Verlag C.H.Beck, 2021, ISBN 978-3-406-76406-6, 200 Seiten, 2 Karten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 22,2 x 14,4 cm, € 22,00

Der 1942 in Hamburg geborene Pfarrerssohn Johannes Fried ist als Historiker mit der Einbeziehung der Neuro- in die Geschichtswissenschaften, der Entwicklung der historischen Memorik als neurokultureller Geschichtswissenschaft und der Veröffentlichung zahlreicher Standardwerke zur Geschichte des frühen und hohen Mittelalters international bekannt geworden. Er zählt zu den renommiertesten Mediävisten des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Fried).

Trotzdem und wohl gerade deshalb wird ihm nicht nur ein freizügiger Umgang mit Quellenaussagen, ein Hang zu überpointierten Wertungen, ein ausgesprochen suggestiver Stil und eine Vorliebe, von Fakten auf Motive zu schließen, vorgeworfen ❨vergleiche dazu Gerd Althoff: Von Fakten zu Motiven. Johannes Frieds Beschreibung der Ursprünge Deutschlands. In: Historische Zeitschrift, Bd. 260 (1995), S. 107–117. Die Erwiderung dazu Johannes Fried: Über das Schreiben von Geschichtswerken und Rezensionen. Eine Erwiderung. In: Historische Zeitschrift, Bd. 260 (1995), S. 119–130. Vgl. dazu auch Lothar Kolmer: Wie Historiker streiten: Einige Anmerkungen zur Fried-Althoff-Kontroverse. In: Gerhard Ammerer u. a. (Hrsg.): Tradition und Wandel. Beiträge zur Kirchen-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Festschrift für Heinz Dopsch. München 2001, S. 80–96❩. Seine These, Benedikt von Nursia sei eine fiktive und keine historische Gestalt  und seine Neuinterpretation des Gangs nach Canossa haben heftigen Widerspruch hervorgerufen (vergleiche dazu Johannes Fried: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik. München 2004, S. 356; Joachim Wollasch: Benedikt von Nursia. Person der Geschichte oder fiktive Idealgestalt? In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 118, 2007, S. 7–30; Christoph Dartmann: Die Benediktiner. Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Stuttgart 2018, S. 27–31; Joachim Wollasch: Benedikt von Nursia. Person der Geschichte oder fiktive Idealgestalt? In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 118, 2007, S. 7–30; Christoph Dartmann: Die Benediktiner. Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Stuttgart 2018, S. 27–31).

Vergleichbares gilt auch für Frieds Feststellung, dass Jesus seine Kreuzigung auf Golgatha überlebt hat. Der Lanzenstich des römischen Soldaten in die Seite Jesu habe möglicherweise wie eine Pleurapunktion gewirkt, Jesu Brustraum mit seinen gebrochenen Rippen und dem Gemisch aus Blut und Wundwasser entlastet und mit dazu beigetragen, dass er nach seiner Bestattung aus seiner Ohnmacht aufgewacht sei, aufstehen und sein Grab verlassen konnte (vergleiche dazu Johannes Fried, Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus, München 2019; https://www.zeit.de/2019/17/johannes-fried-kreuztod-jesus-zweifel-christentum/komplettansicht

https://www.sueddeutsche.de/kultur/jesus-kreuzigung-katholische-kirche-johannes-fried-kein-tod-auf-golgatha-rezension-1.4324058 und https://www.netdoktor.de/therapien/pleurapunktion/). 

Seine jetzt vorgelegte Studie ›Jesus oder Paulus. Der Ursprung des Christentums im Konflikt‹ greift diese These auf und erweitert sie um die Hypothese, dass sich die kanonischen und apokryphen Schriften und das Christentum aus dem Streit zwischen den Anhängern Jesu, die noch um sein Überleben wussten und authentische Worte ihres Meisters aufbewahrten, und Paulus aus Tarsus entwickelt hätte, der nach einer visionären Begegnung mit Christus aus einem Christenverfolger zu einem Verkündiger des Evangeliums unter den Heiden geworden ist. Im Streit um die richtige Deutung der Worte „Jesus lebt“ habe sich die auch im Philipper-Hymnus überlieferte Version, dass Christus von den Toten auferweckt wurde, allmählich durchgesetzt: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Philipper 2, 6 – 11). 

„Einige Jesus-Freunde glaubten … die Botschaft von der Auferstehung … Der Grabflüchtige indessen konnte und durfte nicht mehr als der, der er war, seine Stimme erheben. Er musste machtlos und schweigend seine Vergöttlichung hinnehmen. Wo er fortan wirkte und welche Lehren er verbreitete, ist bestenfalls zu erahnen. Die Evangelisten, spät wie sie zur Feder griffen, erklärten ihn zum Gottessohn, zum Menschensohn, zu einem übernatürlichen Wesen … Die Datierung des Hymnus bleibt offen, seine Urheberschaft erst recht … Ein hellenistischer Grundzug prägte die Verse – nicht anders als die Botschaft des Paulus und später der Evangelien. War Paulus der Autor? Er spiegelt jedenfalls ›binitarische‹ Gottesvorstellungen, wie sie in gewissen spätjüdischen religiösen Lehren verbreitet wurden“ (Johannes Fried S. 82 f.) 

