Böhlau Verlag, Köln, 2020, ISBN 978-3-412-51594-2, 45o Seiten, Hardcover gebunden, Format

24,6 x 17,8 cm, € 55,00 (D)

Wer auf Google „Vincent van Gogh“ eingibt, bekommt innerhalb von 0,74 Sekunden 131 000 Ergebnisse angezeigt; wer „Literatur zu Vincent van Gogh“ eingibt, trifft unmittelbar auf mehr als 50 seit 1914 erschienene Titel. Deshalb erstaunt es, dass der 1938 in Stuttgart geborene gelernte Soziologe, Sozialpsychologe, Biographieforscher, Hochschullehrer, psychologische Psychotherapeut, in seinem Ruhestand zum Kunstgeschichtler ausgebildete und aktuell schwerpunktmäßig an psychoanalytischen Kunstinterpretationen arbeitende Manfred Clemenz im hohen Alter eine weitere van Gogh-Biografie veröffentlichen konnte. Seine Studie ist der Versuch, „das Bild van Goghs in einem biographischen, historischen und künstlerischen Rahmen zu skizzieren“ (Manfred Clemenz S.12). Man könnte diesen Ansatz „synthetisch“ nennen: Er umfasst eine Vielzahl miteinander verwobener Aspekte und stützt sich insbesondere auf seine tiefenhermeneutische Interpretation von van Goghs umfangreicher Korrespondenz mit seinem Bruder Theo, Berichte von Zeitzeugen und eine ausführliche Analyse der Sekundärliteratur. 

Van Gogh war nach Clemenz „ein enorm kreativer Künstler, zugleich aber in seinen künstlerischen, politischen und literarischen Vorlieben und Interessen zweifellos ein Kind seiner Zeit. Van Gogh verstand sich nicht als Märtyrer (obwohl er unter der Kunst litt), er war auch kein Einzelgänger und er war vor allem nicht ›verrückt‹ oder psychotisch. Er litt am Wechsel melancholischer und manischer Stimmungen, dem Wechsel von Selbstüberhebung und masochistischer Selbstentwertung, unter rezidivierenden Depressionen mit zeitweiligen […] psychotischen Symptomen. Er litt auch an temporären epileptoiden Anfällen, insgesamt jedoch war er ein Melancholiker“ (Manfred Clemenz a. a. O.). Seine Teilnahme an den Ausstellungen im Salon der Indépendants in den Jahren 1888 – 1890 (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Société_des_Artistes_Indépendants) und die Resonanz bei der Ausstellung der Vingtisten 1890 in Brüssel (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Société_des_Vingt) zeigen, dass er erfolgreicher war als häufig angenommen. Kunst war für van Gogh Mühsal und Leiden und zugleich Therapie gegen die Melancholie, Leiden die Voraussetzung für Kreativität. Dem Kunstmarkt gegenüber blieb er skeptisch. Mit seinen „Kartoffelessern“ vom April 1885 gelingt ihm sein erstes bedeutendes Gemälde (vergleiche dazu etwa https://mywowo.net/de/niederlande/amsterdam/van-gogh-museum/die-kartoffelesser#).

Auf eine Kritik an seiner Figurengestaltung und deren Dunkeltonigkeit antwortet er in einem Brief an seinen Bruder Theo „›Sage Serret, daß ich geradezu verzweifelt wäre, wenn meine Figuren gut wären, sage ihm, daß ich sie gar nicht akademisch korrekt haben will […]. Sag ihm, daß ich Michelangelos Figuren herrlich fände, obwohl die Beine entschieden zu lang, die Hüften und das Hinterteil zu breit sind. Sag ihm, daß in meinen Augen Millet und Lhermitte darum die wahren Maler sind, weil sie die Dinge nicht malen, so wie sie sind […], sondern wie sie […] sie fühlen. Sag ihm, dass es meine große Sehnsucht ist, solche Unrichtigkeiten machen zu lernen, solche Abweichungen, Umarbeitungen, Veränderungen der Wirklichkeit, damit es – nun ja, Lügen werden, wenn man will, aber – wahrer als die buchstäbliche Wahrheit‹“ (Vincent van Gogh nach Manfred Clemenz S. 181 f.). Kunst ist für ihn keine Augentäuscherei, sondern eine Sache des Geistes zur Vermittlung einer höheren Wahrheit (vergleiche dazu Manfred Clemenz S. 189). Mit seinen verschiedene Stilelemente synthetisierenden Selbstporträts vom Winter 1886/87 und vom Winter 1887/88 (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Selbstbildnisse_Vincent_van_Goghs#/media/Datei:Self_portrait_with_Felt_Hat.jpg und https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Selbstbildnisse_Vincent_van_Goghs) gelingt ihm der Durchbruch zu einem neuen Stil (vergleiche dazu Manfred Clemenz S. 231 ff.).

