Publikation zu den gleichnamigen Ausstellungen vom 19. Mai bis 17. September 2017 im Alten Gefängnis in
Wittenberg, in der St. Matthäuskirche in Berlin und in der Karlskirche in Kassel, herausgegeben von Walter
Smerling mit Beiträgen von Henrich Bedford-Strohm, Markus Gabriel, Kay Heymer, Thomas Kaufmann,
Susanne Kleine, Dimitri Ozerkov, Walter Smerling, Wolfgang Ullrich, Peter Weibel und Dan Xu

Wienand Verlag Köln, 2017, ISBN 978-3-86832-366-5, 368 Seiten, 263 farbige Abbildungen, gebunden,
Format 29 × 24 cm, € 39,80 / CHF 48,60

Titel sagen gelegentlich mehr als Vorworte und Einleitungen. Das trifft auf spezifische Weise auch auf Luther
und die Avantgarde zu (vergleiche dazu unter anderem http://luther-avantgarde.de/r2017/ausstellung/
kuenstler/, abgerufen am 12.6.2017). Deshalb ist es mehr als verständlich, dass Heinrich Bedford-Strohm auf
die Herkunft des Begriffs Avantgarde aus der Sprachwelt des Militärischen, die Ausweitung seiner
Bedeutung und darauf hinweist, dass sich Luther und die anderen Reformatoren nicht als Avantgarden
verstanden haben: „Seit 200 Jahren steht der Begriff jenseits alles Militärischen für die Suche nach
unkonventionellen Wegen, nach alternativen Wahrnehmungen und Lebensmodellen. Auch für das
Revolutionäre, das neu Wegweisende in der Kunst. Ob Luther und andere unter den Reformatoren sich als
Avantgarde verstanden hätten? Vermutlich eher nicht. Der Geist, den die Überlieferung jener Zeit atmet, ist
eher der Geist einer Rückwärtsbewegung, der es darum geht, die im Laufe der Jahrhunderte verschütteten
Quellen des Glaubens wieder freizulegen und neu und unmittelbar zugänglich zu machen: die biblische
Überlieferung, Jesus Christus als den zentralen Fokus unseres Glaubens, das Wirken Gottes […] und einen
Glauben, der sich als unsere Antwort auf Gottes liebevolle Zuwendung […] bezieht“ (Heinrich Bedford-
Strohm S. 20). Man liegt wohl richtig, wenn man annimmt, dass auch die Herausgeber von Luther und die
Avantgarde beim Begriff Avantgarde eher an die künstlerischen Avantgarden als an Luther gedacht haben.
Wenn sie fragen, wer heute die Vorreiter, Impulsgeber, Mahner und Neuerer sind und ob es die künstlerische
Avantgarde ist, „die diese Rolle ausfüllt“ (so die Herausgeber im Vorwort S. 23), scheint sich diese
Vermutung zu bestätigen. Dass die Verbindung von Luther und der Avantgarde im Titel mehrdimensional
bleibt, einen nahezu unbegrenzten Interpretationsspielraum eröffnet und für die Ausstellung, ihre Kuratoren,
die beitragenden Künstlerinnen und Künstler und ihre Interpreten Aspekte relevant sind, die über rein
ästhetische Fragestellungen hinausgehen, bleibt dabei unbenommen.

So hat Wolfgang Ullrich in seinem Essay die Kommerzialisierung des Seelenheils in der Zeit von Luther mit
neoliberalen Tendenzen in der Gegenwart verglichen und vorgeschlagen, die Reformation einmal nicht
vornehmlich „aus der theologischen Empörung über die Profanierung Gottes zum Handelspartner“ zu
rekonstruieren, sondern als gesellschaftspolitische Bewegung, „die den sozialen Frieden durch ein
Religionsverständnis gefährdet sah, das es den Reichen und Mächtigen viel eher als Menschen mit
schlechteren sozioökonomischen Voraussetzungen erlaubte, Heilsgewissheit zu erlangen, weil nur sie im
größten Stil mit Gott handeln und […] als Käufer von Ablassbriefen oder Stifter von Kirchen auftreten
konnten“ (Wolfgang Ullrich S. 33 f.). Wenn mit Ablassbriefen und Stiftungen von Kirchen und Bildern kein
Seelenheil mehr erworben werden kann, verändern sich die Funktionen von Kunst und Künstlern prinzipiell,
auch wenn sich in und seit der Gegenreformation der Ausnahmestatus der Künstler vordergründig zu
bestätigen scheint. Für Ullrich stehen Künstler wie Philipp Ruch, der Gründer der Aktivistengruppe Zentrum
für Politische Schönheit (ZPS), in der Tradition der Vorstellung, dass Künstlern als Menschen mit sublimer
Begabung die Aufgabe haben, Licht in dunkle Jahrhunderte zu bringen. Sie sollen über den Gesetzen stehen,
die für andere gelten. Kunstformen, an denen sich das Publikum beteiligen kann, und Crowdfunding-
Projekte gehören für Ullrich ebenfalls in diese Vorstellungswelt; sie sind die Fortsetzung des Ablasshandels
mit anderen Mitteln. „Beim Zentrum für Politische Schönheit gibt es etwa als »Goodie der Extraklasse« für
5000 Euro einen »Original-Akku-Schrauber«, der bei einer früheren Aktion Verwendung gefunden hat […].
Tatsächlich dürfte es in der jüngeren Geschichte, vorbereitet durch die Aktionskunst von Joseph Beuys und
Christoph Schlingensief, keine antiprotestantischere Kunstform gegeben haben als den zeitgenössischen
Artivismus und – allgemeiner – eine Idee von“ Werken, die der Partizipation verpflichtetet sind. „Hier wird
ein Prinzip unterlaufen, das für die gesamte Moderne prägend war, nämlich dass die Erfahrung von Kunst
gerade darauf beruht, dass die Rezipienten »ohne alles Interesse« sind: in einem Modus freier Reflexion, der
nur möglich ist, weil man am jeweiligen Geschehen nicht aktiv teilhat und in keinem kommerziellen
Verhältnis dazu steht“ (Wolfgang Ullrich S. 37).

