Apr 14

Marlon Wobst

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Publikation zur Ausstellung Marlon Wobst – extra vom 10.3.– 15.4. 2017 in SCHWARZ CONTEMPORARY, Berlin, herausgegeben von SCHWARZ CONTEMPORARY mit einem Essay von Anthony Byrt und einem Gespräch zwischen Marlon Wobst und Annika Karpowski

SCHWARZ CONTEMPORARY, Berlin / Kerber Verlag, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-7356-0352-4, 160 Seiten, 84 farbige Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 29,5 X 24,5 cm, € 38,00 / 46,66 CHF

Der Theologe, Volkskundler und Leiter des Diözesanmuseums Freising Christoph Kürzeder wurde dieser Tage gefragt, warum die einstmals in Kirchen gezeigten starken Bilder von Himmel und Hölle, vom Fegefeuer und von den „Armen Seelen“ heute nicht mehr funktionieren. Er hat in seiner Antwort auf die Bilderflut verwiesen, die uns heute immer und überall umgibt: „Was hat ein Bauer früher an Bildern besessen? Vielleicht einen Kupferstich und ein Hinterglasbildchen, das er auf einem Jahrmarkt oder von einem fahrenden Händler gekauft hatte. Aber die großen, opulenten Originale, die farbenprächtigen, realistisch gemalten Ölbilder von Höllenqualen und Himmelfahrten, von makellosen Marien mit wehenden Haaren, die kannte er nur aus der Kirche“ (Die Träume und Tränen des Don Camillo. Christoph Kürzeder im Gespräch mit Susanne Hermanski, SZ Nr. 86, 13./14. April 2017, S. 34). Auch wenn noch manches Andere anzuführen und zu ergänzen wäre, markiert Kürzeder mit seinem Hinweis auf die mit dem Buchdruck und der Digitalisierung verbundenen Vervielfachung der Bilder und ihre ständige Verfügbarkeit doch einen entscheidenden Punkt: Eine Generation, die mit Horrorfilmen, MTV und Pornofilme aufgewachsen ist, hat andere Bilder im Kopf als der Bauer, der nur sakrale Bilder in Kirchen sieht.

Anthony Byrt verweist in seinem Nachdenken über Marlon Wobsts nostalgische Erotik eigens auf die „voyeuristische Freizügigkeit“, die die Generation prägt, die mit Filmen jeder Art groß geworden ist. „Als wir aufwuchsen, war überall Fleisch zu sehen. Während es leicht nachzuvollziehen ist, wie das unsere Sexualität geprägt hat, hat es eben auch die Parameter unserer Empathie geprägt. Bei unserem Gefühl der Verbundenheit miteinander geht es genauso um das Sehen wie das Berühren“ (Anthony Byrt, Marlon und ich: Zur nostalgischen Erotik von Marlon Wobst, S. 14) und das Berührt-Werden. In der Folge hat sich Wobst nach Byrt in seiner Malerei für einen aufregenden Realismus entschieden, der weder die Leibfeindlichkeit des in das Christentum eingewanderten Platonismus noch den bei Miss- und Misterwahlen dominierenden Körperkult, sondern einen „aufregenden Realismus“ (Anthony Byrt) pflegt, der alle Seiten des Umgangs mit dem eigenen und dem fremden Körper kennt und der um die Verletzlichkeit weiß, die aus dem Wünschen und Begehren entsteht. Das Universum (vergleiche dazu unter anderem http://www.marlonwobst.de und https://fnkarrasch.wordpress.com/2017/03/15/marlon-wobst-•-extra-•-schwarz-contemporary/. Abgerufen am 13. 4. 2017) seiner Schwimmer, Badenden, Liebenden, Maler, Bergsteiger, Tennisspieler, Rennfahrer, Basketball- und Tennisspieler, „das er erschafft, ist eine Fantasie, und Wobst hat immer alles unter Kontrolle. Aber seine komplexe Empathie ist auch entschieden menschlich: Er erdet uns untereinander mit einer radikalen erotischen Normalität“ (Anthony Byrt, a. a. O. S. 19).

