Wie Politiker unser Geld zerstören und wie man sich davor schützt

Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt, 2017, ISBN: 978-3-95601-204-4, 236 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Format 19,6 x 13,3 cm, 17,90 € (D) / 18,50 € (A)


Jahrelang ist die Inflationsrate unter den von den Notenbanken angestrebten 2 Prozent geblieben. Im Dezember 2020 lag sie in Deutschland noch bei minus 0,3 Prozent, aber im Januar 2021 ist sie um 1 Prozent und im Februar um 1,3 Prozent gestiegen (vergleiche dazu https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1045/umfrage/inflationsrate-in-deutschland-veraenderung-des-verbraucherpreisindexes-zum-vorjahresmonat/). Nach Bundesbankpräsident Jens Weidmann könnte sie am Jahresende auf 3 Prozent angestiegen sein. Der britische Ökonom Charles Gotthard rechnet wie Weidmann in den nächsten Jahren mit einer höheren Inflation (Charles Goodhart, Die ZEIT NR. 6, 4. Februar 2021, S. 22) und führende Wirtschaftswissenschaftler wie der frühere US-Finanzminister Larry Summers sprechen vom größten Inflationsrisiko seit 40 Jahren. Eine Inflation liegt nach dem früheren US-Baseballspieler Sam Ewing dann vor, wenn man für einen Zehn-Dollar-Haarschnitt 15 Dollar bezahlen muss, der früher, als man noch Haare hatte, fünf Dollar gekostet hat (vergleiche dazu Markus Hydra, Die unterschätzte Inflation. In: Süddeutsche Zeitung NR. 49, 1. März 2021, S. 15).

Dass die Inflationsrate neuerdings wieder steigt, bleibt nicht unbemerkt und es könnte infolge der üppigen staatlichen Konjunkturprogramme zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise noch schlimmer kommen: Nach dem Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union darf sich die EU ohne Zustimmung der EU-Mitgliedsstaaten kein Geld an den Finanzmärkten leihen und über den Fonds an die Mitgliedstaaten verteilen. Für die Finanzierung des 1,8 Billionen schweren Haushalts der EU von 2021 bis 2027 sollen jetzt zur Finanzierung des Corona-Wiederaufbaufonds „Next Generation EU“ erstmals gemeinsame Schulden in Höhe von 750 Milliarden Euro aufgenommen werden. Dieser Schritt wird im Bundestag kontrovers diskutiert (vergleiche dazu Johanna Merz, Die Schuldenfrage. In: Das Parlament Nr. 9 vom 1. März 2021 S.1, Eckhardt Rehberg, „Durch Verträge gedeckt“. In: Das Parlament, a. a. O. S. 2 und Hendrik Kraftsack, Fragwürdige Effekte. In: Das Parlament a. a. O. S.3).

Hanno Beck, Urban Bacher und Marco Herrmann haben in ihrer 2017 erschienene Studie ›Inflation – Die ersten zweitausend Jahre. Wie Politiker unser Geld zerstören und wie man sich davor schützt‹ den jetzt zu erwartenden Mechanismus beschrieben. Sie hatten beim Schreiben zwar die Inflationsrate von 0,5 Prozent aus dem Jahr 2016 vor Augen und die Folgen der Corona-Pandemie für die Inflation noch nicht im Blick. Aber ihre Langfristbeobachtung, dass der Staat immer Anreize hat, „seine Schulden durch Inflation verschwinden zu lassen“ (Hanno Beck, Urban Bacher und Marco Herrmann S. 10), wird sich wohl ein weiteres Mal bestätigen. Die Beobachtung fasst die zehn Thesen zusammen, die die Autoren aus ihrer kritisch-analytischen Beschäftigung mit der Geschichte der Inflation gewonnen haben. Demnach folgt die Zerstörung einer Währung zumeist einem ähnlichen Muster (vergleiche zum Folgenden Hanno Beck, Urban Bacher, Marco Herrmann S. 15 ff.):

