Mrz 31

Jonathan Meese in Japan

Von Helmut A. Müller | In Künstlerbuch

Publikation zur Ausstellung Mishima is back vom 5. 9. – 10.11.2009 in der Tomio Koyama Gallery Tokio,
Japan. Limitierte Auflage von 5o Exemplaren der Dienstbuch-Sonderausgabe vom September 2009 mit
Gesprächen zischen Brigitte und Jonathan Meese und Jan Bauer

Berlin 2016, ISBN 73003-201605003876-82, 81 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Format 27,7 x 21,3 cm

Nach Wikipedia wurde Jonathan Robin Meese „als drittes Kind seiner Eltern, einer Deutschen und eines
Walisers, in Tokio, Japan, geboren. Seine Mutter, die in Stuttgart geborene Brigitte Renate Meese,
Geburtsname Wetzel, kehrte Mitte der 1970er Jahre mit den Kindern nach Deutschland zurück und ließ sich
in Hamburg nieder. Sein Vater, der Bankier Reginald Selby Meese, geboren in Newport (Wales), lebte
weiterhin, bis zu seinem Tod 1988, in Japan“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Meese). Wer mehr und
Genaueres wissen will, sollte auf das 2016 als limitierte Sonderausgabe aufgelegte Dienstbuch
zurückgreifen, das anlässlich des Aufenthalts von Brigitte und Jonathan Meese vom 2. bis 7. September 2009
und der Ausstellung in der Tomio Koyama Gallery in Tokio erschienen ist. Jan Bauer befragt in dem
Dienstbuch Brigitte Meese über ihre Zeit in Japan und Jonathan Meese über seinen Vater.

Brigitte Meese war 1956 nach Sprachstudien in Heidelberg, Paris und London und einer ersten Anstellung
bei Bayer Leverkusen auf Einladung ihrer älteren Schwester nach Tokio gereist und hatte bei ihrem
Schwager zu arbeiten begonnen. Den englischen Bankier Reginald Selby Meese, ihren späteren Mann, hatte
sie bei Wochenendausflügen mit Englisch sprechenden jungen Leuten auf das Land kennen, schätzen und
lieben gelernt. „Regi und ich haben 1959 geheiratet und zogen gemeinsamen in ein kleines Haus. Eine
absolute Perle, ein japanisches Mädchen, lebte und arbeitete schon in dem Haus […]. Sie hat uns die ganzen
Jahre begleitet und wunderschön für uns gesorgt. Dort wurden auch nacheinander unsere drei Kinder
geboren. 1960 die Karolin, 1962 der Andi und 1970 Jonathan, der Künstler. In Tokio lebten wir im Grunde
ein relativ normales bürgerliches Leben, das mit asiatischer Exotik durchmischt war. Es gab fast jeden Abend
eine Cocktail- oder Dinner Party […]. Ich selbst habe, bis auf vier, die ganzen 17 Jahre immer gearbeitet, so
als zweiter Mann in kleinen deutschen oder auch ausländischen Büros. Mein Mann sprach fließend Japanisch
[…], hatte sehr viele japanische Freunde und wurde sehr viel zu den Festen und Parties der britischen
Botschaft eingeladen“ (Brigitte Meese S. 5,12, 16). Dort lernte Brigitte Meese u. a. Akio Morita, den
Gründer von Sony, Yoshida Shigeru, den ersten japanischen Premierminister nach dem Zweiten Weltkrieg,
den Schriftsteller Yukio Mishima und Kronprinz Akihito, den späteren Kaiser und 125. Tenno von Japan
kennen. Ihr Mann war ein hochbegabter Geschichtenerzähler. Er konnte nicht nur über sich selber lachen,
sondern war auch fähig, Witze gegen sich zu machen. „Das hat Jonathan von ihm […]. Ich glaube, dass viel
von dem Ungewöhnlichen, das Jonathan in sich trägt, auch von seinem Vater kommt […]. Das kommt von
den Genen […]. Von mir, sagen wir mal, hat er die Disziplin und Energie bekommen, aber das
Ungewöhnliche von seinem Vater“ (Brigitte Meese S. 20 und 50).

Brigitte Meese ist 1973 der Schule wegen mit ihren Kindern nach Deutschland zurückgekehrt und nach
Ahrensburg gezogen. Jonathan Meeses Vater konnte kein Deutsch und blieb in Japan; er kam aber
regelmäßig auf Besuch. „Ich erinnere, der heranwachsende noch ziemlich kleine Jonathan stand immer
bewundernd neben dem Stuhl seines Vaters und guckte ihn an. Jonathan konnte ja Englisch verstehen, aber er
konnte es nicht sprechen. Er war auch zu scheu, um […] sich auf Englisch zu unterhalten. Also die
Verbindung war sprachlos […]. Aber […] später (war er) zwei- oder dreimal […] bei seinem Vater“ in Japan
(Brigitte Meese S. 43). Deshalb ist es verständlich, dass Jonathan relativ wenig von seinem Vater weiß. „Ich
weiß […] nur grafische Sachen […], wie er aussieht, was für Sachen er getragen hat, wie er rüberkam. Aber
was in seinem Kopf vorging oder was er wollte, wie er gelebt hat, das weiß ich nicht wirklich. Ich frage
immer mal wieder meine Mutter […]. Die Leute sagen immer nur, er war wahnsinnig charmant. Er sah sehr
gut aus und konnte sich in allen Kreisen bewegen. Er war ein Charmeur, er war ein Gentleman. Er hat
hundertmillionen Sachen gleichzeitig getan […]. Ja er war ein Banker, ein Geschäftsmann […]. Immer wenn
er da war, hat er mir Sachen geschenkt. Das fand ich […] toll. Ich fand ihn super. Aber etwas mit ihm
anfangen oder er mit mir […] ging nicht. Ich war gehemmt, mein Vater war gehemmt. Ich bin heute noch
gehemmt. Das ist aber auch gut so“ (Jonathan Meese S. 52 f.). Gefragt, ob seine Reise nach Japan etwas
Besonderes ist, wenn sein Vater in seinem künstlerischen Spiel nur ein grafisches Element sein soll,
antwortet Jonathan Meese: „Ich würde gerne noch einmal hierher kommen. Auch mit meiner Mutter. Das
muß sein. Das war total super, daß sie mit war. Wir sind zwar durch die Stadt gelaufen und waren in Kyoto
vor den Tempeln. Aber das reicht noch nicht. Bezogen auf die Familie bin ich kein Nostalgiker, also man
müßte meine Schwester, meinem Bruder dazu […] befragen. Ich war hier im Kindergarten, ja. Ich habe
immer irgendwelche Puppen in der Hand gehabt, die irgendwelche japanischen Monster waren. Da gibt es
noch Fotos von. […] Es wäre vielleicht super gewesen, hier leben zu bleiben und nicht nach Deutschland zu
kommen. Das ist vielleicht eine versäumte Chance gewesen. Ich wäre wahrscheinlich genauso verknallt
gewesen in dieses Land, wie mein Vater. Ich wäre wahrscheinlich nicht weggekommen. War es gut oder
schlecht, daß ich nach Deutschland gekommen bin, man weiß es nicht. Aber ich war zu klein, ein
dreijähriges Kind. Man hat mich hier rausgerissen, ob ich wollte oder nicht“ (Jonathan Meese S. 59).

ham, 29. März 2016

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ham, 29. März 2016

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