke, der dir eingegeben wird. Natürlich von mir. Aber das will nicht heißen, dass es kein eigener Gedanke ist.<< Ich muss zugeben, dass meine Ungeduld in diesem Moment über mein Denkvermögen siegte. Ich wollte nicht länger allein sein. Ob Gott nun eine Erfindung oder eine Eingebung war, schien mir keine so wichtige Fragestellung zu sein. >> Wie auch immer<< , sagte ich, >> ich will eine Frau.<<“ (Guus Kuijer). Der Genesis-Band erzählt nach der Schöpfungsgeschichte unter anderem die Noah-und Sintflut-Geschichte aus der Sicht des Noah-Sohns Ham und endet mit der Geschichte von Jakobs und Joseph, die sein jüngster Bruder Ben-Oni nacherzählt. Darin ist vom Neid seiner Halbbrüder auf die Bevorzugung durch den Vater, ihrem Plan, ihn zu töten, seinem Verkauf in die Gefangenschaft, seiner Kunst, Träume zu deuten, seinem Aufstieg in Ägypten, der landesweiten Hungersnot, der Versöhnung mit seinen Brüdern und dem Zug des Stammes Israel nach Ägypten die Rede. Und insgesamt in der Deutung von Kuijer vom „Leben als eine(r) Suche, deren Ziel dem Menschen trotz seiner einzigartigen Intelligenz verborgen bleibt… Der Kampf mit Gott ist das Ringen mit dem Rätsel namens Leben“ ( Guus Kuijer). Das Schlusswort von Jochebed in Kuijers Genesis-Band könnte für die lange Tradition der mündlichen Überlieferung in der Geschichte des alten Israel stehen. „Das waren die Geschichten meiner Vorfahren. Adam, Ham, Schelach, Sarai, Isaak und Ben-Oni : Jeden von ihnen habe ich eine eigene Stimme gegeben, um sie zum Leben zu erwecken, denn sie sind die Vorfahren des Volkes, das mit Gott kämpft. Ich bin Jochebed, die Mutter von Moses… Ich habe diese Geschichten meinen Kindern weitererzählt, damit sie wissen, wie wir aus Mesopotamien nach Ägypten gelangt sind“ (Guus Kuijer). Die schriftliche Fixierung dieser Geschichten und damit die Literaturgeschichte der Genesis und der ersten fünf Bücher Mose beginnt erst „vorexilisch mit der Verschriftung der Erzählungen der Urgeschichte und der Erzväter, die ihren Kern in den Erzählungen um Jakob haben, sowie einer Mose-Exodus-Erzählung, deren Fabel von der Geburt des Mose ( Exodus 2 ) bis zum Bundesschluss am Gottesberg (Exodus 34) Mose als Gegentypus zum assyrischen Großkönig zeichnet“ (Eckart Otto, Pentateuch, RGG, 4.Auflage Band 6, Tübingen 2003, Sp.1097). ham, 2.11.2014 Download

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2019 Helmut A. Müller