Jan 10

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 5.11. 2017 – 21.1. 2018 im Ludwig Museum im
Deutschherrenhaus, Koblenz; herausgegeben von Beate Reifenscheid mit Texten von Clémentine Deliss,
Demosthenes Davvetas und der Herausgeberin

Ludwig Museum, Koblenz / Kerber Verlag, Bielefeld/Berlin, 2017, ISBN 978-3-7356-4034-5, 152 Seiten, 63
farbige Abbildungen, Klappenbroschur, broschiert, Format 30 x 24 cm, € 38,00 (D) / 39,10 (A) / CHF 46,60

Rembrandt hat in seinen Selbstporträts wie kein anderer Künstler vor ihm die Spuren, Veränderungen und
Verwüstungen und damit im wörtlichen und übertragenen Sinn die Eindrücke gezeigt, die das Leben
hinterlassen kann.
Der 1970 in Dugny bei Paris geborene französische-algerische Künstler Kader Attia ist in seiner 2012 auf der
documenta 13 vorgestellten und von vielen Besuchern als bedrückend erlebten Installation The Repair from
Occident to Extra-Occident (vergleiche dazu https://www.google.de/search?
q=kader+attia+documenta+13&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjlkK2TvMjYAhXMz
KQKHSGjByIQsAQIOA&biw=1633&bih=935#imgrc=wYgUh4KrY281yM:) einen Schritt weiter
gegangen: In raumgreifenden Regalen waren neben Fotografien von Gesichtern von Opfern aus den
Schützengräben des Ersten Weltkriegs nach plastischen Gesichtsrekonstruktionen reparierte afrikanische
Skulpturen und von traditionellen Schnitzern aus Dakar, Senegal nach den Fotos der Weltkriegsopfer
geschaffene lebensgroße Holzskulpturen zu sehen, die Verwüstungen in den Gesichtern darstellen. In Afrika
werden Verletzungen und Narben nicht versteckt, sondern gezeigt und in die Persönlichkeit integriert. Diese
„Reparaturen“ haben Attia zur Überzeugung gebracht, dass sie zu den Konstanten in der Natur gehören und
für überwundene Zerstörung und die einer Psychoanalyse vergleichbare Aneignung der Wunden stehen
können.

Attia hat seine Kasseler und spätere analoge Installationen (vergleiche dazu etwa https://www.google.de/
search?
q=kader+attia+im+MMK+Frankfurt&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjczNWNx8jY
AhVE2KQKHeljAf8QsAQIXg&biw=1633&bih=935) mit der Zeit als ästhetische Gestalten einer sozialen,
politischen und kulturellen Reparation begriffen, die auf lange Sicht in einen evolutionären Prozess
einmünden und durch den Kolonialismus und Kapitalismus geschlagenen Wunden heilen. Insofern hat
Reparatur für ihn nicht nur mit Fragen der Heilung, sondern auch mit Fragen des Geschlechts, des Alters, der
Kultur, der Architektur, der Philosophie, der Ethik, der Ästhetik, des Mythos und der Geschichte zu tun.

In seiner ortsspezifischen Installation für die Whitechapel Galerie in London The continuum of repair: The
light auf Jacob´s ladder lehnt Attila 2013 eine Leiter an eine Wunderkammer voller Gegenstände von alten
wissenschaftlichen Messgeräten bis hin zu Büchern von Autoren wie dem Philosophen Descartes und dem
Biologen Alfred Russel Wallace. Die Wunderkammer hat ihren Platz inmitten eines bändeweise mit Büchern
vollgestopften quadratischen Großgerüsts gefunden, das in der verspiegelten Raumdecke mitsamt der Leiter,
der Wunderkammer und den Büchern unendlich reflektiert wird. Formal entsteht im Miteinander von
Installation und Spiegelbild ein postmytischer imaginärer Turm, der um den Fluch des Turmbaus zu Babel
ebenso weiß wie um Jakobs Flucht vor dem Zorn seines Zwillingsbruders Esau und seinen Traum von der
Himmelsleiter, an der Gottes Engel auf- und absteigen (1. Mose 28, 12 –17). Jakob gewinnt bei dem Traum
die Zuversicht, dass er trotz des Linsengerichts, mit dem er seinen Bruder um sein Erbe betrogen hat, mit
dem Segen des Himmels rechnen kann: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich
wieder herbringen in dies Land“ (1. Mose 28, 15).

Die Ausstellung Architektur der Erinnerung im Ludwig Museum in Koblenz konzentriert sich auf
architektonische Werke und Objekte wie Attias 2007 entstandene Rauminstallation aus verspiegelten
Kühlschränken (Untitled, Skyline), deren Oberflächen bei einem Workshop mit nichtregistrierten
Flüchtlingen in Paris in Handarbeit hergestellt und zur Metapher für „die unsichtbaren Arbeiter“ wurden,
„die bis heute unsere modernen Städte errichten“ (Beate Reifenscheid S. 12). Die 2009 entstandene
Installation Untitled (Ghardaïa), gekochter Couscous, Schwarz-Weiß-Porträts von Fernand Pouillon und Le
Corbusier (Kopien), baut die Stadt gleichen Namens nach, die Le Corbusier bei seiner Reise nach Nordafrika
entdeckt und die ihn zu seiner „Cité Radieuse“ in Marseille inspiriert hat. „Entscheidend für die Gestaltung
der Erinnerungsformel der historischen Stadt Ghardaïa ist Kader Attias Verwendung von Couscous, den er
wie bei den von Kindern geschaffenen Sandburgen einsetzt“ (Beate Reifenscheid S. 14).

