Aktualisierte Sonderausgabe 2016

Verlag C.H. Beck, München, vierte Auflage 2016, ISBN 978 3 406 69687 9, 736 Seiten, 51 schwarz-weiße
Abbildungen, vier Karten, Pappband, gebunden, Format 22 x 14,5 cm, € 19,95 (D)

Martin Luther ist für den bis 2010 an der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Frühneuzeithistoriker
Heinz Schilling weder der kämpferische Luther von 1617, der die protestantische Welt am Vorabend des
Dreißigjährigen Kriegs „gegen die Konterrevolution der »Römlinge« verteidigen sollte“, noch der weltoffene
Luther der Aufklärung von 1717, noch der Heros religiöser Tiefe und der nationale Schutzschild gegen
westliche Überfremdung von 1817 und 1917, sondern in der Tradition von Heiko Augustinus Obermann »ein
Mensch zwischen Gott und Teufel« und „»Zeuge einer Welt, die wir verloren haben«“ (Heinz Schilling S.
15). Er lebte in einer Zeit des Umbruchs, in der sich die Christenheit unter anderem mit den Folgen der
Vorstöße der Reitervölker der Osmanen nach Kleinasien, in den vorderen Orient und in die Anrainerstaaten
des Mittelmeers, „dem Ausgreifen der Iberer auf neue Ufer und Länder“, der zunehmenden
Partikularisierung der lateinischen Christenheit und des frühmodernen Mächteeuropas, dem beginnenden
Handelskapitalismus, der Erfindung des Buchdrucks und den wissenschaftlichen und kulturellen
Neuansätzen in Humanismus und Renaissance auseinandersetzen musste (Heinz Schilling S. 25 ff.).
Schilling will den am 10. November 1483 in Eisleben geborenen Martin Luder stärker „als in
kirchengeschichtlich ausgerichteten Biographien […] üblich“ als »Mann in der Zeit« und »die Zeit im
Mann« verständlich machen. Seine mit dem reformatorischen Durchbruch gewonnenes neues
Selbstverständnis und sein Gefühl, ein neuer und im emphatischen Sinn freier Mensch zu sein, ist zwischen
November 1517 und Januar 1519 in den griechischen Namen »Eleutheros«, der Freie, der Befreite, der
Befreier eingeflossen, mit dem er seine Briefe unterschrieb. „Das zentrale »th« dieses griechischen Namens
übertrug er in seinen Familiennamen und wechselte – erstmals nachweisbar am 31. Oktober 1517 bei der
Unterschrift […] an den Mainzer Erzbischof Albrecht – von Martin Luder zu Martin Luther“ (Heinz Schilling
S. 173 f.).

„Dass der Wittenberger maßgeblichen Anteil an den säkularen Veränderungen hatte, die in Deutschland und
Europa im 16. Jahrhundert aufbrachen, steht außer Zweifel. Ebenso unbestreitbar ist aber, dass er selbst
bereits das Produkt eines langfristig angelegten Umbruchs war. Denn »die neue Zeit« […] hatte lange
Wurzeln im späten Mittelalter. Auch für den Reformator gilt es, die Doppelnatur des historisch wirkenden
Individuums zu beachten, das in gleicher Weise von seiner Zeit geprägt ist, wie es seine Zeit prägt […].
Darüber hinaus soll Zeitgenossenschaft […] so verstanden werden, dass die Luther widerstrebenden
Personen und Institutionen nicht nur als der Wahrheit unwillige oder unfähig Gegner erscheinen. Den
Kaiser, die Päpste, die katholischen Reformer, die altkirchlich operierenden Fürsten, Theologen und
Humanisten, allen voran Erasmus von Rotterdam, gilt es als eigenwertige historische Kräfte zu begreifen und
in ihren intellektuell-kulturellen und politisch-gesellschaftlichen Grundlagen zu würdigen“ (Heinz Schilling
S. 18). Im Miteinander mit der Auswertung seiner in der Weimarer Ausgabe kritisch aufgearbeiteten
Schriften erscheint Luther für Schilling als „Rebell, der sein Zeitalter mit prophetischer Gewalt zur
Entscheidung in existenziellen Grundsatzfragen der Religion und des Glaubens zwang. Mit seinem trotzigen
»Hier steh ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen« […] galt und gilt er den Protestanten als
weltgeschichtlicher Heros, der den Großen und Mächtigen widerstand und von ihnen Nachfolge erwartete.
Es ist an der Zeit, auch seinen Gegenspielern, insbesondere den Habsburgerkaiser Karl, zuzubilligen, dass
auch sie ihre eigene Glaubenswahrheit vertraten, die sie gefangen hielt und zu der sie stehen mussten, wie
Luther zu der seinigen“ (Heinz Schilling S. 18 f.).