Aber seine an seinen Bruder zum Verkauf weitergegebenen Bilder bleiben unverkäuflich; Theo wird  zu seinem Mäzen und Vincent fühlt sich in seiner Schuld. Seine Pläne, ein Kunsthändlernetz aufzubauen, scheitern. Im Sommer 1888 erlebt van Gogh eine physische und psychische Krise. Hintergrund ist die Befürchtung, dass sein Plan, in Arles ein Atelier des Südens aufzubauen, platzen und dass sich die finanzielle Situation seines Bruders verschlechtern könnte. Wann immer Theo finanzielle Probleme ankündigt, gerät Vincent in Panik. Vincent bilanziert seine bisherige malerische Existenz in seinem Brief vom 22. Juni 1888 an Theo auf drastische Art und Weise: „Mich hat es nichts weiter gekostet als einen ruinierten Kadaver, mein angeknackstes Gehirn, um so zu leben, wie ich es konnte und mußte, als Menschenfreund. Dich hat es nichts weiter gekostet als, sagen wir mal, fünfzehntausend Franc, die du mir vorgeschossen hast […]. Mein lieber Bruder, wenn ich nicht infolge dieser verfluchten Malerei verpatzt und verrückt wäre, was für einen Kunsthändler würde ich noch abgeben […]. “ (Vincent van Gogh nach Manfred Clemenz S. 245). 

In seinem im Oktober 1888 entstandenen Gemälde ›Das Schlafzimmer, Öl auf Leinwand, 72 x 90 cm‹ (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Van_Gogh_Museum#/media/Datei:Vincent_Willem_van_Gogh_137.jpg) sind „die wichtigsten Elemente seiner damaligen Ästhetik versammelt: (1.) ›Nur die Farbe‹ muss es machen. (2.) Es soll durch ›Vereinfachung‹ einen ›größeren Stil‹ geben und (3.) damit einen seelischen Effekt, den der ›Ruhe‹ schaffen“ (Manfred Clemenz S. 250). Seine im September 1888 gemalte ›Caféterasse bei Nacht‹ (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Caféterrasse_am_Abend) gehört mit seinem ›Sämann‹ vom November 1888 (vergleiche dazu etwa http://rrndvbkir.ddns.net/der-smann—vincent-van-gogh-612.html)  und seinen ›Sonnenblumen‹ vom Januar 1889 (vergleiche dazu etwa https://artinwords.de/van-gogh-museum-van-gogh-und-die-sonnenblumen/) zu seinen beliebtesten Bildern.  

Van Goghs Hoffnung, im „Gelben Haus“ in Arles mit Paul Gauguin (vergleiche dazu etwa https://de.qwe.wiki/wiki/The_Yellow_House) zusammenarbeiten und ein „Atelier des Südens“ gründen zu können, zerbricht an den zu unterschiedlichen Temperamenten, Stilen und finanziellen Gegebenheiten der beiden Künstler. Am 11. / 12. Dezember 1888 sieht van Gogh den Bruch Gauguins mit ihm und dem „Gelben Haus“ besiegelt: „Ich glaube, Gauguin hat die gute Stadt Arles, das kleine gelbe Haus, in dem wir arbeiten, und vor allem mich selber gründlich satt […]. Ich glaube, er wird entweder kurz entschlossen abreisen oder kurz entschlossen dableiben“ (Vincent van Gogh nach Manfred Clemenz S. 291).

Am 23. Dezember 1888 hat sich Vincent dann sein Ohr abgeschnitten, möglicherweise aufgrund von Schuldgefühlen gegenüber seiner Vaterfigur Gauguin. Es scheint plausibel, dass Vincent seinen seltsamen nächtlichen Auftritt am 23. Dezember 1888 auf dem Platz Lamartine als Angriff auf Gauguin erlebt hat. Die Abtrennung seines Ohres wäre dann eine Art Selbstkastration aus Schuldgefühl über seinen Angriff auf Gauguin gewesen. „Somit wäre es auch folgerichtig, dass er sein Ohr – symbolisch für seine Kastration – seiner bevorzugten Hure Rachel gleichsam als Zeugin für die Selbstkastration überreichte; sie soll daraufhin in Ohnmacht gefallen sein. Dass er sein Ohr gerade der Prostituierten Rachel überreichte, verdeutlicht die psychosexuelle Dimension des Vorfalls: So wie Rachel vorher Zeugin seiner Sexualität und Potenz war, soll sie nun Zeugin seiner Bestrafung sein. Die verwirrte Rachel übergab das Ohr einem Polizisten, womit die Angelegenheit gewissermaßen öffentlich wurde. Das abgeschnittene Ohr wurde blitzschnell Tagesgespräch in Arles, die Polizei inspizierte das „Gelbe Haus“, auch die Presse berichtete darüber. Gauguin, der am nächsten Tag von dem Vorfall erfährt, reist Hals über Kopf nach Paris ab“ (Manfred Clemenz S. 293). Nach Krankenhausaufenthalten, Anfällen, einem neuerlichen Schaffensrausch – in 70 Tagen sind in Auvers rund 80 Gemälde und 60 Zeichnungen entstanden – , einer angedeuteten beruflichen Neuorientierung seines Bruders, und nach der Trennung von Dr. Gachet (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Porträt_des_Dr._Gachet) und seiner Tochter (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Van_Gogh_-_Marguerite_Gachet_am_Klavier.jpeg

schießt sich van Gogh am 27. Juli 1890 in Auvers-sur Oise eine Kugel in den Bauch und stirbt nach zwei Tagen.