Geld ist gelebtes Vertrauen; zerstört man dieses Vertrauen, so zerstört man die Währung. Aus diesem Grund muss es die vordringliche Pflicht der Politik sein, das Vertrauen in unser Geld nicht zu missbrauchen.
Am Anfang der Zerstörung einer Währung steht ein überschuldeter Staat oder Herrscher, der versucht, sich mittels Inflation seiner Verpflichtungen zu entledigen. Dieser Anreiz besteht immer, weswegen man vermuten muss, dass die Inflation nicht tot ist – sie wird es vermutlich so lange geben, wie es Geld und Herrscher gibt.
Inflation ist ein Ritt auf dem Rasiermesser: Sie beflügelt zumeist nur kurzfristig die Wirtschaft, und droht oft, in eine sogenannte Hyperinflation umzuschlagen, die dann die heimische Wirtschaft zerstört. Auf der anderen Seite droht bei zu geringer Inflation die Deflation, die ebenso verheerend sein kann. Ein Grund mehr, mit unserem Währungssystem keine Experimente zu machen.
Fast alle großen Inflationen, zumal die Hyperinflationen, finden ab dem 20. Jahrhundert statt. Die meisten Hyperinflationen entstehen in Zeiten des politischen Umbruchs, sind also vor allem politische Inflationen.
Die zwei großen Schulen der Wirtschaftswissenschaften haben eine recht gegensätzliche Sicht auf Inflation: Keynesianer glauben, dass sie produktive Kräfte freisetzen kann, Klassiker vermuten, dass Geld wenig bis gar keinen Einfluss auf die reale Wirtschaftstätigkeit hat. Vermutlich haben beide Recht.
Es existiert ein Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflationsraten, auch wenn dieser bisweilen erst langfristig und nicht nur in den Güterpreisen zu sehen ist.
Ab dem Jahr 2000 sehen wir einen Zyklus aus Krise und einer Geldschwemme zur Bekämpfung dieser Krise, welche die nächste Krise vorbereitet.
Inflation muss sich nicht immer in den Güterpreisen zeigen, bisweilen erleben wir sie als Vermögenspreisinflation, bei der die Preise für Vermögensgegenstände und Wertpapiere steigen.
Verlierer aller inflationären Prozesse sind die ärmeren Vermögensschichten; Inflation hat die gleichen Wirkungen wie eine unfaire, ungerechte Steuer.
Der Staat hat immer Anreize, seine Schulden durch Inflation verschwinden zu lassen, deshalb ist es wenig plausibel, den Tod der Inflation zu erwarten.

Der dieser Tage bekannt gewordene Nachtragshaushalt der Bundesregierung bestätigt die Thesen der Autoren. Er soll die steigenden Kosten der Coronakrise bewältigen helfen und über eine weitere Schuldenaufnahme von 35 Milliarden finanziert werden. Er wird die Neuverschuldung des Bundes 2021 erstmals auf 214,8 Milliarden steigen lassen. Um die Schulden finanzieren zu können, hat der Bundestag die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse auch im laufenden Jahr wie schon 2020 ausgesetzt. Der jetzt vorliegende Entwurf des 6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt die Folgen: Bis Ende August 2020 mussten bereits 15,5 Millionen Haushalte in Deutschland Einkommenseinbußen hinnehmen. 30 Prozent des unteren Fünftels der Befragten haben Probleme bei der Deckung der laufenden Ausgaben und geringer Qualifizierte haben ein größeres Risiko, ihre Arbeit zu verlieren. Die Chancen aus Armut, Prekariat und der unteren Mittelschicht aufzusteigen, sind seit Beginn der 1990er bis Anfang der 2000er Jahre deutlich zurückgegangen. Nach dem Preisanstieg der letzten zehn Jahre kann sich die Generation zwischen 35 und 40 anders als ihre Eltern kaum mehr ein Haus oder eine Wohnung leisten (vergleiche dazu etwa Nadine Oberhuber, So viel Haus können sie sich leisten. In: Capital, 28. Februar 2021: https://www.capital.de/immobilien/so-viel-haus-koennen-sie-sich-leisten-79001 und Stephan Maaß, Warum das Eigentum für junge Leute immer häufiger ein Traum bleibt. In: Die Welt vom 30. 4.2019: https://www.welt.de/finanzen/immobilien/article192678289/Wohneigentum-Junge-Leute-koennen-sich-kaum-noch-eine-Wohnung-leisten.html). Die Mitte wird schmäler. Auf die untere Hälfte der Haushalte fallen rund 1 Prozent des gesamten Nettovermögens, auf die vermögensstärksten 10 Prozent über die Hälfte. Über ein hohes individuelles Vermögen ab 500 000 Euro verfügen derzeit 3,8 Prozent der Bevölkerung.

