Aug 10

Martina Geist, Zeitlupe

Von Helmut A. Müller | In Allgemein

Publikation zur Ausstellung vom 21.4. bis 18.6.2013 in der Städtischen Galerie Ostfildern, zur gleichnamigen Ausstellung vom 23.2. bis 21.4.2014 im Hans-Thoma-Kunstmuseum Bernau und zu weiteren Ausstellungen vom 14.3. bis 25.5.2014 in der Kunsthalle Göppingen, Schloss Filseck und vom 26.4. bis 21.6.2015 im Schloss vor Husum, Husum. Herausgegeben von Werner Meyer mit einem Vorwort des Herausgebers und Texten vonHolle Nann und Uwe Haupenthal
modo Verlag Freiburg im Breisgau, 2014, ISBN 978-3-86833-142-4,88 Seiten, zahlreiche farbige und zehn schwarz-weiße Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 28,4 × 25,3 cm, € 25.-

Martina Geist hat die formale Anlage und farbliche Gestaltung ihrer Holzschnitte und ihrer als Tafelbilder angelegten Druckstöcke seit ihren ersten Ausstellungen in der zweiten Hälfte der 1980 – Jahre, Ausstellungsbeteiligungen wie der an der Ausstellung „Lebensspuren“ (1991) und Einzelausstellungen wie der Ausstellung „Images“ (2004) im Hospitalhof Stuttgart konsequent und kontinuierlich weiterentwickelt. Ihre jüngsten Werke lenken nach Werner Meyer das Augenmerk auf die künstlerische Gestalt von Bewegung und die Darstellung von Raum und Zeit. „Martina Geists Holzschnitte stellen nach wie vor Stillleben dar, wir erkennen Stühle und Tische, Früchte und Gläser, das klassische Motivrepertoire. Aber Dinge wie Räume sind in Bewegung begriffen: das Glas fällt um das Wasser ergießt sich über die Fläche des Tisches, der sich im Bildformat und darüber hinaus ausdehnt und in dieser Bewegung in kubistischer Manier mehrere Ansichten, Perspektiven in Anspruch nimmt. Die Stühle schweben im Raum, nichts liegt einfach nur so da… Geschwindigkeit ist nicht nur in den in Bewegung begriffenen Dingen zu spüren, sondern lässt sich auch in den Linien und Formen erfahren, die den Bildraum ausmachen. Mit Nachdruck arrangiert Martina Geist ihre Kompositionen als dynamisches Gefüge“ (Werner Meyer).
Geists „Bildgegenstände haben nichts von proportionsgetreuer, illusionister Imitation der Wirklichkeit. Sie sind eine konsequente Abstrahierung, Reduzierung von erkennbaren Gegenständen: Früchten , Gläsern, Löffeln. Die Künstlerin entwickelt aus anschaulichen, bildhaften Formen ein… leicht einsehbares Ordnungsgefüge, dass seine Spannung aus der Wechselwirkung zwischen plastischen und räumlichen Formen, sowie farbigen Flächen erzeugt“ (Holle Nann). „Katharsis bestimmt… die bildnerische Ausgangslage. Sie erst schafft den notwendigen Freiraum, der es Martina Geist ermöglicht, gegenüber den Dingen innere Distanz zu behaupten und sie gleichsam von außen, als das andere, wenn nicht gar als das Fremde… wahrzunehmen. Dies gelingt, indem die Gegenstände das Bildfeld eben nicht dominieren, sondern von diesem als übergeordnete Größe in ihrer Existenz bestimmt werden. Zum einen ist es die Art der kantig-sperrigen Gestaltung, die sich emotionaler Vereinnahmung, Nähe entgegenstellt, zum anderen ist es die flächige Leere, die von vorn herein eine psychologisch ernüchternde Entgrenzung vorgibt. Das aber erschließt der schlierenartig aufgetragenen, nicht selten transparent wirkenden Farbe, die in zahlreichen Schichten in grafischen Schraffuren noch immer sichtbar mit einem speziellen Reiber auf das Blatt gerieben wird, ein strukturell und gedrosseltes Wirkungsfeld. Mehr noch: Die Erfahrung des Taktiken mutiert zu einer grafischen und dabei noch immer unmittelbar wahrnehmbaren Konstanten“ (Uwe Haupenthal).

Die im Katalog mitveröffentlichten spektakulären schwarz-weißen- Fotografien von Geschirr und Gläsern auf Tischen unterstreichen Geists präzisen Blick für die ästhetische Seite des Alltäglichen. Es wäre zu wünschen, dass sich eine der nächsten Ausstellungen mit ihrem fotographischen Schaffen auseinandersetzt.
ham, 7.8.2014

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