Aug 29

Kader Attia, Sacrifice and Harmony

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 16. April – 14. August 2016 im MMK Museum für Moderne
Kunst – Frankfurt, herausgegeben von Susanne Gaensheimer und Klaus Görner mit Texten von den
Herausgebern, Philippe Dagen und Kader Attia, einem Glossar von Iwona Blazwick, diversen Auszügen aus
Interviews zu Begriffen wie Kolonisierung, Kapitalismus,Vorfahren, Genozid, Exil, Vernunft und Politik und
einem Gespräch zwischen Iris Rogoff und Kader Attila

MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt / Kerber Verlag Bielefeld, 2016, ISBN 978-3-7356-0255-8,
248 Seiten, 75 farbige und 64 s/w Abbildungen, Hardcover, gebunden, Format 29,5 x 24,5 cm, € 44,00 /
CHF 53,70

Der 1970 in Dugny geborene und in den Banlieus von Sarcelles in der Nähe von Paris aufgewachsene
franko-algerische Künstler Kader Attia ist mit Einzelausstellungen unter anderem im Museum d’Art
Moderne de La Ville de Paris, im KW Institut for Contemporary Art, Berlin, in der Whitechapel Gallery,
London, im Beirut Art Center, im MMK Museum für Moderne Kunst und mit Beteiligungen an
Gruppenausstellungen wie der Biennale Dakar und der dOCUMENTA 13 in Kassel dabei, im Olymp der
Kunst anzukommen. Für die FAZ gehört er zu den wichtigsten Künstlern unserer Gegenwart (Rose – Maria
Gropp, Die Wunden der Welt zeigen und flicken. In:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/die-wundender-
welt-zeigen-und-flicken-14230217.html). Gleichwohl hat er nicht vergessen, was in der neoliberal
geprägten Weltgesellschaft oben und was unten ist. Und er sagt und zeigt es in seinen Ausstellungen auch:
„Ich bin in einem sehr armen Kontext aufgewachsen, es gab schlechte Lehrer, die Klassenräume waren nicht
beheizt. Heute ist es noch schlimmer. Ich war gerade in Paris, bei meinem Bruder, der meinte: Kader, kannst
du dich noch an das Einkaufszentrum erinnern? Er zeigte mir, warum er nicht mehr hingeht. Nachts sind da
Dealer, die Feuer in Mülltonnen anzünden, um sich zu wärmen, auf dem Parkplatz warten in Autoschlangen
Drogenkäufer. Andere grillen Schafshälften auf offener Straße. Die Mädchen, 14, 15 Jahre alt, prostituieren
sich zwischen Ratten und Dreck. Das gab es früher nicht“ (Kader Attia im Gespräch mit Fabian Federl. In:
Der Tagesspiegel vom 27.1.2015. Zitiert nach http://www.tagesspiegel.de/kultur/interview-mit-kader-attiadie-
banlieue-ist-nahe-an-saudi-arabien/12645118.html).

