Jul 16

Hans Matthäus Bachmayer
Dietrich Bartsch
Miriam Cahn
Gunther Damisch
Martin Disler
Franz Hitzler
Leiko Ikemura
Siegfried Kaden
Gustav Kluge
Max Neumann
Helmut Sturm

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 24. Mai bis 9. Juli 2917 in der Bayrischen Akademie der
Schönen Künste, München, hrsg. von Marie-José van de Loo und Selima Niggl mit einem Grußwort von
Michael Krüger und Winfried Nerdinger und einem Essay von Selima Niggl

Galerie van de Loo Projekte, München 2017, 72 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Hardcover gebunden,
Format 27,5 x 21,2 cm, € 23,00

In der später viel diskutierten Überblicksausstellung Europa 79 wollten die Stuttgarter Galeristen Max
Hetzler, Hans-Jürgen Müller und Ursula Schurr Künstler aus Europa zeigen, denen sie in Zukunft die größten
Chancen einräumen. Zugleich haben sie darauf aufmerksam gemacht, dass die amerikanische Vorherrschaft
in der Kunst gebrochen ist und Europa wieder tonangebend werden kann. Vorgestellt wurden dann unter
anderem die Italiener Sandro Chia, Francesco Clémente, Enzo Cucchi und Nino Longobardi, die Schweizer
Martin Disler, Peter Fischli und David Weiss, die Deutschen Wolfgang Flatz, Günther Förg, Isa Genzken,
Nikolaus Koliusis, Gerhard Merz und Reinhard Mucha, und der Österreicher Hubert Schmalix. In die bis
1984 von Hans-Jürgen Müller für das Hessische Landesmuseum Darmstadt aufgebauten Sammlung Tiefe
Blicke. Kunst der Achtziger Jahre aus der Bundesrepublik Deutschland, der DDR, Österreich und der
Schweiz haben neben Martin Disler auch Leiko Ikemura und Gustav Kluge Aufnahme gefunden. Disler,
Ikemura und Kluge sind die einzigen Malerinnen und Maler, die auch mit München und dem malerischen
Programm der Galerie von Otto van de Loo verbunden waren. In der 2015 von Max Hollein verantworteten
Überblicksausstellung Die 80er. Figurative Malerei in der BRD im Frankfurter Städel liegt der Fokus auf
Berlin, Hamburg und dem Rheinland. München fehlt und fällt ganz aus.

Deshalb schließen die in der Bayrischen Akademie der Schönen Künste gezeigte Ausstellung Jung und wild
und der zur Ausstellung erschienene Katalog eine schmerzliche Lücke. Die Ausstellung rückt die Perspektive
von Otto van de Loo auf die malerischen Positionen der 1980er Jahre in den Blick und erinnert an Künstler,
die der Galerist zwischen 1980 und 1990 in München gezeigt hat. Van de Loo ging es um existentielle,
expressive Bilder, „›die ins Unbekannte weisen, die weder Weltentwürfe stilisieren noch Entzauberung
suchen, die eine geheime Formel hüten, wie alle bleibende Kunst‹“ und um Künstler, die um das Bild
streiten, es bestätigen und in Frage stellen, „›ohne es jedoch in seiner Aussagefähigkeit tatsächlich zerstören
zu wollen‹“ (Otto van de Loo in Jung und wild S. 10). Unter den elf Künstlern der Ausstellung steht Helmut
Sturm (1932 -2008) mit seinem durch Spontaneität und Emotionalität geprägten Bildbegriff exemplarisch für
die getroffene Auswahl: „Ihm ging es […] unabhängig von äußeren Gegebenheiten um eine ›Malerei um der
Malerei willen‹“ (Jung und wild S. 11). Für Christine Hamel artikuliert sich die elementare Botschaft dieser
schroffen, krassen, kruden, pompösen und vehementen Malerei in der Sinnlichkeit einer emotionsgeladenen
Heftigkeit (vergleiche dazu http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/jung-und-wild-100.html). In
den lanzenartigen Torpedos von Leiko Ikemuras Torero Gelb,1983, Öl auf Leinwand, 180 x 200 cm nimmt
sie gewaltförmige Züge an (vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=Leiko+Ikemura+
(Torero+Gelb&tbm=isch&imgil=P5QfSJsgOrGATM%253A%253BVajR3yj2N9SaVM%253Bhttp%25253A
%25252F%25252Fwww.danykellergalerie.de%25252Fkuenstler%25252FIkemura%25252FIkemura_bilder.h
tml&source=iu&pf=m&fir=P5QfSJsgOrGATM%253A%252CVajR3yj2N9SaVM%252C_&usg=__tIadd-
YXXxwy-
Nawv0ypEMc5h9k%3D&biw=1603&bih=936&ved=0ahUKEwiLhf_jgYnVAhUJSRoKHZ2qDtUQyjcIMg
&ei=ONloWYuJBImSaZ3VuqgN#imgrc=rXbyh_banhw2NM:).

Siegfried Kaden setzt in seiner Malerei Socken, 1988, Öl auf Leinwand, 220 x 170 cm (vergleiche dazu
https://www.google.de/search?
q=Siegfried+Kaden+Socken&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjHrO7GhInVAhXR0R
oKHcKLAOIQ7AkIQw&biw=1603&bih=936#imgrc=fuVBUdUxBYnuDM:) und in seiner Zeichnung
Achselschweiß von 1981 auf die humoristischen Seiten des Alltäglichen und bindet sie an die eigene Existenz
zurück. In Socken hat Kaden seinen Protagonisten in eine pechschwarze Puppe mit tiefblauen Augen
verwandelt und schräg ins Bild gestellt. Sein Herz ist angefressen; aber es sitzt am rechten Fleck und es ist
unschuldig weiß. Die linke Hand ist im Malfuror in eine Art Greifwerkzeug oder Zange transformiert. Sie hat
die gelbe Socke mit spitzen Fingern angefasst und in hohem Bogen in die Luft geworfen. Die Socke bleibt
in der rechten oberen Ecke im Bild hängen. Ihr Pendant, die rote Socke, liegt gegenüber links unten auf dem
Boden. Auf den ersten Blick passt in der schwarzen Figur im Zentrum der Malerei wenig zusammen; alles
scheint, wie oft im Alltag auch, durcheinander geraten. Aber die rote und die gelbe Socke halten die Figur
zusammen. Die Linien, Volumen, Flächen und Farben finden zueinander und ordnen sich. Im Kraftfeld von
Rot und Gelb vertritt die Figur den Künstler, der um seine bleibende Bindung an den Körper, die Erde und
die über ihn hinausgehende Existenz weiß. In Kadens Zeichnung Achselschweiß, 1981, Gouache und
Graphit auf Papier, 42 x 56 cm liegt der Kopf auf der rechten Schulter. Dem Protagonisten steigt nicht mehr
der Duft der Socken, sondern der eigene Achselschweiß in die Nase. Er rümpft seine Nase und runzelt seine
Stirn. Er greift sich unter die Achsel, reißt sich drei Haare aus und wird sie sich gleich unter die Nase halten.
Dann ist alles klar. Er wird nicht nur seine Socken, sondern auch sich selbst waschen müssen. Die nächste
Zeichnung muss deshalb warten. Und die nächste Malerei auch.

ham, 14. Juli 2017

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