Wer wie Fried davon ausgeht, dass Jesus Golgatha überlebt, noch einige Zeit mit seinen Jüngern und Anhängern zusammengelebt, sich danach wo auch immer versteckt hat und schlussendlich eines natürlichen Todes gestorben ist, muss die kanonischen und apokryphen Evangelien neu interpretieren, die Frühgeschichte des Christentums und seine Beziehung zu dem entstehenden Judentum neu denken und wesentliche Grundannahmen und Ergebnisse der wissenschaftlichen Erforschung des Neuen Testaments über den Haufen werfen: Für Fried führte ein holpriger Weg vom Golgatha-Hügel über ein Trümmerfeld divergierender Erinnerungen, Irrtümer, Fehlinformationen und Fiktionen zu den Evangelien. „Die erste Sammlung der Jesus-Worte und ihr frühester Nukleus dürften … noch vor das Jahr 62 anzusetzen sein … Sie mussten die Stimme des Herrn ersetzen. Auf eine Rückkehr des Grabflüchtigen durfte man nicht mehr hoffen. War er im Exil gestorben, zu Lebzeiten seines Bruders? Lehrte er noch eine Weile im Verborgenen, stand etwa in heimlicher Verbindung zu dem einen oder anderen seiner galiläischen Jünger? War er zuletzt in die entferntere Diaspora entwichen, und hat er seinen … jüngeren Bruder Jakobus überlebt? … Gewissheit ist in keinem Fall zu gewinnen. Vage Vermutungen treten an ihre Stelle. Vieles ist möglich.

Noch vor dem Tod des Jakobus, vor dem Jahr 62, hatten die Jesus-Leute begonnen, Jesus-Logien zu sammeln, wie sie das Thomas-Evangelium bewahrte und wie sie dann im Markion-Text begegnen. Spätestens seit dieser Zeit, in den Jahren des Apostelkonzils und vor dem Tod des Jakobus, war in Auseinandersetzung mit Paulus ein erstes Bedürfnis entstanden, Jesu Lehren zu erfassen und zu fixieren … Das Ergebnis dieser Bemühung sah freilich anders aus als das ›Evangelium‹ des Paulus; es kannte noch immer keine Heilungen oder Wunder, doch zahlreiche Jesus-Worte … Beide Wege konnten erst zusammenfinden, indem die Jesus-Tradition der Jünger und die Lehren des Paulus, wie sie die Evangelien spiegeln, wenigstens bei einigen Jesus-Leuten irgendwie zusammenfanden … Ganz gelang es nicht“ (Johannes Fried S. 141 ff.). 

„Streit beherrschte den Beginn, Streit verfolgte die Wanderer auf ihrem Gang, der Streit verschärfte sich, je eindringlicher das Ziel allgemein verpflichtender Traditionen verfolgt wurde … Die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte (2,1) könnte geradezu als Urbild dieser Konstellation verstanden werden: Ein Sturmwind durchfuhr das Haus, in den sich die elf Jünger versammelt hatten, Feuer schien auf jeden von ihnen herabzufallen, und sie redeten in fremden Sprachen. Visionen … erfüllten einen jeden mit dem, was er gerade hinter sich gebracht hatte und sich ihm eben als Zukunft andeutete. Jesu Leben, Wirken und Nachwirken und die seit seiner Grabflucht erschließbaren Spuren, dazu die mythen- und legendengepflasterten Verwandlungen von Jesus zu Christus oder der Wandel der ›guten Botschaft‹ von Petrus und Jakobus zu Paulus und zu den endlosen Glaubensboten in aller Welt konnten sich in keiner Einheitserzählung verbreiten … Nicht besser steht es um die Frühgeschichte des Christentums und seiner Kirchen. Wohl aber zeichnen sich … einige wesentliche Etappen ab, nämlich drei entscheidende Wendepunkte: das Apostelkonzil, die Tempelzerstörung und die Notwendigkeit der Selbstvergewisserung am Ende des ersten Jahrhunderts“ (Johannes Fried S. 173 f.).