Thomas Kaufmann bestätigt die Auffassung, dass es ungewöhnlich ist, in Luther einen Avantgardisten zu
sehen. Der späte Luther war für ihn eher ein »Antiavantgardist« und Restaurator, der junge aber in der Tat
ein Revolutionär (Thomas Kaufmann S. 42): „Von den bindenden religiösen Lebensordnungen und
gesellschaftlichen Verhaltensmustern her, in denen der Augustinereremit und Wittenberger
Theologieprofessor zu Beginn seines Konflikts mit der römischen Kirche stand, stellt sich seine
Lebensgeschichte als eine Kette dramatischer Regelbrüche und Konventionsverstöße dar. Seine Kritiker, die
dem Papst die Treue hielten, bedachten ihn deshalb auch mit Superlativen: Er sei der fürchterlichste Ketzer,
den die Kirche je erlebt habe. Sie verglichen ihn mit dem Räuber Barrabas, machten ihn zum Aufrührer an
sich und für den Bauernkrieg verantwortlich, sahen in ihm einen verschlagenen Agenten der mordenden und
brandschatzenden Türken, den Spiritus Rector der »Bilderstürme«, den Zerstörer der überkommenen,
heiligen Ordnung schlechthin“ (Thomas Kaufmanna. a. O.). Luther als Antiavangardist, Restaurator und
Revolutionär können für Kaufmann nur zusammengebracht werden, wenn man ihn als „paradoxen Avant-
Gardisten“ begreift. Markus Gabriel schließlich geht der Frage nach, welche Auswirkung Luthers
Reformulierung der Frage nach der Freiheit des Menschen für die Gegenwart hat.

Es ist im Rahmen dieser Rezension nicht möglich, alle 70 künstlerischen Beiträge zur Ausstellung
angemessen zu würdigen. Auch der Katalog kommt an dieser Stelle an harte Grenzen, obwohl er für jeden
Künstler in der Regel vier Seiten vorsehen kann. Drei Seiten kommen den Exponaten und den Aufnahmen
aus der Ausstellung und eine in Deutsch und Englisch geteilte Seite dem jeweiligen Werk zu. Künstler und
Werk werden in rund 40 bis 50 Zeilen mit maximal 60 Anschlägen abgehandelt.

Unter den Künstlern haben sich Ai Weiwei, Markus Lüpertz und Olaf Metzel an einem frei verstandenen
zeitgenössischem Lutherbild versucht. Ai Weiwei beschreibt seine Arbeit für Wittenberg so: „»Ein
Betonblock mit dem Umriss einer einzigen Figur in Abgeschiedenheit. Die Figur zeigt meine Gestalt im Jahr
2011, während meiner […] geheimen Inhaftierung« […]. Ideen und Sprache haben Ai Weiwei […] moralisch
am Leben gehalten, Ideen und Sprache faszinieren ihn auch am Reformator“ (Ai Weiwei / Walter Smerling
S. 66). „Den Konvertiten Markus Lüpertz interessiert Martin Luther als wandelbare Figur und als
Erfolgsmodell des Rebellen: »Mich reizt an der Ausstellung die Figur Luthers. Diese Ambivalenz, die er
hatte […]. Und wie er sich durchgeschlagen hat«“ (Walter Smerling / Markus Lüpertz S. 206). Olaf Metzel
reflektiert „die hemmungslose Verwertung Martin Luthers in unserer heutigen Zeit. In seiner Skulptur
versammelt Metzel verschiedene zusammengeknüllte Bilder und Berichte, die zur gnadenlosen
Trivialisierung unseres Luther-Bildes beigetragen haben“ (Kay Heymer S. 228). Stephan Balkenhols nackter
Mann auf einem schwarzen Baumstamm kann als Kommentar zu dem Luther 1521 auf dem Reichstag von
Worms zugeschriebenen „Ich kann nicht anders / hier stehe ich / Gott helfe mir / Amen“ gelesen werden
(vergleiche dazu Kay Heymer S. 72) und Yury Kharchenkos imaginäres Porträt von „Reichsbischof Ludwig
Müller“ als Erinnerung an den gnadenlosen Antijudaismus des späten Luther, der von den Deutschen
Christen in der Zeit des Nationalsozialismus zur Begründung und Rechtfertigung ihrer antisemitischen
Untaten ausgeschlachtet worden ist. Für Jonathan Meese schließlich ist Luther in der Lesart von Heymer
„ein soziokultureller Avantgardist und letztlich auch ein totaler Künstler, der die Religion nur benutzte, um
Kunst hervorzubringen“ (Kay Heymer S. 214).

ham, 12. Juni 2017

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