Nov 30

Jonathan Meese, Dr. Trans-Form-Erz

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 27. Oktober – 17. Dezember 2016 in der David Nolan Gallery,
New York. Mit einem Essay von Pamela Kort und einem Nachwort von David Nolan
David Nolan Gallery, New York / Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2016, ISBN
978-3-96098-045-2, Englisch, 104 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Klappenbroschur, Format 27 x 20
cm, € 29,80

Der zur Ausstellung in der David Nolan Gallery, New York (vergleiche dazu die Bilderstrecke zur
Ausstellung unter http://artaddict.net/events/article/5806/jonathan-meese-david-nolan-gallery, abgerufen am
29. 11.2016) erschienene Katalog ist zum einen wegen seiner Konzentration auf Meeses Zeichnungen
bemerkenswert, zum anderen aufgrund seines Interesses an Meeses Frühwerk und zum dritten durch Pamela
Korts Herleitung von tragenden Elementen in Meeses Werk von seinem Lehrer Franz Erhard Walther.

Jonathan Meeses kaum mehr zu überschauendes, ausgreifende Installationen, eine zur Bilderflut gewordene
Vielzahl von Fotografien, Übermalungen und Collagen, innovative Malereien, herausfordernde
Performances, drängende Manifeste, Propagandaschriften- und Videos und schließlich auch Plakate und
Bücher umfassendes Gesamtwerk hat bekanntlich mit dem Geburtstagsgeschenk seiner Mutter zu seinem 22.
Geburtstag begonnen. Sie hatte ihn gefragt, was er gerne zum Geburtstag bekommen möchte und er hat sie
um Papier und Malstifte gebeten. Danach hat er zu zeichnen begonnen. In der New Yorker Ausstellung
werden zwei leider im Katalog nicht abgebildete Zeichnungen aus diesem Jahr gezeigt, dafür aber die im
fraglichen Jahr begonnene Zeichnung Ohne Titel (VOGELAUFKLEBER),1992-1997, Wasserfarbe und
Bleistift auf Papier, 29,7 x 21 cm, Zeichnungen aus dem Jahr 1993, so die Zeichnung Ohne Titel (ICH WILL
ALLE GLÜCKLICH MACHEN), Bleistift und Collage auf Papier, 29,7 x 21 cm, und, je nachdem wie man
rechnet, wenigstens neun Zeichnungen aus den Jahren 1994 -98, also aus den Jahren, in denen Jonathan
Meese bei Franz Erhard Walther studiert hat. Die jüngste, ERZMARSCHALL betitelte Zeichnungsserie aus
dem Jahr 2016 ist von John Waynes Darstellung von unbesiegbaren Cowboys in über 80 Western inspiriert.
Insgesamt werden fast 70 Zeichnungen gezeigt.

In der bisherigen Kunstgeschichtsschreibung hat man sich in aller Regel erst nach dem Abschluss des
Hauptwerks eines Künstlers mit seinem Frühwerk beschäftigt. Deshalb ist es erstaunlich, dass man sich jetzt
schon für das Frühwerk von Meese zu interessieren beginnt, und das ausgerechnet in New York. Die damit
einsetzende Historisierung von Meeses Gesamtwerk könnte ihm vielleicht ambivalent erscheinen, da er
nach menschlichem Ermessen im Alter von 46 Jahren ja noch ein, zwei oder drei Jahrzehnte weiterarbeiten
kann. Aber sie kann ihn auch freuen, weil sie unterstreicht, dass er schon jetzt zu den „Klassikern“ der
Gegenwartskunst gerechnet wird. Sein Frühwerk ist, nebenbei gesagt, erstaunlich vollständig erhalten und
dank seiner Mutter auch sehr gut sortiert. Das lässt hoffen, dass in den nächsten Jahren noch manch weiterer
Schatz gehoben werden wird.

Bemerkenswert ist schließlich drittens, dass es die aus New York stammende und derzeit am Max-Planck-
Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin lehrende Kunsthistorikerin und Autorin Pamela Kort in ihrem
Essay zwingend darzulegen versteht, dass zentrale Elemente in Meeses Vorstellung von Kunst im
Kunstverständnis seines Lehrers Franz Erhard Walther angelegt sind. Meese hat das abstrakte, minimalistisch
und konzeptuell strukturierte Werk Walthers in seiner vielschichtigen figurativen Formensprache in keiner
Weise kopiert. Aber “Franz Erhard Walther was very interesting to me because he seemed to be the opposite.
I was a messy guy, he was all ordered. He had a certain language and I thought this was the right fellow. He
knew so much about art history, I knew nothing. … And I thought, this man also protects himself from
something, and this was exactly what I needed, and so I took parts of it and developed my thing“ (Jonathan
Meese nach Pamela Kort S. 12).

Meese hat, wenn man Kort folgt, zunächst Walthers „totale Vision“ von Kunst aufgegriffen, die den
Werkprozess, den Werkgedanke und die Werkhandlung als einen einheitlichen Vorgang begreift, und diese
Vision in seine Vorstellung von „totaler Kunst“ überführt. Meeses Bild von Totalkunst lässt sich nach
seinem Manifest vom 21. 7. 2016 für die Ausstellung bei David Nolan abgekürzt so zusammenfassen: “ART
IS THE ONLY REAL POWER OF FUTURE / 1. ART IS TOTAL LOVE, like John Wayne. / 2. ART IS
TOTAL POWER, like Wyatt Earp. / 3. ART IST NO PROBLEM, like »Humpty Dumpty« […]. 11. ART IS
TOTAL Childhood, liebe Billy the Kid. / 12. ART IS TOTAL Freedom, like Mr. Spock […]. / ART IS
TOTAL EVOLUTION / Meese, M.E.E.S.E., ist total »Evolutionsoldier«, Meese ist der »Totalste
Evolutionscowboy«“ (Jonathan Meese, Dr. Trans-Form-Erz S. 6).

Franz Erhard Walthers Fotografien von Menschen, die in einem seiner Werksätze stehen und damit zum Teil
des Werks werden, haben Meese dazu motiviert, sich auch selbst in seine Installationen zu stellen. Das ist
eine weitere Übernahme. Dass Meese immer in zu den Gelegenheiten passenden „Kostümen“ aufzutreten
pflegt, ist eine dritte: “I loved these people who somehaw stand in their work. This is something I learned
from Franz Erhard Walther. He always dressed in his work. … And I loved these photos because it showed
me that he was part of his work, and I also started to do that“ (Jonathan Meese nach Pamela Kort S. 12). Kort
schließt ihren Essay mit dem Hinweis, dass Meese derzeit dabei ist, seine Zeichnungen als „Alphabet für die
Zukunft“ auszubauen. “Evolutionary in essence, the forms and titles of these works derive from ideas
intrinsic to Meese’s early installations. A battalion of images that continue to swell in rank, they too are
aimed at effectuating the coming »Dictatorship of Art« he is so intent on realizing“ (Pamela Kort S. 18).

ham, 29. November 2016

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