Nov 10
Eine Geschichte der Kunst, von Albrecht Dürer bis Ai Weiwei
Chr. Belser, Stuttgart, 2013, ISBN 978-3-7630-2634-0, 160 S., zahlreiche Farbtafeln, Hardcover gebunden, Format 22,5 x 18 cm, € 24,95

 

Der 1967 geborene Kunstkritiker der Wochenzeitung Die Zeit „Hanno Rauterberg“ versteht es wie kaum ein anderer, seine Geschichte der Künstler und ihrer Werke so interessant zu erzählen, dass man sie in einem Zug durchlesen kann, ohne dass sie langweilig wird. Wenn man sich fragt, wie er das schafft, stößt man bei der zweiten Lektüre auf drei Gründe: Zum einen ermutigt Rauterberg dazu, sich nicht von dem alten Mythos vom Künstler als ungreifbarem Genie blenden zu lassen und stattdessen auf die eigene Auseinandersetzung mit den Künstlern und ihren Werke zu setzen. Deshalb stellt Rauterberg die eigene ästhetische Erfahrung an den Anfang seiner Erzählung von der Kunst und seiner Begegnung mit den Bildern. In den Bildern wartet nach Rauterberg genügend Fremdes und Beglückendes und Verwirrendes auf den Betrachter. „Der Augenschein ist es, mit dem alles beginnt. Und so ist es kein Zufall, dass diese kleine Künstler- und Kunstgeschichte an den großen Stilbegriffen so wenig Interesse hegt wie an einem Anspruch auf Vollständigkeit. Denn ästhetische Erfahrung bleibt immer vorläufig, sie lässt sich nicht festzurren auf ewige Wahrheit und objektive Erkenntnis. Die Nähe, die dieses Buch sucht, eine reflektierende, sortierende, vor allem aber staunende Nähe zu den fernen Meistern ebenso wie zu den Zeitgenossen, ist vielmehr ein Wagnis“ (Hanno Rauterberg).
Der zweite Grund: Rauterberg redet zwar den alten Geniekult klein. Aber er scheint ihn durch sein Raunen von dem  nicht zu klärenden Rest von Inspiration zu ersetzen. Man könne sich zwar von den heroischen Erzählungen vom Künstlergenie abwenden und die ökonomischen, soziologischen, politischen, ideologischen und zeitgeschichtlichen Bedingtheiten der Werke in den Mittelpunkt der  eigenen kunsthistorischen Forschungen stellen. Aber damit verblasse die Faszination der Künstler und ihrer Werke  zum Glück noch lange nicht. „Ganz gleich, wie akribisch der historische Hintergrund ausgeleuchtet wird, es bleibt stets ein Rest von Unerklärlichkeit, warum ausgerechnet der eine Künstler, warum just das eine Gemälde ins kollektive Gedächtnis vordringen konnte. Der ästhetische Eigensinn, so scheint es, lässt sich nicht restlos in kunsthistorische Termini pressen. Oft bleibt das, was man Inspiration nennt, unaufklär- und unableitbar“ (Hanno Rauterberg). Deshalb bleibt für Rauterberg unter anderem Giorgione das große Rätsel der Kunstgeschichte. El Greco „bleibt ein Künstler, der nicht zu fassen ist“. Adolph „Menzel ist nicht zu greifen“. Joseph Beuys glaubt weiter an die Geschichte seiner Rettung durch die Tataren mittels Fett und Filz, auch wenn längst erwiesen ist, „dass die wunderbare Heimholung sehr frei erfunden war“. Gerhard Richter  „ist sich selbst das größte Rätsel, und wie sollte es auch anders sein?“ (Hanno Rauterberg). Er wird zum großen Versöhner und Meister der ästhetischen Abrüstung, auch wenn und gerade weil er 50 Jahre lang Bilder malt, „die nichts sagen, nichts zeigen und nichts bedeuten sollen… >>Die Welt zu überstehen<<, das sei der eigentliche Sinn und Zweck seines Schaffens, hat Richter einmal gesagt. Die Kunst solle Trost stiften, Hoffnung schenken. Sie verkörpert eine Gegenwelt, nicht verstörend, nicht verrückt. In ihr wohnt eine Verheißung. Richter spricht von einem >>Geheimnis<<“. Anna und Bernhard Blume werden für Rauterberg zu „Meistern einer schwerdeutschen Leichtigkeit“ und üben sich in heiteren Formen der Wiederverzauberung der Welt“ (Hanno Rauterberg).
Der dritte und nicht unwichtigste Grund ist Rauterbergs Kunst, seine persönliche ästhetische Erfahrung in  überzeugende Erzählungen und Sprachbilder zu übersetzen. Sie lassen den Leser glauben, er hätte die Künstler und ihr Werk im Großen und Ganzen verstanden, wenn er Rauterberg gelesen hat. So werden Anna und Bernhard Blume für  dem Leser von Rauterbergs Texten  zu den unbestrittenen Meistern einer   „schwerdeutschen Leichtigkeit“, weil niemand sonst „im Nachkriegsdeutschland so wunderbare Sinn- und Unsinnsbilder fotografiert“ hat (Hanno Rauterberg). Gerhard Richter hat es in seinem aus 115 000 bunten Glasquadraten zusammengesetzten Fenster für den Kölner Dom  geschafft, „Nihilismus in Transzendenz“ zu übersetzen. Nichts fesselte  nach Rauterbeerg Kurt Schwitters „so sehr wie das Absurde, das Beiläufige und Banale – und gerade deshalb konnte Schwitters zum heroisch-unheroischen Urvater der wichtigsten Kunstbewegungen werden: zum Grenzüberschreiter, Gattungsüberwinder, zum Papa der Pop-Art, der Performance, des Nouveau Réalisme, der Fluxus-Kunst. Selbst Gegenwartskünstler wie Jonathan Meese oder Gregor Schneider sind Kuwitters im Geiste“ (Hanno Rauterberg). Goya erscheint für ihn als „zerrissen zwischen Wahn, Angst und Lust… In seiner Zeit, in der vieles nicht mehr und vieles noch nicht ist, in der Revolution und Aufklärung alle gekannten Gewissheiten zermürben, spielt er sich nicht als Wissender auf. So wie er uns auf einer Bleistiftzeichnung vorführt, ist der Mensch für ihn kaum mehr als ein gebildetes Tier, an guten Tagen“ (Hanno Rauterberg). Und Caravaggio brüskiert wie Richter heute in seiner Zeit  wie kein anderer Künstler   „jedes innige Bedürfnis nach Transzendenz. Er verweltlicht das Überweltliche, nimmt uns hinein in seine Geschichten, macht uns zu Komplizen. Da sitzen drei zusammen und spielen Karten, und wir sitzen mit am Tisch. Sehen, wie der eine von den beiden anderen ausgetrickst wird, wie sie ihm heimlich über die Schulter schauen und sich Zeichen geben… Er ist ein Meister der Nähe…“ (Hanno Rauterberg).
Dass er außer Anna Blume keine weiteren Frauen in seine kleine Kunstgeschichte aufgenommen hat, liegt sicherlich weder an seiner Vergesslichkeit noch an seinem Frauenbild. Vielleicht  beabsichtigt er, eine Kunstgeschichte der Frauen zu schreiben: „Ich, die Künstlerin“.
ham, 30.10.2013
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