Im ersten Teil seiner Biographie zeichnet Schilling die Umbrüche im Übergang vom 15. zum 16.
Jahrhundert, Luthers Kindheit und Jugend, die humanistischen Einflüsse im Erfurter Grundstudium, seine
Studienkrise, die Bekehrung von Stotternheim und seine erste Zeit im Kloster nach. Die humanistische
Anthropologie mit ihrer Betonung der autonomen Fähigkeiten des Menschen blieb ihm fremd. „Genau
betrachtet erscheint auch sein intellektuelles Profil viel stärker existenziell als wissenschaftlich geprägt.
Inhalt und Form seines Wissens hingen aufs engste mit seinen persönlichen Erfahrungen zusammen und er
gewichtete sie in ihren Wert für sein Leben. Dass dabei der Religion eine zentrale Rolle zukam, ist
angesichts der ausgeprägten Frömmigkeitskultur des mitteldeutschen Raumes und Luders engen Kontakten
zu den religiösen Zirkeln seines jeweiligen Aufenthaltsortes kaum erstaunlich […]. Später führt er die ihm
eigene existentielle Entschiedenheit direkt auf Geburt und Herkunft zurück: »Ich bin dazu geboren […], das
ich mit den rotten und teuffeln mus kriegen und zu Felde ligen, darumb meiner bücher viel stürmisch und
kriegerisch sind. Ich mus die klötze und stemme ausrotten, dornen und hecken weg hawen, die pfützen
ausfullen und bin der grobe waldrechter, der die ban brechen und zurichten muss.«“ (Heinz Schilling /
Martin Luther S. 72 f.). Dass Luthers Weltsicht ganz und gar auf Europa bezogen blieb, soll eigens
festgehalten werden. Ebenso der Einfluss der von den »Brüdern und Schwestern des Gemeinsamen Lebens«
gepflegten Formen gemeinsamer Frömmigkeit und Spiritualität von Geistlichen und Laien auf Luthers später
postuliertes Priestertum aller Gläubigen und der prägende Einfluss des Generalvikars der deutschen
Ordensprovinz der Augustiner Johannes von Staupitz: Letzterer hat nicht nur Luthers Bibelstudium und
seinen Aufstieg im Orden und in der neu gegründeten Universität Wittenberg nachhaltig gefördert, sondern
mit seiner auf Christus als den Erlöser konzentrierten Christologie auch seiner reformatorischen Erkenntnis
den Weg bereitet. „Die Frucht der neuen Gnadentheologie, die in den nächsten Jahren in der Studierstube des
Wittenberger Theologieprofessors heranwachsen sollte, war […] einem Samenkorn zu verdanken, das der
Seele des Mönchs Martin Luder in der Ausübung seines Ordensamts eingepflanzt worden war“ (Heinz
Schilling S. 114).

