Deutscher Kunstverlag Berlin / München, 2017, ISBN 978-3-422-02437-3, 88 Seiten, zahlreiche
Abbildungen, Broschur, Format 20 x 12 cm, € 9,90

Stadtführer können helfen, über die jeweils anzutreffenden letzten städtebaulichen und architektonischen
Überformungen hinaus und in die Vergangenheit zurück zu blicken. Sie ermöglichen es, ein Gefühl für das
Werden und den Wandel einer Stadt zu entwickeln und ihre Gegenwart zu verstehen. Der üblicherweise
angebotene kursorische Überblick über herausragende Plätze, Gebäude, Kirchen, Denkmäler und in der Stadt
anzutreffende Kunstwerke wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

Der von der Kunsthistorikerin Insa Christiane Hennen erarbeitete Wittenberg-Führer geht über diese
Grundanforderungen weit hinaus. Man spürt jeder Seite ab, dass Hennen aus der Stadt-, Bau- und
Einwohnerforschung kommt und sich unter anderem bei der Instandsetzung des Melanchthon- und des
Lutherhauses in Wittenberg mit praktischen Fragen der Denkmalpflege auseinandergesetzt hat. Hennen
zeichnet nicht nur ein lebendiges Bild vom Wittenberg des 16. Jahrhunderts. In dieser Zeit war die Stadt das
geistliche und kulturelle Zentrum des Kurfürstentums Sachsen. Mit Luther und Melanchthon nahm die
„Hohe Schule“, die »Leucorea« einen unerwarteten Aufschwung. Das mit dem Alleinvertrieb der
Lutherschriften privilegierte Buchgewerbe prosperierte und die Cranachs haben nicht nur die Reformatoren
ins rechte Licht gesetzt, sondern auch eine höchst erfolgreiche Grundstückspolitik betrieben. Nach dem
Einblick in den Alltag der Reformationszeit wird man in Grundzügen in den im 19. Jahrhundert
vorangetriebenen Umbau Wittenbergs zum protestantischen Gedenk- und Erinnerungsort eingeführt. Mit
dem Wissen um die städtebaulichen Überformungen von Wittenberg im 16. und 19. Jahrhundert werden
neben der Stadt- auch die Geschichte der Schloss- und der Stadtpfarrkirche, der Universität, des Markt- und
des Kirchplatzes, der Stadthöfe, des Rathauses und der Bürgerhäuser lebendig.

Die Wittenberger Schlosskirche wird als protestantisches Gegenstück zum 1880 vollendeten Kölner Dom
vorgestellt und die Stadtpfarrkirche als der Ort, an dem Luther in vorreformatorischer Zeit gepredigt hat. Die
Bau- und Umbaugeschichte der Schlosskirche wird in ihren wesentlichen Stationen erläutert. Man erfährt
dabei etwa, dass die nach Entwürfen Ferdinand Quasts hergestellte Thesentüre 1858 an der Stelle eingesetzt
worden ist, an der sich eine bis 1760 von der Universität als Schwarzes Brett genutzte Holztüre befand. Im
Kapitel Marktplatz mit Rathaus liest man, dass Wittenberg im 16. Jahrhundert trotz vieler Rechte, die der
Stadtregierung oblagen, primär eine kurfürstliche Stadt gewesen ist. Das Lutherdenkmal von Johann
Gottfried Schadow vor dem Rathaus gilt als erstes Standbild, das einen Bürgerlichen als ganze Figur und
überlebensgroß darstellt. Die südliche und westliche Platzkante des Marktes ist immer noch von den
Fassaden jener Anwesen geprägt, die besonders vermögende Bürger der Stadt, Hofbeamte und
Universitätsgelehrte im 16. Jahrhundert errichtet haben. So hat Lucas Cranach d. Ä. 1511 das Anwesen
Markt 4 erworben und 1521 im Markt 5 eine von Melchior Lotter d. J. geführte Druckerei eingerichtet. 1517
kam mit der Liegenschaft Schloßstraße 1 die größte Hofanlage der Stadt in seinen Besitz. Melanchthon hat in
dem zwischen 1536 und 1539 in Renaissanceformen errichteten Bürgerhaus Collegienstraße 60 gewohnt und
Luther die meiste Zeit in dem ihm 1524 überlassenen „Schwarzen Kloster“.

Im Schlusskapitel werden lohnende Ziele aus der Umgebung wie die Nikolaikirche in Coswig und das
Dessau Görlitzer Gartenreich skizziert.

ham, 31. Juli 2017

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