Jul 16

Leiko Ikemura, i-migration

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst, Rezensionen

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 09.03. – 16.06.2013 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe,
hrsg. von derselben mit Texten von Pia Müller-Tamm, Andreas Beyer, Renate Berger und Sonja Maria Krämer
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe / Hatje Cantz Verlag Ostfildern, 2013, ISBN 978-3-7757-3540-7, 208 S., zahlreiche s/w- und Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 28,5 x 22,5 cm, € 35,–

Mit 145 Exponaten und darunter sechs Terrakotten, drei großformatigen Bronzen , sieben großformatigen Ölmalereien, zahlreichen Aquarellen, Pastellen, Tempera-Arbeiten, Kohlezeichnungen, s/w-Fotografien auf Barytpapier und einem Video gibt die Karlsruher Ausstellung einen umfassenden Einblick in die jüngere Werkentwicklung der in Tsu, Präfektur Mie, Japan geborenen und heute in Berlin und Köln lebenden Leiko Ikemura. Die Ausstellung versteht sich nicht als Retrospektive, sondern will die biografischen, geografischen, kulturellen und künstlerischen Grenzüberschreitungen thematisieren, die sich in Leiko Ikemuras Werk manifestieren. Ziel der ursprünglich für die Orangerie angedachten und dann doch aus finanziellen Gründen im Haupthaus ausgerichteten „Ausstellungsdramaturgie war es, die ikonischen und plastischen Strukturen der gezeigten Werke zur Grundlage einer spezifischen Präsenzerfahrung … zu machen“ (Pia Müller-Tamm), die vielleicht als sich überlagernde und gegenseitige steigernde Flüchtigkeits-, Nichtigkeits-, Fremdheits- und Neuigkeits- Erfahrungen beschrieben werden können. So empfängt die an beiden Enden offene ‚Liegende in gelbem Kleid‘ (1997/2008, Bronze, 34 x 112 x 37 cm) „wie ein Tubus … den Raum“ und „lässt ihn durch sich hindurchgleiten… Für die Künstlerin ist eine derartige Figuration >>Metapher der Durchlässigkeit an sich<<“ (Pia Müller-Tamm/Leiko Ikemura). „In Ikemuras reinen Horizontbildern, die seit den 1990er-Jahren ihr malerisches Werk begleiten, gewinnt die Leere als Bildphänomen und Imagination elementare Bedeutung. Die großformatige Tafel ‚Nada‘ von 2009 … ist ausschließlich horizontal organisiert. Ein breiter, malerisch belebter Streifen aus unterschiedlichen Farben durchzieht den unteren Rand des tiefschwarzen, hochformatigen Tableaus. Das rahmenlose, offene Bildfeld kennt nur diese einzige Orientierung von links nach rechts… Ikemuras Bilder und Plastiken lassen sich als Absage an ein westliches Wahrnehmungsmuster lesen, als Absage an das gegenständlich ausgerichtete, konstatierende Sehen, das Sinn fixiert und Bedeutung identifiziert. Dagegen ermöglichen ihre Werke ein anderes, ein fluktuierendes Sehen, das sich über die Grenzen des Bildes hinweg auf den Raum erstreckt, das offen bleibt, weniger auf Zustände als auf Durchgangsstadien, Zwischenzonen und Übergänge hin orientiert ist“ (Pia Müller-Tamm). Dementsprechend negieren die Aquarelle der Zyklen ‚Artists Popes & Terrorists‘, ‚Faces‘ und ‚Contemporary Faces Mexican‘ die Spezifik der ihnen zugrunde liegenden referenziellen Bilder und versetzen „alle auf dieselbe Ebene. Ikemuras Darstellungen geben nicht vor, Porträts zu sein… Die
Wirklichkeit der Dargestellten verschwindet fast vollständig hinter ihrer bildhaften Präsenz als Element einer Serie“ (Pia Müller-Tamm). In ihrer Malerei ‚Ocean‘, 2007, Tempera auf Jute, 160 x 200 cm, wandern die der Arbeit zugrunde liegenden Filmstills in die Malerei selber ein und überlagern sich im Grenzbereich des Bildes zwischen dem dunklen Bildfeld und dem roten Rand. „Das fast monochrome Horizontbild wird durch diese Formulierung der Randzone deutlich als >>Bild im Bild<< gezeigt und damit gleichsam mit Anführungszeichen versehen, die es wie ein Zitat auf Abstand rücken. Ein solcher Zeigegestus lässt das Bild als Reflexionsmedium der Wirklichkeit wie als Reflexionsmodus der Malerei in Erscheinung treten. ‚Ocean‘ steht in Ikemuras Werk für die Preisgabe von Nähe und Unmittelbarkeit, für die Erkenntnis der Scheinhaftigkeit aller Darstellung und für das Wissen um die Unmöglichkeit, den geschichtlichen Realitäten bildlich Geltung verschaffen zu können“ (Pia Müller-Tamm). Die Erfahrungen der Kamikaze-Flieger im Kriegsjahr 1941 lassen sich in der Begegnung mit der Malerei zwar imaginieren, aber im Bild nicht mehr wiederholen.
ham, 24.05.2013

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