Es bleibt offen, ob ihn die angedeutete explosive Konfliktsituation zum Suizid motiviert hat. Angesichts der labilen Verfassung „Vincents spricht vieles dafür. Zugleich gibt es allerdings auch Gründe, die dagegen sprechen. Zunächst einmal wurden die Selbstzweifel als Maler durch die Realität zunehmend entkräftet: Er hatte an drei Ausstellungen der Indépendants und an der Ausstellung der Vingtistes mit wachsendem Erfolg teilgenommen, zahlreiche renommierte Künstler, unter ihnen Monet und Degas, betrachteten seine Bilder in den letzten Ausstellungen als die besten und nicht zuletzt hatte“ ihn im Januar 1890 ein Artikel von Gabriel-Albert Aurier „fast über Nacht zu einem Star der progressiven Pariser Kunstszene gemacht (vergleiche dazu https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1051017/f36.pdf, http://www.vggallery.com/misc/archives/aurier.htm und https://de.qwe.wiki/wiki/Albert_Aurier) […]. Ein weiterer Aspekt verdient Beachtung. Van Gogh hatte in Auvers keine nennenswerten Anfälle mehr […]. Auch seine ›Albträume‹ waren ›im Norden‹ offenbar verschwunden […]. Es kommen jedoch noch andere Faktoren in Betracht. Zunächst […] das Fehlen der für Vincent so bedrückenden, immer wieder beklagten katholisch-klerikalen Atmosphäre in den Mauern des Hôtel-Dieu in Arles und in der Anstalt Saint-Paul-de-Mausole. Weiterhin beklagte Vincent immer wieder die Vereinsamung und Langeweile in Saint-Paul […]. Das änderte sich in Auvers: Er hatte, zumindest zeitweilig, Kontakt zu dem exzentrischen Dr. Gachet und dessen Tochter, zu einigen Bewohnern von Auvers, mit dem Malerkollegen Hirschig und […] zu einer Gruppe Pariser Jugendlicher […]. Auch […] sollte nicht unberücksichtigt bleiben […], dass Vincent in Arles einem hemmungslosen Alkoholkonsum frönte: Wein, Cognac, vor allem aber Absinth“ (Manfred Clemenz S. 335 f.). Möglicherweise hatte Vincents Absinth-Konsum seine Halluzinationen und seine zeitweiligen epileptischen Anfälle mitverursacht. „Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er in Saint-Paul keinen Zugang zu Absinth, wohl aber bei seinen Besuchen in Arles, die jeweils zu Anfällen führten“ (Manfred Clemenz S. 337).

In der kontroversen Debatte über die Gründe von Vincents Suizid geht Clemenz aus psychologischen Erwägungen davon aus, dass die Suizid-Motive stärker waren als sein Überlebenswillen. Nach seiner Auffassung litt er aber weder an einer bipolaren noch an einer zyklischen Psychose und auch nicht an einer Angst-Glück-Psychose; „dafür waren seine Stimmungsschwankungen zu sprunghaft und in ihrer Dauer zu unterschiedlich. Er befand sich phasenweise in einem manischen Arbeitsrausch, wofür er auch die Intoxikation durch exzessiven  Alkoholgenuss (insbesondere den psychotoxischen Absinth), Kaffee und Tabak benötigte. Es wäre kaum übertrieben, van Gogh als ›polytoxikoman‹ zu bezeichnen“ (Manfred Clemenz S. 393). Auf den Arbeitsrausch folgten Erschöpfungszustände. In seiner Wahrnehmung war Kunst dann Krankheit und Therapie zugleich. Seine epileptischen Anfälle könnten Begleiterscheinungen seines Absinth-Abusus gewesen sein. Schließlich ist nicht auszuschließen, dass er an Syphilis erkrankt war. Vincents Grab liegt neben dem seines Bruders auf dem Friedhof von Auvers-sur Oise nordwestlich von Paris (vergleiche dazu https://www.routevangogheurope.eu/de/besuche/frankreich/Eventdetail/1791/die-graeber-von-vincent-und-theo-auvers-sur-oise). Seine Absicht, eine Kunst des Trostes zu schaffen, die auch von einfachen Menschen verstanden wird, hat er auf jeden Fall erreicht.

ham, 6. August 2020

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