In Frankfurt musste jeder Besucher die Ausstellungsräume durch eine mit verzinktem Wellengitter
abgedeckte Schleuse betreten, auf der in Plastiktüten verpackter Müll und anderer Abfall lag, so ein kaputter
Hoover-Staubsauger, ein weggeworfener Telefonapparat, defekte Kabel und Lampen und nicht zuletzt eine
nicht mehr gebrauchte, an die zwei Meter lange Holzlatte. Attia hat mit seiner Installation Los de Arriba y
Los de Abajo, 2015 eine reale Situation aus der Altstadt von Hebron nachgebaut. Die „unten“ lebenden
Palästinenser versuchen, sich mit Gittern gegen den Abfall von oben zu schützen. Nach „oben“ kommen sie
damit aber noch lange nicht. Auf der Art Basel Miami Beach 2008 haben Frauen in Kaders „Halal
Sweatshop“ im Akkord auf engstem Raum die Kleider hergestellt, die die besser gestellten Besucherinnen in
Kunstmessen tragen. Seine auf der dOCUMENTA 13 nach Vorlagen von Fotografien von im Gesicht
verletzten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg geschaffenen Holzbüsten haben Magengrimmen verursacht
und die allermeisten Besucher verstört. Sie zeigen Antlitze, die man in den ersten Kriegsjahren primitiv und
notdürftig und gegen Kriegsende zunehmend kunstvoller gesichtschirurgisch operiert hatte. Diese Büsten
wurden in Frankfurt zusammen mit Szenen aus Abel Gances Film J’accuse gezeigt. Ihr Eindruck ist noch
stärker, wenn man weiß, dass die im Film aus ihren Gräbern auferstehenden Soldaten von noch lebenden
Kriegsteilnehmern gespielt worden und ihre zerstörten Gesichter real sind. 2015 hat seine Installation Arab
Spring in der „Unlimitid“-Halle der Art Basel mit den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Attia hatte bei
der Eröffnung 16 museale Glasvitrinen mit Steinwürfen zerstört und mit seiner Aktion an die Plünderung des
Ägyptischen Museums 2011 in Kairo erinnert. Er weiß natürlich, dass der Markt die gestohlenen Altertümer
trotzdem nicht freiwillig zurückgeben wird. Kurz: Attias bildstarke Installationen vergisst man nicht. Sie
könnten ihm dabei geholfen haben, die untere Ebene zu verlassen und zumindest im System Kunst auf der
oberen Ebene anzukommen. Geholfen hat ihm aber sicher auch, dass er zu den Künstlern gehört, die präzise
reflektieren, was Kunst im Neoliberalismus bedeuten könnte und sie mit ihrer Kunst bewirken können und
was nicht.

Attia arbeitet als Künstlerforscher an der Aufarbeitung der Folgen des Anthropozäns wie andere ökoliberale
und linke Philosophen, Historiker, Wirtschafts-, Sozial-, Religions- und Kulturwissenschaftler auch, am
durch den Menschen ausgelösten Artensterben und an der globalen Erwärmung, aber so, dass er Ellipsen
schafft. Unter elliptischem Denken versteht er „unerwartete Korrelationen, also Verknüpfungen,
Zusammenhänge, Wechselwirkungen. Manchmal schlägt das fehl und manchmal ist es magisch. In jedem
Fall eröffnet diese Art zu denken neue Wege der Erkenntnis“ (Kader Attia S. 196). Dieses Denken lässt
Nichtwissen zu, erinnert an das Vorgehen von Sehern und Heilern in traditionellen Gesellschaften und
mündet in ein künstlerisches Probehandeln ein, das die fehlenden Glieder zwischen den großen Fragen
unserer Zeit und unserer alltäglichen Arbeit visualisiert. Die gefundenen Bilder berühren. Sie bleiben über
den Tag hinaus tragfähig, weil sie Spielräume zulassen und zu eigenem Denken herausfordern. Damit gehen
sie deutlich über die Bebilderung von eindeutigen wissenschaftlichen oder politischen Lösungen hinaus.

Im Horizont des Anthropozäns bleiben koloniale Fragen für Attia nicht auf Fragen der Kolonialisierung
begrenzt. „Vielmehr führen sie zu oder sind die Fortsetzung weiterer Katastrophen, wie etwa Sklaverei,
Neoliberalismus, Faschismus, die Hegemonie der westlichen Moderne. Es gibt kein Monopol des Leidens,
das Kolonialisierung und Sklaverei besitzen. Die Herrschaft eines Menschen über einen anderen Menschen
besteht aus unendlich vielen komplexen Verästelungen […]. Innerhalb dieser misslichen Lage taucht die
Berechtigung zu einer anderen Methode im kreativen Prozess wie von selbst […] auf als […] Akt, der
radikal wird, weil er nach Freiheit strebt – einer Freiheit des Denkens. Die Kolonialisierung des Wissens ist
eine der ambivalentesten Konsequenzen der Moderne. Sich ihr zu entziehen, kann Teil einer radikalen
Entscheidung sein, die Übertretung dessen erfordert, zu dem man berechtigt oder nicht berechtigt ist,
nämlich das fehlende Glied zwischen Dingen zu finden, die voneinander getrennt waren oder die aus einer
unerwarteten Zusammenfügung entstehen“ (Kader Attia S. 197).

