Mai 17

Markus Oehlen

Von Helmut A. Müller | In Kunst, Monografie

Herausgegeben von Bärbel Grässlin, Christof Kerber und Christian Malycha mit Texten von Matthew Bowman, Elisabeth Bushart, Erich Gantzert-Castrillo, Gregor Jansen, Markus Oehlen, Niels Olsen und den Herausgebern

KERBER ART, KERBER Verlag, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-7356-0667-9, 176 Seiten, 90 farbige Abbildungen, Hardcover, Format 30 x 24,4 cm, 40,00 € / 49,12 CHF

Zwischen den beiden ältesten in der Monografie abgebildeten Arbeiten Markus Oehlens ›Ohne Titel‹, 1983, Dispersion, Wachs auf Leinwand, 200 x 150 cm und ›Vaters Hände‹, 1984, Dispersion, Wachs auf Leinwand, 200 x 300 cm (vergleiche dazu die gleichnamige Papierarbeit http://www.artnet.de/künstler/markus-oehlen/die-hände-meines-vaters-f6nZIm62kuREkkWwg1caHg2) und den beiden jüngsten ›Sturgeon (Stoehrers)‹, 2019, Acryl, Papier auf Leinwand, 200 x 160 cm und ›Sedentary Swash‹, 2019, Acryl, Papier auf Leinwand, 200 x 160 cm liegen rund 35 Jahre (vergleiche zu den Arbeiten von Markus Oehlen u. a. https://galerie-graesslin.de/artists/markus-oehlen/1/works, https://martinasbaek.com/artists/markus-oehlen/, http://www.galeriehansmayer.de/de/artists.html und https://www.sabineknust.com/artists/markus-oehlen). ›Vaters Hände‹ zeigt eine Swastika aus stilisierten Händen vor einer abstrahierten Palette; dahinter stehen und hängen vor einem diffusen Hintergrund vier knochenförmige Gebilde. Die Szene ist von zwei Leitern und zwei weißen wurstförmigen Farbspuren gerahmt. Für den Kunsthistoriker und Leiter der Düsseldorfer Kunsthalle Gregor Jansen „verwebt sich das Motiv zu einem System des schlechten Geschmacks inmitten schlecht gemalter Arabesken. Das ist wunderbarer, radikaler Punk“ (Gregor Jansen S. 85). In aktuellen Arbeiten wie ›Sedentary Swash‹ werden geordnete Felder zur Grundlage eines rhythmisierten Flächenraums aus meist horizontal verlaufenden Linien und fast aufgeräumt wirkenden Strukturen. Dazwischen sind abstrakten Malereien feinster Machart, ein Porträt eines männlichen Oberkörpers und eine Flasche platziert (Gregor Jansen S. 87). Die Bildräume sind hochkomplex; sie überfordern das menschliche Auffassungsvermögen. Das Auge wandert hin und her. Es findet diese und jene und noch weitere interessante Stellen; aber es kann sie nicht festhalten. Das Bild entgleitet.

Der 1956 in Krefeld geborene Markus Oehlen, der Bruder von Albert Oehlen lehrt seit 2002 Malerei und Grafik an der Akademie der Künste München. Auf die ungewöhnliche Technik seiner frühen Bilder angesprochen antwortet er heute: „Das kam aus der Moderne. Jeder Künstler hat sein eigenes Material: Der eine nagelt, der andere verschüttet Wasser, der andere malt nur in Rot […]. Also hab’ ich gedacht, ich mache was ganz Verbotenes und nehme eine ⟩Ekeltechnik⟨ […]. In dem Alter provoziert man gern. Da lag es nahe, eine Sache aufzugreifen, die man nur aus dem Kunstgewerblichen kannte, um der hehren Kunst ans Bein zu pinkeln […]. Wir haben damals das ganze teure Material abgelehnt. Das war schon damals so eine ⟩Trash-Idee⟨. Alles kam aus dem Schnäppchenmarkt und da standen halt auch sehr günstige Nesselballen in der Ecke rum. Dazu billige Kerzen und ein Tütchen Stofffarbe, die musste man in heißem Wasser auflösen, ein Paket Salz dazu, das war’s […]. In einer alten Blechdose auf dem Herd, also einer Elektroheizplatte, habe ich das aufgelöst und dann mit dem Pinsel aufgetragen. Das war das giftigste Paraffin, dicke, bunte Klötze, fette Lifestyle-Großkerzen. Das wurde sehr heiß und qualmte ordentlich. Mit Bleistift hatte ich vorher eine ungefähre Skizze gemacht und dann ⟩Gib ihm!⟨“ (Markus Oehlen S. 47).

