Publikation zu den Ausstellungen im Edwin Scharff Museum Neu-Ulm, in der Kunsthalle Jesuitenkirche, Museum der Stadt Aschaffenburg und in der Kunststätte Bossard, Jesteburg, herausgegeben von Helga Gutbrod

Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 2015, ISBN 978-37861-2749-9, 136 Seiten, 75 Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 29,5 x 21,5 cm, € 24,90

Die „Stars von morgen“ sind nach dem Capital-Kunstkompass von 2019 vor allem Frauen. 69 von 100 Aufsteigern sind Künstlerinnen (vergleiche dazu und zum folgenden Linde Rohr-Bongard, Kunstkompass. In: https://www.capital.de/leben/kunstkompass-frauen-dominieren-das-aufsteiger-ranking). Hito Steyerl, Professorin für Experimentalfilm und Video an der Universität der Künste Berlin, hat den zweithöchsten Punktezuwachs. Im Ranking der Top-100-Gegenwartskünstler belegen Gerhard Richter, Bruce Naumann, Georg Baselitz, Rosemarie Trockel und Cindy Sherman die Plätze eins bis fünf; Pipilotti Rist steht auf Platz zehn, Nan Goldin auf Platz 97 und Sarah Lucas auf Platz 100.

Ein derart herausgehobene Stellung von Frauen wäre in der Kunst an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert undenkbar gewesen. Es gab zwar in der Geschichte der Malerei immer wieder bedeutende Künstlerinnen, so unter anderen Herrad von Landsberg (1125–1195), Sofonisba Anguissola (um 1531/32–1625), Angelika Kauffmann (1741–1807) und Marie Ellenrieder (1791–1863; vergleiche dazu etwa https://artinwords.de/beruehmte-kuenstlerinnen/); aber sie waren über Jahrhunderte die absoluten Ausnahmen. Wären „ihre Väter nicht erfolgreiche Maler gewesen und dazu noch bereit, ihre Töchter im eigenen Atelier auszubilden, hätten Angelika Kauffmann, Elisabeth Vigée-LeBrun und Artemisia Gentileschi niemals den Beruf der Künstlerin ergreifen können. Jahrhundertelang wurde die Seltenheit von Frauenkunst als Hauptargument verwendet, um die Minderwertigkeit eben dieser zu beweisen“ (Helga Gutbrod, Christiane Ladleif S. 7). Von der akademischen Ausbildung und dem Aktzeichnen vor unbekleideten männlichen und weiblichen Modellen waren Frauen bis ins 19. Jahrhundert im Allgemeinen ausgeschlossen. 

„Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts treten Künstlerinnen in größerer Zahl an die Öffentlichkeit […]. Doch auch um 1900 ist eine Karriere als Malerin ohne elterliche Unterstützung kaum denkbar. Die Stuttgarter Kunstakademie hat zwar eine Damenklasse eröffnet, doch dürfen nur junge Frauen studieren, deren männlicher Vormund eine schriftliche Erlaubnis erteilt hat. Wer im privaten Bereich nach einer Alternative zu den akademischen Ausbildungsmöglichkeiten der Männer sucht, benötigt finanzielle Unterstützung. Der kostspielige Privatunterricht ist nur reichen Erbinnen oder Töchtern wohlhabender und wohlwollender Väter zugänglich“ (Helga Gutbrod, Christiane Ladleif a. a. O.). Die in Frankreich eingerichteten privaten Kunstakademien sind ebenfalls teuer und die Kurse kosten für Frauen oft sogar das Doppelte. „Doch bieten die Akademien Colarossi, Grand-Chaumière oder Julian (vergleiche dazu https://www.google.de/search?q=Studentinnen+an+der+academie+julian+&tbm=isch&ved=2ahUKEwjCo5L5uIvqAhWDNOwKHXwwBqIQ2-cCegQIABAA&oq=Studentinnen+an+der+academie+julian+&gs_lcp=CgNpbWcQDDIECCMQJ1DmUljmUmCuZWgAcAB4AIABRYg

