Wie wir imitieren, kommunizieren und korrumpieren
Schattauer, Stuttgart 2013, Reihe Wissen & Leben, hrsg. von Wulf Bertram, ISBN 978-3-7945-2928-6, 284 S., zahlreiche s/w-Abbildungen und Tabellen, Klappenbroschur, Format 18,5 x 12 cm, € 19,99 (D) / 20,60 (A)
Der Band vereinigt 19 Beiträge des Ulmer Ordinarius für Psychiatrie aus dem Jahr 2012 für die Zeitschrift für Nervenheilkunde, die sich allesamt mit neueren Einsichten in die Funktionsweise der Gehirnareale befassen, „die vor allem mit dem Sozialverhalten beschäftigt sind“ (Manfred Spitzer). Bildgebenden Verfahren und neuere und neueste Forschungsansätze in den Neurowissenschaften erlauben neue Einsichten in die menschliche Kommunikation, Imitation und Improvisation. Nach traditioneller Auffassung wird das Sprechen nicht unbedingt in den genau gleichen Arealen abgebildet wie das Zuhören. „Daher ist es von Bedeutung, sich zu vergegenwärtigen, dass sowohl Sprachproduktion als auch Sprachverständnis durch das Zusammenarbeiten einer ganzen Reihe kortikaler Areale bewirkt werden, die zudem in nicht geringem Ausmaß anatomisch überlappen… Weil Sprecher und Hörer im normalen Erzähl-Alltag gesprochene Geschichte synchron hören, ist davon auszugehen, dass mindestens die für das Hören zuständigen Gehirnareale bei beiden synchrone Aktivität aufweisen. Wenn zudem Sprachproduktion und –verständnis bis hin zum Planen und Denken der Geschichte von teilweise denselben Arealen erledigt werden, sollte die Überlappung noch deutlich größer sein. Dies war tatsächlich der Fall. Die Analyse der Kopplung zwischen Sprecher und Zuhörern ergab kortikale Bereiche …, die weit über Areale der akustischen Verarbeitung hinausgehen. Die … Aktivierung von Gehirnbereichen für das Hören … und das Sprachverstehen … hatte man … durchaus erwartet, weil ja sowohl der Sprecher als auch die Zuhörer das Gesprochene hören. Es fanden sich zudem das motorische Sprachzentrum (Broca) und weitere sprachrelevante Areale (die zu Broca und Wernicke analogen Areale rechts) aktiviert sowie eine ganze Reihe kortikaler Bereiche, die nicht direkt mit Sprachverarbeitung, sondern eher mit Denken, Planung und Kontrolle in Verbindung gebracht werden… Diese Bereiche waren ausgedehnter als die der Sprecher-Hörer-Kopplung …, gingen ebenfalls weit über Areale des Hörens und Sprechverstehens hinaus und betrafen auch Bereiche des Denkens und der Motorik“ (Manfred Spitzer). Im Ergebnis zeigen die neueren Befunde, dass sich die Gesprächspartner umso besser verstehen, je stärker die neuronale Koppelung der beteiligten Gehirnareale ist. „Glückende Kommunikation ist … nicht rein passive Rezeption, sondern aktives Vorausplanen der in unmittelbarer Zukunft vom Sprecher geäußerten Bedeutungsgehalte durch den Zuhörer, was wiederum nichts anderes heißt, als dass man dem Zuhörer ausreichend Zeit geben sollte, um antizipatorische Aktivität entstehen zu lassen. Redet man aber … zu langsam, kann es sein, dass diese >>ephemere<< Aktivierung wieder verschwindet und der Kommunikationserfolg durch den antizipierenden Filter wieder abnimmt“ (Manfred Spitzer). Weitere Aufsätze befassen sich mit der digitalen Demenz, also mit bei jungen Erwachsenen als Folge von intensiver Nutzung moderner Informationstechniken auftretenden Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, der dunklen Seite des „Kuschelhormons“ Oxytocin und dem experimentellen Nachweis, dass Macht aus ehrlichen korrupte Menschen macht und dass deshalb fast jeder mehr oder weniger korrupt ist. ham, 16.10.2013 Download: Manfred Spitzer. Das (un)soziale Gehirn

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