Der zweite Teil schildert Wittenberg und die Anfänge der Reformation. Nach Berichten seiner
Tischgenossen soll Luther seine Einsicht in die passive Gerechtigkeit Gottes im Turm oder auf der Kloake
gehabt haben. „Zwei Schlüsseltexte dokumentieren dieses Bewusstwerden – die wohl am Palmsonntag, dem
28. Mai 1518 in der Wittenberger Stadtkirche gehaltene Predigt über die doppelte Gerechtigkeit in
theologiegeschichtlicher Hinsicht und der […] Brief an Staupitz von Mai desselben Jahres in biographischer
Perspektive […]. In dem Brief an Staupitz […] erinnert er seinen Seelsorger und Mentor an ein
seelsorgerisches Gespräch […], in dem Staupitz ihn auf den inneren Sinn der Buße als »Liebe zur
Gerechtigkeit und zu Gott« hingewiesen habe. Damit sei ihm eine Idee oder ein Wort eingepflanzt worden,
das in ihm haftete »wie der scharfe Pfeil eines Starken«. Die dadurch ausgelöste systematische Suche nach
Textstellen zur »Buße« habe ihm die grundlegend neue Einsicht über das Verhältnis von eigener
Unvollkommenheit, Buße und Gottes Gerechtigkeit gebracht, »eine völlige Veränderung der Gedanken und
der Gesinnung«, die ihm offenbart habe, dass es bei der Reue über die eigene Sündhaftigkeit nicht so sehr
um »das Tun als um die Änderung des Sinns« gehe […]. »Als meine Überlegung so hin und her ging, siehe,
da fingen plötzlich um uns her die Posaunen des neuen Ablasses an zu ertönen, …die einfach die Lehre von
der wahren Buße beiseite (schoben) und sich vermaßen, nicht etwa die Buße, auch nicht einmal deren aller
geringsten Teil, die Genugtuung […], sondern die Erlassung dieses aller geringsten Teils zu rühmen.«
Die mit dem neuen Bußverständnis eng verschwisterte Erkenntnis über das Wesen der göttlichen
Gerechtigkeit, ein Problem, das ihn von Jugend an in Verzweiflung stürzte, wurde ihm im Ringen um den
Sinn von Römer I,17 offenbart: »Sintemal darinnen offenbaret wird die Gerechtigkeit / die für Gott gilt /
welche kommt aus Glauben in Glauben / Wie denn geschrieben stehet / Der Gerechte wird seines Glaubens
leben.« In seinem Sermon von der doppelten Gerechtigkeit definiert er diese Gerechtigkeit nun als
Christusgerechtigkeit, die sich aus Hinweisen von Staupitz auf den leidenden Christus entwickelte. Durch
den Glauben an Christus wird die Gerechtigkeit Gottes dem Menschen zur Heilgerechtigkeit, wird der
Mensch im Glauben und allein im Glauben – soll fide – gerecht. Seine Verzweiflung war somit einem
Trugbild geschuldet. Gottes Gerechtigkeit bedeutet nicht Verderben, sondern Heil für den Menschen, auch
und gerade in seiner Sündhaftigkeit. Im Frühjahr 1518 ist dem Reformator klar vor Augen getreten, dass er
für sich und alle anderen Christen den einzig sicheren Weg zum Heil gefunden hat“ (Heinz Schilling S. 152
ff.). Schillings Darstellung des Ablass-Streits, des Thesenanschlags am 31. Oktober 1517, der Verhandlungen
auf dem Wormser Reichstag von 1521 und ihrer Folgen gehören zu den Höhepunkten des Bandes.

Der dritte Teil ist in der Überschrift „Zwischen Prophetengewissheit und zeitlichem Scheitern“ gebündelt. Er
widmet sich der evangelischen Erneuerung von Kirche und Gesellschaft und den gesellschaftlichen,
politischen und seelsorgerischen Fragen, die sich aus dem wieder entdeckten „Gottesdienst im Alltag der
Welt“ ergeben. Der seelsorgerischen Beurteilung der Doppelehe des hessischen Landgrafen Philipp und der
Unruhe, die von ihr ausging, ist ein eigenes Kapitel gewidmet; eines der Musik und ein unpolemisches, aber
deutliches Luthers heute nicht mehr nachvollziehbaren Ausfällen gegen die Juden. Es endet bei seinen letzten
Predigten wider die Türken, die Juden und den Teufel, seinen letzten Worten »Wir sind Bettler, das ist wahr«,
seinem Staatsbegräbnis und einer letzten Begegnung mit Kaiser Karl V. an seinem Grab in der Wittenberger
Schlosskirche.

In seinem Epilog hält Schilling fest, dass aus der universell gedachten Erneuerung der Christenheit eine
Separatreformation lutherischer oder reformierten Staats- und Landeskirchen geworden ist. „Mit den
protestantischen Kirchen wurde zwangsläufig auch die tridentinisch erneuerte römische Kirche zu einer
Partialkirche […]. Aus der europageschichtlichen Perspektive betrachtet, wird man den französischen
Historikern zustimmen, denen […] die Reformation stets ein deutsches und damit begrenztes Ereignisse war
und nicht von der Reformation sprechen, sondern von einer »temps des Réformes«, einer sich vom 14. bis
Mitte des 17. Jahrhunderts erstreckenden Epoche kirchlicher und religiöser Reformationen. Luther stand
mitten in diesem Wandel. Er war sein Produkt, und er hat ihn wie kein zweiter vorangetrieben und
gestaltet“ (Heinz Schilling S. 619 ff.).

ham, 14. August 2016

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