Stephan Schmidt-Wulffen hat Oehlens Düsseldorfer Anfänge nach Interviews mit dem Künstler und seinen Mitstreitern 1985 so aufgezeichnet: „Markus Oehlen war in Krefeld aufgewachsen und lebte auch noch dort, als er 1978 Discjockey des ›Ratinger Hof‹ wurde und als Gitarrist und Schlagzeuger bei der Gruppe ›Mittagspause‹ spielte […]. ›Man hat sich getroffen und in erster Linie gesoffen, also ich zumindest, bis zum geht nicht mehr. Und es waren natürlich alle da […]. Wir haben auch so ein bißchen Kunstraum daraus gemacht, Dias gezeigt. Ich habe immer die Plakate für irgendwelche Veranstaltungen gestaltet. Dann ging es irgendwie los mit Konzerten. Wir haben immer gesagt: Wir machen das, wir sind hart, wir ziehen das durch‹ (Markus Oehlen) […]. Während sein Bruder Albert nach der mittleren Reife trotz künstlerischer Ambitionen klaglos eine Buchhändlerlehre absolvierte, hatte sich Markus mit der Berufsausbildung schwergetan. Eine Dekorateurlehre brach er ab, und auch die Ausbildung als Musterzeichner befriedigte ihn nicht“.

1974 traf er den Beuys-Schüler Walter Dahn und zog mit ihm und Arno Konen in ein Abbruchhaus. „›Wir haben da eine Zeitlang zusammengewohnt, viel Musik gehört, Super-8-Filme gedreht, und Walter hat sich ab und zu das Gesicht grün angestrichen‹ (Markus Oehlen) […]. In der Hoffnung, den Sprung an die Akademie zu schaffen, füllte Markus Oehlen Stapel kleiner Blätter mit Zeichnungen. ›Miniaturselbstporträts, Fotorealismus, so Kleinkunst halt, was ich damals durch den Einfluss von Walter mitgekriegt hatte […]. Dass ich malen konnte, das wußte ich schon immer‹“. 1976 hat er an der Kunstakademie zu studieren begonnen. Aufsehen erregt haben die Fotokopierbücher und die im Zeitungsstil gerasterten Alltagsszenen von Sigmar Polke. „Mehr noch aber wirkte die Aura des erfindungsreichen Künstlers. ›Polke war einfach der Lustigste. Wenn er den Raum betrat, dann herrschte eine Atmosphäre, die war einfach Klasse‹“ (Markus Oehlen). Nach Experimenten mit einem auf Kinoleinwände projizierten Breitbandfoto von Arno Kohnens Bad kommt es 1977 zur ersten Einzelausstellung ›Television‹ in Konrad Fischers Raum in der Neubrückstraße und 1978 zur Ausstellung ›Böthe Thungen – chlete Thäne‹ bei Arno Kohnen in Fischers ehemaligen Galerie. 1982 hat er in Düsseldorf als Meisterschüler von Alfonso Hüppi abgeschlossen (Die Zitate sind ›Stephan Schmidt-Wulffen, Alles in allem – Panorama ›wilder‹ Malerei‹ in ›Tiefe Blicke. Kunst der achtziger Jahre‹, Köln 1985. S. 23 ff. entnommen).

Zu den Experimenten mit Diaprojektionen, Wachs, Batikfarben und Fotokopien auf thermoempfindlichem Kopierpapier sind im Laufe der Jahre Dispersionsfarben, Acryl und Öl auf Leinwand gekommen, ab den 90er-Jahren gefärbte Kordel auf Holz, Mitte der 90er-Jahre Kugelschreiber, Eddingstifte, von Overheadprojektionen auf Leinwänden projizierte und abgemalte Linolschnitte, ab 1999 Lack auf Leinwand, ab 2000 Computerverfremdungen, ab 2001 im Computer mit dem Animationsprogramm ›Poser‹ entstandene Figuren und in den letzten Jahren immer wieder Mischtechniken aus Acryl, Papier und Kordel auf Holz. „Die ⟩reine Malerei⟨ habe ich immer abgelehnt. Das haben andere schon gemacht. Das sieht man auch später in meinen Bildern, dass es nie in erster Linie um ⟩Malerei⟨ geht. Es ist immer etwas Konstruktives und Konzeptionelles. Die Kombination aus beidem war die notwendige Erweiterung der Möglichkeiten. Das ist bis heute so. Es kommt ständig etwas dazu. Das entwickelt sich immer noch, über etwas Technisches, über’s Material“ (Markus Oehlen S. 49). „Rasant wechseln die Ideen, Motive, Techniken, das Material. Konstant bleibt hingegen, dass sich Markus Oehlen immer neu erfindet […]. Oehlen ist ein subversiver Bild-Erfinder und sensibler Regelbrecher. Er schöpft aus dem grenzenlosen Reservoir der uns umgebenden Medienwelt. Spielerisch vermischt er Hoch- und Trash-Kultur zu hybriden Vexierbildern […]. Collageartig überlagern sich die Versatzstücke. Oehlen blendet 

Abstraktion und Figuration flimmernd ineinander. Konzeptuelle Fotokopien bringt er gegen das Informel in Anschlag, Punk und Kunsthandwerk gegen die Konzeptkunst und weit vor der Zeit konfrontiert er die regressive Malerei der 1980er und 1990er mit Fragmentierung, Sampling und dem Einbezug digitaler Techniken“ (Bärbel Grässlin, Christof Kerber, Christian Malycha S. 11)

ham, 16. Mai 2020

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