Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 23. März bis 11. Mai 2014 im H2-Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, herausgegeben von Thomas Elsen und Christoph Trepesch mit Beiträgen von Thomas Elsen, Tatjana Myoko von Prittwitz und Renato Troncon
Deutscher Kunstverlag Berlin – München, 2014, ISBN 978-3-422-07264-0, zahlreiche schwarz-weiße – und zwei Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 21,5 × 24,5 cm, € 24,90.-

Wer den Vorzug genießt, ihm wichtige Personen in ihrer häuslichen Umgebung und an ihrem Arbeitsplatz besuchen zu können, erfährt mehr als in 20 Briefen, 100 Telefonaten oder 300 E-Mails. Hausbesuche erlauben ein Verstehen von Menschen und ihren Lebensentwürfen, das die Oberflächen medialer Kommunikation grundstürzend überschreitet. Diese immer neu bestätigte Erfahrung erklärt, warum Besuche in Künstlerateliers zu den spannendsten Unternehmungen im Feld Kunst gehören. Man kann das Werk eines Künstlers über Jahre hinweg verfolgt haben, seine Ausstellungen besuchen und seine Kataloge studieren. Aber wenn man ihn nicht persönlich kennt, scheint man noch nicht ganz bei ihm angekommen zu sein. Diese Einschätzung bewahrheitet sich selbst bei Künstlern, die sich aus konzeptionellen oder persönlichen Gründen dem Gespräch verweigern und statt dessen darauf setzen, dass ihr Werk schon für sich selbst sprechen wird.
Nun kann nicht jeder jeden Künstler persönlich aufsuchen, für dessen Werk er sich interessiert. Und nicht jeder Künstler wird jeden Interessierten persönlich empfangen wollen. Deshalb kommen Publikationen wie Jean Noël Schramms Künstlerportraits eine vermittelnde Funktion zu: Man nimmt sie liebend gerne in die Hand, macht sich ans Studium und wird von den vom Fotografen festgehaltenen Momentaufnahmen überrascht. Man muss sich, ob man will oder nicht, auf Nähe, die Begegnung mit einem erkenn- und benennbaren Du und damit auf das offene Spiel von Sympathie und Antipathie einlassen, und muss damit rechnen, dass es anders als vor den Werken ausgehen kann.
So erscheint die von ihren abstrakten Op -Art – Malereien her strenge und hoch strukturierte Bridget Riley auf Schramms Porträt von 2009 in Goslar mütterlich, offen, freundlich und zugewandt. Die mit provozierend rohen, sexuell aufgeladenen Selbstporträts und den Young British Artists bekannt gewordene Sarah Lucas wirkt mit ihren hochgezogenen Beinen auf dem Londoner Porträt von 2007 fast scheu, wie zurückgenommen. Der visionäre Paul Virilio sieht mit seinem geschlossenen Augen wie in sich selbst versunken und in sich gekehrt aus. Ben Vautier, der in den rebellischen 1960-er Jahren die Kunstwelt mit seiner Signatur „Ben“ auf fast allem, was ihm unter die Finger gekommen ist, aufgemischt hat, hat nach dem Porträt von 2003 in Nizza jede Rebellion hinter sich gelassen und ist mit sich und der Welt zufrieden. Er schaut dem Fotografen entspannt in die Augen und sagt: „Es ist gut“.
Für den 1959 in Hohenschwangau, Bayern, geborenen und an der Akademie der Bildenden Künste München, in Düsseldorf und in Paris ausgebildeten Maler, Zeichner und Architekten Schramm ist das Fotografieren ein Werkstrang neben anderen, wenngleich ein zentraler . Unter den über 80 Porträtierten sind dem Künstler die Fotografien mit seinen Kindern die wichtigsten. „Beim Betrachten der… Fotos erkennt man natürlich zunächst die großen Namen … und doch ist es letztlich unvermeidlich nicht an (Schramms Kinder) Magnus, … Paloma oder Lionel zu denken. Auf diese Weise eröffnet… Schramm ein Kapitel, das sowohl formal als auch gefühlsmäßig gesehen …interessant ist. Von der Erzählperspektive her stellt dieser Kunstgriff – also das Näherrücken bekannter und berühmter Persönlichkeiten anhand einer Kontextualisierung durch die eigenen Kinder – eine Anwendung des Verfremdungseffekts dar, der jede Art von Inhalt in Bewegung versetzt, wenn wir einen anderen ausreichend unterschiedlichen Inhalt daneben stellen. Nichts ist von Interesse, wenn es sich selbst gleich bleibt, alles wird aber dann interessant, wenn es während eines Verwandlungsprozesses entdeckt wird. Das Interesse an den transformativen Fähigkeiten von Kindern auf Fotografien ist die stärkste Anregung, die Jean Noëls Arbeit bietet“ (Renato Troncon).
Für mich selbst gehen die stärksten Anregungen von Schramms Porträts von Künstlern aus, die ich persönlich kenne und mit denen ich schon gearbeitet habe. Seine Portraits geben mir die Möglichkeit, sie und ihr Werk mit anderen Augen, aus einem anderen Blickwinkel und damit wieder neu zu sehen.
Zwischen der Drucklegung des Katalogs und seiner Veröffentlichung sind zwischenzeitlich unter anderem Maria Lassnig, Otto Piene und Elaine Sturtevant verstorben. Bei einer Neuauflage wird man die dem Katalog beigegebenen Biografien entsprechend ergänzen müssen. Bei dieser Gelegenheit könnten auch die Flüchtigkeitsfehler korrigiert werden die sich auf die Seiten 108 und 109 eingeschlichen haben: Die Bildunterschriften auf Seite 108 legen nahe, dass der auf dieser Seite Porträtierte Mario Merz sei und auf Seite 109 Richard Meier zu sehen ist. Beides ist falsch. Auf Seite 108 ist das Porträt von Richard Meier abgebildet. Das Porträt auf Seite 109 zeigt den 1947 geborenen deutschen Künstler Gerhard Merz.
ham, 7.8.2013

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