BRZIBATGYAQCgAQGqAQtnd3Mtd2l6LWltZw&sclient=img&ei=wGjrXsLDI4PpsAf84JiQCg&bih=911&biw=1538#imgrc=-Zr4eNl__Usk1M) sowie die 1907 gegründete Académie Matisse (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Matisse#/media/Datei:Matisse_und_seine_Studenten.jpg) Kunststudentinnen aus aller Welt die Möglichkeit, dank sogenannte classes mixtes, gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen, in Gegenwart eines unbekleideten Modells das Aktzeichnen zu perfektionieren“ (Helga Gutbrod, Christiane Ladleif a. a. O.).

Diese bessere Ausbildungsmöglichkeit und die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben hat Käthe Kollwitz (1867 – 1945), Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907), Martha Bernstein (1874 – 1955), Ida Gerhardi (1862 – 1927), Annemarie Kruse (1889 – 1977), Sabine Lepsius (1864 – 1942), Marg Moll (1884 – 1977), Maria Slavona (1865 – 1931), Mathilde Vollmoeller-Purrmann (1876 – 1943) und Clara Rilke-Westhoff (1876 – 1954) in die Malschulen und Salons von Paris gezogen. Bruno Paul hat sie 1901in einer Karikatur im Simplicissimus „Malweiber“ genannt und folgenden Text darunter geschrieben: „Sehen Sie Fräulein, es gibt zwei Arten von Malerinnen: die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent“ (vergleiche dazu https://www.hannover.de/Media/01-DATA-Neu/Bilder/Landeshauptstadt-Hannover/Herrenhausen-Bilder/Veranstaltungen/Veranstaltungen-Innen/Wilhelm-Busch-Museum/Bruno-Paul-Malweiber).

Das hat die Malerin Annemarie Kirchner–Kruse aber nicht davon abgehalten, das kosmopolitische Ambiente im Quartier Montparnasse und die Rue de la Grande Chaumière in ihren 1971 veröffentlichten Erinnerungen für ein Weltzentrum zu halten: „Hier lagen die Akademien Colarossi und Grand Chaumière, zu denen täglich zahllose Kunststudierende aus aller Welt pilgerten, und sie mündete auf dem Boulevard Montparnasse gerade gegenüber dem Café du Dôme, wo die wichtigsten Kunstfragen von den bedeutendsten Künstlern diskutiert wurden“ (Annemarie Kirchner-Kruse nach Kathrin Umbach S. 11). Jede der zehn in der weiterführenden Publikation mit einem Einblick in ihr Lebenswerk vorgestellten Künstlerinnen findet ihren eigenen Bezug zu Paris. Käthe Kollwitz bleibt zwei Monate. Ida Gerhardi hat das Gefühl, in zwei Monaten mehr gelernt zu haben wie in vier Monaten in München; sie verbringt zwei Jahrzehnte in der Stadt. Paula Modersohn plant ihren letzten Studienaufenthalt in Paris hinter dem Rücken ihres Ehemannes und genießt es, sich frei und ungebunden zu bewegen. Maria Slavona führt ein wildes Bohème-Leben; für sie geht in Paris eine neue Welt auf. Marg Moll feiert einmal mit ihrem Mann und Henri Matisse Weihnachten und übersetzt seine „Notizen eines Malers“. Mathilde Vollmoeller-Purrmann lernt im Atelier von Henri Matisse ihren zukünftigen Mann Hans Purrmann kennen. Und Sabine Lepsius feiert erste Erfolge in den Salons von Paris.

Wer die heute als „Stars von morgen“ gehandelten Künstlerinnen vor Augen hat, tut gut daran, die „Malweiber von Paris“ (vergleiche dazu auch den gleichnamigen Film Die Malweiber von Paris) nicht zu vergessen: Sie haben den „Stars von morgen“ mehr als einen Stein aus dem Weg geräumt.

ham, 18. Juni 2020

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