Verlag C.H. Beck, München, 2015 ISBN 978-3-406-68315-2, 232 Seiten, Klappenbroschur, Format 20,5 x
12,5 cm, € 14,95

Katharina Kakar stellt die weltweit berichtete Gruppenvergewaltigung einer 23-jährigen Physiotherapie-
Studentin im Dezember 2012 in einem fahrenden Bus in Delhi an den Anfang ihres überaus kenntnisreichen
und farbigen Überblicks über das Leben indischer Frauen, erinnert an die sich daran anschließende
wochenlange Protestwelle gegen Gewalt gegen Frauen und lässt auch die in den westlichen Medien
aufgegriffenen Berichte über vergleichbare Fälle nicht außen vor. Als Leser deutscher Zeitungen konnte man
den Eindruck gewinnen, sexuelle Gewalt gegen Frauen sei in Indien an der Tagesordnung und werde als
„normal“ angesehen. „Laut der American Medical Association (1995) ist sexuelle Gewalt die am häufigsten
nicht-angezeigte Gewalttat weltweit […]. In den USA wird angenommen, dass 65 % bis 73 % der Fälle nicht
zu einer Anzeige kommen; in Indien sind es zwischen 54 % und 90 %. Im Schnitt wird in Indien angeblich
alle 22 Sekunden eine Frau vergewaltigt, die meisten von ihnen niedrigkastig oder aus den Stammeskulturen.
Indien ist allerdings ein großes Land. Selbst wenn man eine Dunkelziffer von 90 % […] in Betracht zieht
und diese einrechnet in das Verhältnis von Vergewaltigungszahlen pro 100.000 Einwohner, schneidet Indien
im Vergleich immer noch »besser« ab als viele andere Länder. Pro 100.000 Einwohner werden in Südafrika
laut Statistik 115 Frauen vergewaltigt, in Schweden 66, in den USA 29, in Großbritannien 24, in Deutschland
10 und in Indien 2 (was verzehnfacht, also unter Einbezug der höchsten denkbaren Dunkelziffer, im
Vergleich dennoch «durchschnittlich» wäre)“ (Katharina Kakar S. 122).

Ihrer Frage, warum sich Indien trotzdem den Ruf eingehandelt hat, ein Land der Vergewaltiger zu sein, geht
Kakar in elf Kapiteln nach. Es geht ihr dabei nicht darum, ein lückenloses Bild weiblicher Lebenswelten in
Indien zu zeichnen, sondern „es soll mithilfe exemplarischer Ereignisse, Menschen und Themen ein
differenzierterer Blick entwickelt werden, der die Vielfältigkeit im Denken und Leben indischer Frauen
ebenso beleuchtet wie die Herausforderungen der heutigen Zeit“ (Katharina Kakar S. 7). Die Hamburgerin
Katharina Poggendorf-Kakar war schon als Studentin viel in Indien unterwegs. Sie schreibt als promovierte
Religionswissenschaftlerin und Anthropologin, ist mit dem indischen Psychotherapeuten Sudhir Kakar
verheiratet und hat sich vor 12 Jahren für ein Leben auf dem Dorf in der indischen Provinz Goa entschieden.
Die Widersprüchlichkeiten bleiben stehen: „So ist der niedrige Status von Frauen genauso eine soziale
Realität wie die ideologische Überhöhung der Mutter(göttin). Mädchen und Frauen müssen größere Hürden
nehmen, um sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren; haben sie aber einen gewissen Bildungsstand erreicht,
werden sie in der Berufswelt sehr viel gleichwertiger behandelt als in Europa und Amerika […], bekommen
häufiger gleiche Gehälter wie Männer und steigen selbstverständlicher in Führungspositionen
auf“ (Katharina Kakar S. 7 f.). Indiens sprachlich und kulturelle Vielfalt ist der von Europa vergleichbar, aber
die Lebensumstände in den fünf Zeitzonen divergieren stark. In Zeitzone eins, den isoliert-abgeschieden
Landstrichen der indischen Ureinwohner in den Wäldern Zentralindiens lebt man fast noch so wie vor 500
Jahren. In Zeitzone zwei, dem überwiegend ländlichen, agrarwirtschaftlichen Indien des nordischen
Flachlands, spielt sich das Leben wie im frühen 20. Jahrhundert ab. In Zeitzone drei, den Kleinst- und
Kleinstädten mit ihren lokalen Eliten, lässt das Leben an das europäische Stadtleben des 19. Jahrhunderts
denken, in Zeitzone vier, in den Metropolen Indiens mit ihrer aufsteigenden Mittelschicht an die Freiheiten
des 21. Jahrhunderts. Und in Zeitzone fünf mit ihrer globalisierten und privilegierten Schicht holt man sich
die Welt ins eigene Haus und bewegt sich physisch und virtuell im globalen 21. Jahrhundert. Auf dem Land
sind die Lebensräume dieser Zeitzonen stark gegeneinander abgegrenzt, in den Metropolen „«interagieren»
sie beständig miteinander. Frauen aus den urbanen Slums helfen im Haushalt der aufsteigenden
Mittelschicht, Frauen in Führungspositionen sind im täglichen Kontakt mit Mitarbeiterinnen der
Mittelschicht usw. […]. Es liegen mitunter Welten dazwischen, wie Frauen im öffentlichen Raum von
anderen wahrgenommen werden und wie sie sich selbst wahrnehmen“ (Katharina Kakar S. 9). Und auch
zwischen den Klassen und Kasten liegen Welten.