Wer Nichtwissen zuläßt und es beim eigenen künstlerischen Probehandeln für unabdingbar hält, muss über
die dabei auftretende Angst aufklären. Mit Angst werden weltweit Geschäfte gemacht; auch der
internationale Terrorismus und der Kapitalismus handeln mit Angst. Attia zufolge hat Milton Friedmann
seine Studenten an der Chicagoer Universität nach Chile geschickt, weil sie dort unter Pinochet lernen
konnten, wie man die Bevölkerung mit faschistischen Machtstrategien und Angst kontrolliert. Margaret
Thatcher hat ihr Sparprogramm mit der Ansage durchgesetzt, dass man seinen Job oder sein Haus verlieren
könnte, wenn man ihren Vorschlägen nicht folgt. Und ein Hisbollah – Anführer hat in den 1980er Jahren
geschrieben, dass das Einzige, was die andere Seite tun kann, ist, das Leben auszulöschen. Und „die
psychologische Macht, die sie einsetzen, gründet auf der Angst, das eigene Leben zu verlieren“ (Kader Attia
S. 200). Der internationale Terror macht dasselbe, nur umgekehrt. Die so oder so erzeugte Angst wird man
los, wenn man zeigt, dass man keine Angst und keine Angst vor der Angst hat und zum Opfer bereit ist.
Diese Überlegung steht nach Attia am Ausgangspunkt von Sacrifice and Harmony.

„Ich fing an mit dem Philosophen René Girard […]. Er war ebenfalls Ethnologe und Historiker und […]
erklärte im Rückgriff auf den Beginn der Menschheit, wie Evolution – soziale Evolution – vom Opfer
möglich gemacht wurde […]. Opfer bringt Harmonie in die Gruppe. Bevor wir Tiere opferten, opferten wir
Menschen […], […] die Vorstellung des Opfers ist nach wie vor fundamental dafür“, dass Gruppen und
Gesellschaften stets einen Sündenbock gebraucht und gefunden haben, „um wieder ins Gleichgewicht zu
kommen. Heute jedoch hat […] die Vorstellung eines Opfers für die Harmonie einer Gruppe eine globale
Wandlung erfahren […]. Wir vergeuden unser Leben mit Dingen, welche mit Pseudokonzepten verknüpft
sind, die wir konsumieren. Das System des Neoliberalismus, eine blinde Mutation des Kapitalismus, gibt
vor, dass es uns ein Leben in der Demokratie ermöglicht, wenn es uns in Wirklichkeit keine andere Wahl
lässt, als uns selbst zu opfern, zu arbeiten, die Miete oder die Hypothekenzinsen zu zahlen, zu essen, zu
genesen, wenn wir krank sind, damit wir wieder an die Arbeit gehen können, um uns fortzupflanzen und zu
sterben […]. Aber das heißt nicht, dass wir nicht der Wirt des Virus sein können, der diesen Hegemon von
einem System durcheinanderbringt, das unser Leben endlos kolonialisiert, indem es uns nimmt, was in den
Jahrzehnten des gesellschaftlichen Kampfes errungen wurde. Das hat mich an dem Vorschlag zu einer
Einzelausstellung interessiert. Im Licht dieser paradoxen Fragestellung hat die Auffassung von Opfer und
Harmonie oder Opfer versus Harmonie nie mit der Anfälligkeit der Welt zu tun, in der wir leben, und damit,
wie wir eine alternative Methodik des Widerstands erfinden können“ (Kader Attia S. 201). Also der Künstler
als Wirt und seine Bilder als Viren, die den Hegemon Neoliberalismus zumindest durcheinanderbringen?
Man kann gespannt sein, ob Attia diese überdeutliche Ansage durchhält, wenn er vollends oben angekommen
ist. Oder ob der Hegemon sie nicht doch über kurz oder lang vereinnahmt, in sein System integriert, aufisst
und verdaut.

ham, 24. August 2016

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