Aus dem Englischen von Werner Roller

Theiss Verlag / WBG Darmstadt, 2016, ISBN 978-3-8062-3404-6, 384 Seiten, 17 schwarzweiß –
Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 22,3 x 15,5 cm, € 29,95 (D)

Nach dem Spiegel Online vom 23. November 2015 (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/helmutschmidt-
als-waere-ein-freund-gegangen-a-1064147.html, abgerufen am 4.10.2016) ist mit dem am 10.
November 2015 im Alter von 96 Jahren verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt ein „Gigant, eine
Instanz, ein Freund“ von uns gegangen. Henry Kissinger, der über sechs Jahrzehnte mit Helmut Schmidt
verbunden war, hat ihn beim Staatsakt im Hamburger Michel sogar als „Weltgewissen“ bezeichnet. Zwar soll
man von Verstorbenen nur Gutes sagen; aber nach Florian Gathmann hätte der Verstorbene diese ihm
zugedachte Würdigung im Hamburger Michel „womöglich selbst ein klein wenig übertrieben gefunden“ (a.a.
O.). Er fragt, ob „Schmidt wirklich als ‚Weltgewissen‘ in Erinnerung bleiben“ wird, als das ihn Kissinger
bezeichnet hat. „Der Mann, der die Friedensbewegung erst groß machte, der die aufkommenden Grünen und
die ökologische Frage unterschätzte, der bis zuletzt in streng realpolitischen Rahmen dachte und
beispielsweise beim Thema universale Menschenrechte eher schweigsam wurde […]. Sein Freund Kissinger
hat es sicher gut gemeint mit dieser Zuschreibung. Man soll ja auch nichts Schlechtes über die Toten sagen.
Aber man sollte auch nicht übertreiben. Übrigens störte Helmut Schmidt nichts so sehr wie
Übertreibungen“ (Florian Gathmann. a. a. O.).

Die einleitende Skizze unterstreicht die Einschätzung, dass Helmut Schmidt als Bundeskanzler a. D. und
Elder Statesman populärer gewesen ist als er es in seiner Amtszeit als Bundeskanzler in den Jahren 1974 -82
je war. Er gilt für die meisten Berichterstatter zwar als brillanter Redner, verlässlicher Denker mit definierten
Grundsätzen, kompetenter Macher und herausragender Krisenmanager. Aber in den Jahren von Schmidts
Kanzlerschaft ist nach dem Urteil des Spiegels vom Oktober 1982 »Historisch-Herausragendes« selten
geblieben (zitiert nach Kristina Spohr S. 298). Kissinger wägt schon 1999 differenzierter ab. „Schmidt sei ein
Staatsmann gewesen, den »Wissen«, »Charakter«, »Kompetenz«, ja sogar »Eleganz« auszeichneten. Aber, so
bilanzierte Kissinger, es habe dem ehrgeizigen Mann aus Hamburg an der Gelegenheit gefehlt, »Großtaten zu
vollbringen«. Zeit und Ort verweigerten ihm die Chance, einen prägenden Einfluss auf die Geschichte zu
nehmen. »Es war ihm nicht gegeben, so dramatisch zu agieren wie Brandt oder etwas zu vollbringen wie
Kohl«. Für Kissinger fiel Schmidt damit in seiner Zeit als Kanzler die »Rolle der Übergangsfigur zu«“.

Kristina Spohr kommt nach ihrer stupenden Analyse von Schmidts tragender Rolle als „Weltökonom“ in den
wirtschaftlichen, sozialen und geopolitischen Turbulenzen der 1970-er Jahre und als Vordenker der NATODoppelstrategie
zur Wiederherstellung des nuklearen Gleichgewichts in Europa bei gleichzeitiger Androhung
der Stationierung neuer Mittelstreckenraketen zu einem anderen Schluss. Nach Spohr lebte Schmidt in der
Tat „in einer Zeit des tiefgreifenden Wandels […]. Aber er war nicht nur der Spielball dieses Systemwandels
und auch nicht nur ein kurzfristig agierender Krisenmanager. Mit Ideenreichtum und Durchsetzungskraft
wirkte Schmidt bei der Gestaltung der Weltpolitik mit und verfolgte dabei das Ziel, der Sicherheit der
Bundesrepublik und der weltweiten Stabilität bestmöglich zu dienen. Er suchte ein Gegeneinander
abzubauen, ohne dabei neue asymmetrische Abhängigkeiten einzugehen. Sicherheit – politische, militärische,
und wirtschaftliche – für einen einzelnen Staat ist »nicht herstellbar, wenn nicht die anderen Staaten
partnerschaftlich an der Verstetigung und Stabilisierung des Friedens mitwirken«, lautete sein Credo. Die
G7-Treffen schufen nicht nur ein neues Forum für weltweites Management, sie verliehen auch der
Bundesrepublik Deutschland in ihrer Rolle als wirtschaftliche Weltmacht ein zusätzliches diplomatisches
Gewicht. In Sicherheitsfragen konnte die Bundesrepublik nicht als Weltmacht auftreten, denn das Land war
noch geteilt und besaß nur einen halbsouveränen Status. Doch Schmidt sorgte durch sein großes Engagement
in der Atomwaffenpolitik und seine Rolle als »Doppeldolmetscher« [zwischen Amerika und der
Sowjetunion] dafür, dass die Bundesrepublik in den Kreis international führenden Nationen aufgenommen
wurde. Er konnte so das betreiben, was er als Weltpolitik bezeichnete, und gleichzeitig verlieh er diesem
historisch belasteten Begriff in der Ära des globalen Kalten Kriegs und der wirtschaftlichen Interdependenz
eine neue Bedeutung.

Im Verlauf dieses Prozesses leistet er darüber hinaus einen Beitrag zur Lösung der deutschen Frage […]
(Kristina Spohr S. 320f.)“. Er verband Adenauers Bekenntnis zur Westbindung mit Brandts Engagement für
die Ostpolitik und „verschaffte der Bundesrepublik mehr Glaubwürdigkeit bei beiden Supermächten. Der
historische Moment der Wiedervereinigung Deutschlands blieb Kohl vorbehalten“. Die Voraussetzungen
dafür hat aber Schmidt in seinen 1 + 3 – Verhandlungen und das doppelte Dolmetschen zwischen Amerika
und der Sowjetunion geschaffen. „Auch das gehört zu Helmut Schmidts Vermächtnis als
Weltkanzler“ (Kristina Spohr S. 321).

ham, 4. Oktober 2016

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