Kapitel eins gibt Einblicke in die Sexualität der jungen, gebildeten indischen Frauen, die sich mit der Heirat
ganz klassisch um Familie, Haushalt und Götter kümmern, aber gleichzeitig karriereorientiert und beruflich
erfolgreich sein wollen. Kapitel zwei zeichnet die nicht unerheblichen Spannungen zwischen der religiös
verklärten Vorstellung von Lust, sexueller Gleichwertigkeit der Frau und Liebesheirat im Kamasutra und
den in indische Filme fast zwanghaft eingebauten Vergewaltigungs- und Gewaltszenen nach, „die vermitteln,
dass männliche Gewalt in der Sexualität Normalität ist […]. Für die große Mehrheit junger Frauen aus
ärmeren Verhältnissen sind die Erwartungen an ihr sexuelles Leben minimal. Die meisten Frauen berichten,
dass sie unvorbereitet waren und bis zur ersten Nacht mit ihrem Ehemann keine Ahnung vom
Geschlechtsverkehr hatten. Viele erlebten ihre ersten sexuellen Erfahrungen als traumatisch, unangenehm,
schmerzhaft, mit der Beteiligung körperliche Gewalt […]. Diese fremdbestimmte und passive Sexualität, im
schlimmsten Fall bis hin zu roher Gewalt, die in den Körper der meisten Frauen früh eingeschrieben wird, ist
in konservativen Kreisen mit zutiefst patriarchalen Einstellungen – und das ist die große Mehrheit des Landes
– weiterhin Status quo. Sexuelle Gewalt in der Ehe ist insbesondere in den unteren Schichten, in denen
Alkoholmissbrauch bei den Männern weit verbreitet ist, so selbstverständlich, dass in der Vorstellung vieler
indischer Ehefrauen Geschlechtsverkehr an Gewalt gebunden ist […]. Die meisten Männer dagegen erleben
Sex, auch wenn sie ihn sich gewaltsam nehmen, in einem positiven Kontext“ (Katharina Kakar S. 34 f.). In
Kapitel drei werden die mythischen Hintergründe der arrangierten Ehen und die ruinösen Ausgaben für die
Mitgift bei Hochzeiten skizziert. Das Brautpaar nimmt die Rolle eines Königs- bzw. Götterpaares ein.
„Bereits die Ankunft des Bräutigams zur entscheidenden Hochzeitszeremonie gleicht einem dramaturgisch
perfekten Spektakel: Der Bräutigam darf ebenso wenig zu Fuß gehen wie ein König; traditionell kommt er in
Begleitung seiner Familie und einer Musikkapelle auf einem weißen Pferd angeritten (bzw. fährt in einen
blumengeschmückten Auto vor) und wird von der Familie der Braut empfangen. Auch in den ärmeren
Schichten […] verpflichtet eine Hochzeit gegenüber der Gemeinschaft zur Ausrichtung eines pompösen
Empfangs, der auch dazu dient, sich in der Verwandtschaft, im Dorf und der Nachbarschaft Respekt zu
verschaffen bzw. Respekt zu bewahren. Hochzeiten in Indien sind also keine Privatsache, sondern eine
öffentliche Angelegenheit […]. Während die jungen Menschen noch vor wenigen Generationen kein
Mitspracherecht hatten und ihren Partner oft am Tag der Hochzeit erstmals zu Gesicht bekamen […], pendelt
sich das 21. Jahrhundert auf eine Mischung individueller und familiärer Bedürfnisse ein: Es bilden sich alle
möglichen Formen semi-arrangierter Heiraten heraus […]. Es wäre vorschnell zu glauben, dass arrangierte
Hochzeiten von modernen, jungen Menschen abgelehnt werden, wenn sie eine freie Wahl hätten. Umfragen
[…] belegen das Gegenteil. Eine 1994 durchgeführte Untersuchung […] will herausgefunden haben, dass
74 % der Frauen und ebenso viele Männer die arrangierte Heirat einer Liebesheirat vorziehen […]. Die
rituelle Unauflösbarkeit der Ehe […], der hohe Status, der mit einer Heirat verbunden wird und die
Schwierigkeiten, die insbesondere Frauen bei einer gescheiterten Ehe entgegenstehen, bringen die Mehrheit
unverheirateter Frauen aus konservativen wie auch liberalen Elternhäusern dazu, sich bei der Partnerwahl auf
die Erfahrungen und das Urteilsvermögen der Eltern zu verlassen oder dieses zumindest mit einzubeziehen
[…]. Im Selbstverständnis vieler junger Inder darf die richtige Partnerwahl nicht allein auf individuellen
Wünschen, Liebe und sexueller Anziehung basieren“ (Katharina Kakar S.39 -41).