Wobst geht es in jedem Bild darum, „genau das richtige Maß an realistischer Darstellung zu finden“. Er sucht nicht so sehr die Nähe zum Perfekten, „sondern eher die Nähe zum Imperfekten, zum Zerbrechlichen. Fehlerhaftes erzeugt Emotionalität, Neugier, Mitgefühl, Schadenfreude oder nur einfach Spaß beim Betrachter. Man fühlt sich dem Dargestellten näher, weil man sich selbst auch als eher nichtperfekt wahrnimmt, besonders in einer Welt der Körperoptimierung und des Schönheitswahns“ (Marlon Wobst S. 93). Der Betrachter fühlt sich einbezogen, erkennt sich wieder und kann darüber lachen: „Richtig. Aber so funktioniert das Sehen von Kunst, oder? Man setzt sich, sein Wissen, seine Erfahrung, sein Gefühl oder alles auf einmal in den Bezug zu dem, was man anschaut. Ganz automatisch. Und das erzeugt ja wieder was in einem. Und im besten Fall ist das etwas Positives, ein gutes Gefühl, eine Bestätigung“ (Marlon Wobst a. a. O.). Seine Bildideen entstehen aus dem Malprozess „heraus, bis sie sich als solche zu erkennen geben“ (Marlon Wobst S. 94). Er kann dann nur mit dem Pinsel in der Hand folgen und mit ansehen, wohin der Weg führt. Das Ergebnis kennt er vorher nie. In seinen Formaten wechselt er zwischen kleinen und großen Formaten ab. Und in seiner Wahl der Farben bedient er sich unterschiedlichster Mischtöne, die er aus seinem Farbrestehaufen gewinnt. „Wer schon mal bei mir im Atelier war, kennt meinen riesigen Farbrestehaufen am Rande meiner Mischplatte, eher schon ein Farbrestemassiv. Und am Ende eines jeden Arbeitstages vermische ich alle Restfarben zu einem großen, matschigen Grau oder Braun und streife es mit dem Malmesser auf diesem Farbrestemassiv ab. Die Farbe trocknet äußerlich ein, im Inneren bleibt sie jedoch noch teils monatelang frisch und benutzbar. Diese Extrapalette bietet mir einen sich immer verändernden Vorrat an den unterschiedlichsten Mischtönen, denen ich nach Belieben dann reine Töne entgegensetzen kann. Selbstverständlich reagiere ich immer nach Bedarf und mische mir durchaus auch mal ein Grau oder Braun direkt an, aber mein Blick geht immer erst kurz zum Farbrestemassiv“ (Marlon Wobst S. 93)

Wobst hat schon an der Universität mit Ton gearbeitet. Nachdem er in der Nähe seines Ateliers eine Keramikwerkstatt mit Brennservice entdeckt hat, hat er diese Arbeit wieder aufgenommen. Deshalb werden in dem Katalog neben annähernd 60 Malereien aus den Jahren 2011–16 auch erstmals rund 20 im Jahr 2016 entstandene Keramiken gezeigt. „Ohne das direkt zu forcieren, scheint es so, als seien die Figuren und die Tableaus Vivants direkt aus meinen Bildern entsprungen. Im Grunde genommen ist die Arbeit mit Keramik für mich eine logische Weiterführung meiner malerischen Forschung, in der ich mich mit der dritten Dimension auseinandersetzen muss. Selbstverständlich ist es vor allem der Prozess des Formens zu Beginn der Arbeit mit Ton, der dem Arbeiten mit Ölfarben nahe kommt. Alles, was danach passiert, der Sprühbrand, das Glasieren, das ewige Warten auf ein Ergebnis, ist ein heftiger Kontrast zum Malen, wo doch alles unmittelbar und mehr oder weniger nach eigener Planung verläuft. Tut aber mal gut, ausgebremst zu werden. In den Pausen denkt man seine Sachen weiter und kann hervorragend malen!“ (Marlon Wobst S. 95).

ham, 13. April 2017

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