Aug 26

Kristina Spohr, Wendezeit

Von Helmut A. Müller | In Allgemein, Geschichte

Die Neuordnung der Welt nach 1989

Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz

Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2019, ISBN: 978-3-421-04835-6, 976 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Format 23 x 16 cm, € 42,00 (D) / 43,29 (A) / CHF 55,50

1977 waren auf der Waldheide bei Heilbronn (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/Waldheide) 36 atomar bestückte amerikanische Pershing-IA-Kurzstreckenraketen stationiert. Die Waldheide war einer von fünf Pershing-Standorten in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Batterie und damit neun Raketen befanden sich permanent in unmittelbarer Abschussbereitschaft, um gegebenenfalls so schnell als möglich auf einen atomaren Erstschlag des Ostblocks antworten zu können. Das Einsatzkonzept sah vor, dass die restlichen 25 Raketen im Krisenfall ihren regulären Standort verlassen und auf mobilen Werfern an 45 vorbereiteten Stellungen in den Wäldern Süddeutschlands einsatzfähig gehalten werden sollten. Bei Übungen waren ganze Batterien im Unterland und darüber hinaus unterwegs.

Nach dem NATO-Doppelbeschluss von 1979 (vergleiche dazu etwa https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Doppelbeschluss) sollten die Pershing-IA-Kurzstreckenraketen unter anderem durch ebenfalls atomar bestückte Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II ersetzt werden, wenn die sowjetische Stationierung der SS-20 nicht zurückgenommen werden würde. Außerdem sollten bilateralen Verhandlungen der Supermächte zu einer Begrenzung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen führen. Am 23. November 1983 fasste der deutsche Bundestag den Nachrüstungsbeschluss. Im Dezember 1983 waren die ersten Pershing-II-Raketen in Mutlangen einsatzbereit; am 30. März 1984 wurde die erste Batterie von neun Raketen von Mutlangen auf die Waldheide verlegt.

Am 11. Januar 1985 explodierte die erste Stufe einer Pershing-II-Rakete bei der Montage auf der Waldheide. Drei Soldaten verbrannten in der 2300 Grad heißen Feuerfontäne, 16 wurden verletzt. Mindestens fünf Soldaten mussten gesichtsplastische Operationen zu einem neuen Gesicht verhelfen (vergleiche dazu https://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/region/Heute-vor-33-Jahren-Drei-Tote-auf-Waldheide;art140897,3966772, https://www.stimme.de/service/bilder/Waldheide-Unglueck-1985;cme133329,2238470 und https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514095.html). Weniger als 250 Meter neben der Explosion lagerten fertig montierte, mit Atomsprengköpfen versehene Pershings in Kampfbereitschaft auf ihren Abschusslafetten. Wenn auch nur eine von ihnen versehentlich durch den Unfall abgeschossen worden wäre, wäre das von Kristina Spohr in ihrer Einleitung erinnerte Szenario eines begrenzten Atomkriegs in Deutschland schon 1984 Wirklichkeit geworden, wenn auch nicht ausgelöst durch einen Panzerangriff des Warschauer Pakts, sondern durch eine Atomrakete der NATO:

„›Im Morgengrauen des 24. Februar 1989 rollen Tausende Panzer des Warschauer Pakts über die Grenzen der Bundesrepublik […]. Zunächst gelingt es westlichen Panzerkräften, den Feind […] in Schach zu halten. Dann jedoch setzt der Kreml in Großbritannien und Norddeutschland Giftgas ein. Ab dem 5. März beginnt der Widerstand der alliierten Streitkräfte zu brechen und die NATO autorisiert den Ersteinsatz taktischer Atomwaffen. Doch die Sowjets lassen sich nicht abschrecken und setzen ihre Angriffe fort. Also unternimmt die NATO am 9. März einen zweiten, diesmal massiven Atomschlag mit 25 Atombomben und Atomraketen, die zu einem Drittel in der Bundesrepublik gestartet werden. Die Sowjetführung antwortete mit den gleichen Mitteln. Ein atomarer Feuersturm verschlingt den größten Teil der Bundesrepublik und der DDR‹.

Natürlich geschah all dies nicht wirklich. Es handelte sich lediglich um ein Szenario für eine der alle zwei Jahre stattfindenden Stabsrahmenübungen der NATO. Im Planspiel Wintex 89 wurde Deutschland zum Schauplatz eines »begrenzten Atomkriegs«. Dieser hätte Hunderttausenden von Deutschen den sofortigen Tod gebracht, das historische Kernland Europas atomar verseucht und Millionen weiterer Menschen zu einem langsamen, extrem schmerzhaften Tod verurteilt. Schlimmer noch, es hätte die Gefahr bestanden, dass der lokale Atomkrieg schließlich einen Dritten Weltkrieg ausgelöst hätte“ (Kristina Spohr S. 11 f.).

Dass es bis heute nicht dazu gekommen ist, ist der Neuerfindung des Kommunismus unter Gorbatschow, der Freiheitsbewegung Solidarność in Polen, der Öffnung des Eisernen Vorhangs in Ungarn, der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989, der Öffnung der Mauer am 9. November 1989, den im Geist der Zusammenarbeit ausgehandelten internationalen Abkommen und der daraus entstandenen neuen Weltordnung zu verdanken. Die am Center for Global Affairs der Johns Hopkins University in Washington und an der London School of Economics lehrende Historikerin Kristina Spohr schaut in ihrer groß angelegten Publikation »Wendezeit« Politikern wie George H. W. Busch, Michael Gorbatschow, Margaret Thatcher, François Mitterrand und Helmut Kohl über die Schulter, lässt Zeitzeugen aus den Jahren 1989 bis 1992 zu Wort kommen, gibt Einblicke in bisher unbekannte Quellen, Geheimdienstberichte, Tagebuchnotizen, Mitschriften und Briefe der Politiker und Diplomaten und macht damit verständlich, wie es den Hauptakteuren gelang, den Übergang in eine neue Zeit friedlich zu gestalten. Der im Jahr des Mauerfalls blutig niedergeschlagenen Massenprotest auf dem Tian’anmen-Platz in Peking (vergleiche dazu https://en.wikipedia.org/wiki/1989_Tiananmen_Square_protests und https://de.wikipedia.org/wiki/Tian’anmen-Massaker) macht die im selben Zeitfenster realisierte gewaltsame Alternative deutlich.

Spohr zeichnet die Weichenstellungen der Wendezeit überaus lebendig nach. Im Zentrum stehen die Hauptakteure und ihre politischen Überzeugungen. Ihr Streben nach einem Platz im Buch der Geschichte, ihre persönlichen Vorlieben und ihre Eitelkeiten holen sie herab aus dem Olymp und lassen sie als Menschen wie du und ich erscheinen. Wer aber nicht in erster Linie nach den Personen und ihren Interessen und Motiven fragt, sondern nach den lange angelegten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, die die Öffnungen der Wendezeit überhaupt erst möglich gemacht haben, und wer genauer wissen will,

wie es von den damaligen Öffnungen zur erneuten Blockbildung zwischen Amerika, Russland und China und zur Abschottung von Amerika von Europa gekommen ist, wird zu ergänzender Literatur greifen müssen.

ham, 25. August 2020

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