Ein drittes Beispiel ist seine Skulptur Indépendance Tchao, die an das von den Architekten Henri Chomette
und Roland Depret zwischen 1973 und 78 in Dakar gebaute, aber inzwischen aufgegebene Hotel de
l’Indépendance erinnert. Die abgeschrägten Fensterlaibungen des Gebäudes lassen an die Fächer bestimmter
Karteikastenschränke denken, „– ein Gedanke, den Attia dann auch umgesetzt hat. Der Name des Hotels […]
sowie seine Architektur bezeugen anschaulich die politische Demonstration der Franzosen in ihren
ehemaligen Kolonien wie dem Senegal, die Macht zu behalten. Der zugleich wie Blasphemie wirkende Titel
„Unabhängigkeit“, die nicht zuletzt in dem furchtbaren Algerienkrieg gefordert worden war und die so viel
Blutvergießen gekostet hatte, wird bei Attia negiert. Kader Attias Rekuperation bezieht sich auf die
Geschichte und die Signalwirkung, die von diesem Gebäude bis heute ausgeht, und widersetzt sich subtil
dem Vergessen“ (Beate Reifenscheid S. 18; vergleiche zu den Arbeiten auch https://www.google.de/search?
q=kader+attia+koblenz&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjo3bCS7sjYAhWGKewKH
ZAhBBIQsAQIVw&biw=1633&bih=935 und http://nagel-draxler.de/artists/kader-attia/). The continuum of
repair: The light auf Jacob´s ladder wird in Koblenz leider nicht gezeigt.

Im Zentrum der Ausstellung steht das 2016 entstandene Video Réfléchir la Mémoire, HD Video, Ton, Farbe,
48 Minuten. Attia stellt in seinem Filmessay Interviews mit Chirurgen, Philosophen, Historikern,
Psychoanalytikern und traumatisierten Personen vor, die über das Phänomen des Phantomschmerzes und
seiner psychosozialen Implikationen sprechen (vergleiche dazu https://www.youtube.com/watch?
v=tUnzhadjo8k, http://www.gliori.it/abs_pdf/Kader%20Attia.pdf ). „Das fehlende Bein oder der Arm werden
nicht nur einfach als traumatischer Verlust wahrgenommen, sondern wie beim Tod eines geliebten Menschen
ist auch hier eine tiefe Trauer vorhanden und dieser Verlust schmerzt. Langsam leitet der Film über von der
individuellen Verletzung zu gesellschaftlichen Verletzungen wie durch den Genocide an ganzen Völkern im
20 Jhd. Bezeichnend ist hier, daß nicht nur bei den Opfern dieser Verlust schmerzlich in der Psyche verankert
ist über Generationen hinweg, sondern durchaus auch bei den Tätern als Schuld und Scham“ (Petra Krubeck,
Phantomschmerz – Kader Attia. In: https://kulturnaturkunst.wordpress.com/2017/04/09/phantomschmerzkader-
attia/). Beinprothesen wie Untitled, 2017, zwei Beinprothesen, Stuhl und geflickte Stoffe aus
Algerien, Senegal und Tunesien verdeutlichen, was in dem Film diskutiert und berichtet wird.

Attia bindet die geflickten Stoffe wie folgt in seinen Denkansatz ein: „Nach einer langen Beobachtung eines
reparierten kongolesischen Stoffes aus dem Kuba-Stamm Nchakokot brauchte ich einige Jahre, bevor ich
verstand, dass Reparatur hauptsächlich eine anonyme Unterschrift ist. Die eines Individuums, die an die
soziale Gruppe gerichtet ist, zu der es gehört, und seine aufgeschlossene Beziehung zu Wunden zeigt […].
Seit jeher wurden zerrissene Stoffe mit zum Teil kleinen, manchmal großen, manchmal perfekt in den Stoff
integrierten Stoffen in der gleichen Farbnuance oder ganz im Gegensatz zur Farbpalette des Stoffes repariert.
Sie sind geprägt von Reparaturen, die das Gegenteil dessen darstellen, was die westliche Moderne seit der
Aufklärung immer verteidigt hat. Reparieren bedeutet in der westlichen Kultur etymologisch, ›in den
ursprünglichen Zustand zurückzukehren‹ und so die Wunde zu leugnen. In traditionellen, afrikanischen,
asiatischen und sogar vormodernen westlichen Gesellschaften bedeutete Reparatur das Zeigen, dass die
Wunde behandelt wurde, wobei der Reparatur genauso viel Bedeutung beigemessen wurde wie der Wunde
selbst“. Reparieren heißt dann, „kurz gesagt, dem Beschädigten ein zweites Leben zu geben.
Deshalb sind reparierte Stoffe nicht nur ein Lernobjekt für mich, sondern auch eine Form der Kreation“.
Unsere heutige Gesellschaft kann aus diesen Alltagsgegenständen lernen, das Alltägliche zu überschreiten,
weil „sie uns wieder mit dem Teil von uns verbinden, der nie wirklich verschwunden ist“.
(Framework Attia, 27. März 2017. Zitiert nach dem Pressebericht Kader Attia, Repairing the Invisible. In:
http://smak.be/assets/files/pdf/PB/Persbericht_Kader_Attia.pdf).

ham, 8. Januar 2018

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