Die heutige wissenschaftliche Erforschung des Neuen Testaments geht dagegen davon aus, dass Jesus und Paulus Juden geblieben sind und dass das Christentum in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten als eine polymorphe Erscheinung beschrieben werden muss, deren Identität erst im Entstehen begriffen ist (vergleiche dazu und zum Folgenden Angela Standhartinger, »Parting of the Ways«. Stationen einer Debatte. In: Evangelische Theologie 6/ 2020 S. 406 – 417). Damit werden auch die Grenzen zum überkommenen jüdischen Glauben und zum parallel entstehenden Judentum flüssiger. Man kann die »Verwerfung Jesu« nicht mehr länger als das Gründungsdatum des Christentums ansehen, wie es Adolf von Harnack am Beginn des 20. Jahrhunderts mit antijüdischer Überbietungsrhetorik getan hat. Man lässt deshalb Bilder wie die von Mutter und Tochter hinter sich und greift bei historischen Rekonstruktionen zu neuen Metaphern wie der von den Zwillingsschwestern Judentum und Christentum, zum Bild einer vielspurigen Autobahn, auf der vielfaches Spurwechseln durchaus zu Karambolagen führte, zur Vorstellung verschlungener Pfade auf moorigem Untergrund, die nur Fährtenleser oder Wilderer entziffern können, zur Metapher von Tanzgruppen mit Partnerwechseln und zum Bild eines Wellendiagramms mit sich ständig wieder verschiebenden Kontaktzonen (Angela Standhartinger, a. a. O. S. 415 f.). Auch der renommierte jüdische Religionsphilosoph Daniel Boyarin konstatiert, dass es in der griechisch-römischen Antike noch gar kein Christentum gegeben hat, weil die Kriterien für das, was das Christentum hätte sein können, gefehlt haben (vergleiche dazu etwa https://www.deutschlandfunk.de/als-sich-das-judentum-und-das-christentum-voneinander.886.de.html?dram:article_id=252674). Erst das erste Konzil von Nizäa (325) hat Klarheit geschafft. 

Nach Fried soll der von ihm hochgeschätzte Passionsbericht des Johannesevangeliums „von dem Jünger, den Jesus liebte, und damit von einem Augenzeugen“ ausgehen (Johannes Fried S. 65). Die neutestamentliche Forschung urteilt mehrheitlich anders. Demnach sprechen sowohl die literarische Gestaltung als auch das theologische Profil des Johannesevangeliums dagegen, dass ein Augenzeuge und Jünger Jesu Verfasser des Textes waren. Vertretern der historisch-kritischen Schule datieren das Johannesevangelium mehrheitlich auf das Ende des ersten Jahrhunderts, frühestens aber auf die Jahre nach 80. Klaus Berger datiert es auf die Zeit zwischen 67 und 70. Johannes Fried geht mit dem Berger-Schüler Matthias Klinghardt davon aus, dass Johannes das von Markion im zweiten Jahrhundert rezipierte älteste Evangelium gekannt hat (Johannes Fried S. 189, Anmerkung 16. Vergleiche dazu Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Erschließung der kanonischen Evangelien, Tübingen 2013 und https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Klinghardt). 

Auch das Thomasevangelium, in dem Fried „einige Zeilen des Jerusalemischen Evangeliums und damit einige dem Meister besonders nahestehenden Lehren vor dem völligen Untergang gerettet sieht“ (Johannes Fried S. 123), wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Wenn es, wie die eine wissenschaftliche Position annimmt, im 1. Jahrhundert entstanden ist, könnte es in der Tat Worte des historischen Jesus überliefern. Wenn es aber, was andere nahelegen, auf das 2. Jahrhundert zu datieren ist, würde es die synoptischen Evangelien voraussetzen und wäre damit sekundär.

Fried setzt auf „Augenzeugen ohne theologisches Konstrukt“ (Johannes Fried S. 45 ff.) und will auf diesem Weg dem historischen Jesus und den Ursprüngen des Christentums näher kommen. Aber keine Lektüre versteht sich von selbst und schon gar keine historische Rekonstruktion. Jedes Verstehen von Texten lebt von Vorannahmen und jede historische Rekonstruktion verlangt eine Metatheorie. Wenn der Theologe Martin Kähler (1835 – 1912) das Markusevangelium als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ angesehen und gelesen hat, hat er es deutlich anders verstanden als der Historiker Johannes Fried, der voraussetzt, dass Jesus seine Kreuzigung überlebt hat und eines natürlichen Todes gestorben ist. Analoges gilt für die anderen diskutierten Quellen und die vorgeschlagenen historischen Rekonstruktionen. Damit geht es im Streit um die Deutung der kanonischen und apokryphen Schriften der ersten Christen und der Texte der Kirchenväter letztlich um die Frage, welcher Zugang zu den Quellen die schlüssigere historische Rekonstruktion und das abgesichertere Bild verspricht und um die mittel- und langfristige Durchsetzung dieses Bildes im streitbaren Diskurs der wissenschaftlichen Disziplinen. Ob der von Fried ins Gespräch gebrachte Zugang zu den Quellen und seine Rekonstruktion des frühen Christentums Eingang in diesen breiteren Diskurs der neutestamentlichen Wissenschaften und der frühen Kirchengeschichte Eingang finden oder für abwegig erklärt werden wird, ist derzeit noch völlig offen.

ham, 4. Februar 2021

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