Wer noch Geld anlegen kann, muss in Zeiten der Nullzinspolitik riskanter investieren und setzt dabei unter Umständen seine Altersversorgung auf Spiel. Deshalb empfehlen Hanno Beck, Urban Bacher und Marco Herrmann bei Investments, die Kriterien Sicherheit, Rendite und Liquidität für sich zu gewichten und erst danach die Anteile von Aktien, Anleihen und Immobilien auszutarieren. „Abrunden kann man ein Portfolio durch Nebeninvestments, sogenannte Exoten, die aber nur einen kleinen Teil des Investments ausmachen sollten“ (Hanno Beck, Urban Bacher, Marco Herrmann S.169). Zu den Favoriten der Exoten zählen die Autoren Bildung. „Ja genau, Bildung. Investieren Sie ihr Geld in Ihre Ausbildung, bilden Sie sich weiter. Die Renditen von Bildung sind teilweise unschlagbar hoch, und inflationsgeschützt ist das auch noch – steigen die Preise, steigen auch die Löhne, und damit der Ertrag Ihrer Ausbildung. Zudem halten wir die Gefahr einer Vermögenspreisinflation hier noch für gering – wer gut ist in dem, was er tut, hat immer gute Job-Chancen und ein gutes Gehalt. Und nicht jeder kann Ingenieur werden, das begrenzt das Potential für eine inflationäre Entwicklung. Und nicht zuletzt hat Bildung auch eine persönliche Rendite, sie erweitert Ihren Horizont, macht Ihr Leben spannender und interessanter“ (Hanno Beck, Urban Bacher, Marco Herrmann S. 193 f.).

Aber wie soll ein Portfolio dann aussehen? Nach den Autoren gibt es nicht das Portfolio und kein Patentrezept. Aber ein, zwei Regeln sollte man auf jedem Fall beachten. „Für Aktien gilt: Je länger der Anlagehorizont, desto größer kann der Aktienanteil sein. Bei gemischten Portfolios gilt als Faustregel ein Verhältnis von 50 Prozent Aktien zu 50 Prozent festverzinsliche Produkte bei einem fünfjährigen Anlagehorizont, 75 zu 25 bei einem zehnjährigen Horizont, 90 zu 10 bei einem 15-jährigen Horizont. Als weitere Faustformel dient das Lebensalter: So gibt die Anzahl der Lebensjahre den minimalen prozentualen Anteile von (sicheren) festverzinslichen Anlagen an freiem Vermögen wieder. Ein 20-jähriger Student könnte zum Beispiel sein freies Vermögen zu etwa 80 Prozent in Sach- und Substanzwerte binden, ein 75-jähriger Rentner sollte sein Vermögen zu drei Vierteln in Zinspapieren haben“ (Hanno Beck, Urban Bacher, Marco Herrmann S. 201).
Denkbar wäre auch ein sogenanntes Kakerlaken-Portfolio, das wie diese potenziell Eiszeiten und Meteoriteneinschläge überleben könnte. „Das einfache Rezept: Ein Viertel in Aktien, ein Viertel in Gold, ein Viertel in Staatsanleihen und ein Viertel in bar auf dem Bankkonto“ (Hanno Beck, Urban Bacher, Marco Herrmann S. 207).

ham, 5. März 2021

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