Weitere Kapitel widmen sich starken Frauen, die ein unabhängiges Leben nach eigenen Maßstäben führen,
den mythischen Hintergründen der Mutterrolle und der weiblichen Macht, dem Zusammenhang von
erwarteter und nicht erhaltener Mitgift und den Morden an Ehefrauen, den Chancen des Aufstiegs durch
Bildung und den Aufbrüchen von Frauen im 19., 20. und 21. Jahrhundert. Kakar kommt zu folgendem
Schluss: „Wenn man beginnt, an der Oberfläche der vorherrschenden Erzählungen über Indien zu kratzen,
kommen vielfältige Schichten zum Vorschein, und viele haben mit Frauen zu tun. Frauen, die Mikrokredite
aufnehmen und Selbsthilfegruppen aufbauen, Frauen, die lernen, mit politische Macht umzugehen,
Geschichten von Einzelnen, die ihr Leben veränderten, indem sie Züge führen, Taxis fahren, Flugzeuge
steuern, in Banken arbeiten, in die Wissenschaften gehen, Gemeinden vorstehen. Es bedarf stets einzelner,
ungewöhnlicher Menschen, Männer wie Frauen, um Wandel herbeizuführen. Mutige, motivierte Menschen,
die sich nicht von Hindernissen auf ihrem Weg abhalten lassen. Menschen, die erkannt haben, wie wichtig es
ist, Entscheidungen unabhängig von der Masse zu fällen. Ganz besonders in einer Zeit rapider
gesellschaftlicher Umbrüche, die das Bedürfnis nach verlässlichen Bezugspunkten in einer immer globaler
werdenden Welt freisetzen. Menschen, die Entscheidungen treffen, die die Gesellschaft ihnen eigentlich nicht
vorgibt.

So hat es Shyam Sandar Paliwal im Dorf Piplantari gemacht, im Gedenken an seine verstorbene Tochter
[…]. Mit jeder Geburt eines Mädchens pflanzt das Dorf 111 Obstbäume, die alle Dorfbewohner nutzen
können. Bei jeder Geburt eines Mädchens sammeln die Dorfbewohner 21 000 Rupien (ca. 300 Euro), die
Familie des Mädchens muss 11 000 Rupien dazulegen. Das Geld wird für 20 Jahre im Namen des Mädchens
mit hohem Zinssatz auf der Bank fest angelegt und ermöglicht ihr so zu studieren, eine Heirat auszurichten,
eine Geschäftsidee zu realisieren. Die Eltern unterschreiben ein Dokument, in dem sie sich verpflichten, ihre
Tochter zur Schule zu schicken und sie nicht vor dem Erwachsenenalter zu verheiraten, und sie versorgen,
gemeinsam mit den Dorfbewohnern, die Obstbäume. 250 000 Bäume wurden bisher gepflanzt, die
Dorfbewohner sagen, dass es seit Jahren für die Polizei keinen Ermittlungsfall in einer Gewalttat mehr
gegeben habe“ (Katharina Kakar S. 188 f.).

ham, 20. März 2016

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