Jun 30

Matta: Fiktionen

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Matta
Fiktionen
Publikation des Bucerius Kunst Forums zu den gleichnamigen Ausstellungen vom 22.09.2012 – 06.01.2013 im Bucerius Kunst Forum, Hamburg und vom 19.01. – 02.06.2013 im Museum Frieder Burda, Baden-Baden , hrsg. von Marga Paz in Zusammenarbeit mit Ortrud Westheider und Eva Hausdorf und Beiträgen unter anderem von Julia Drost, Fabrice Flahutez, Alyce Mahon, Evelyn Pechinger-Theuerkauf und den Herausgebern
Bucerius Kunst Forum, Hamburg / Frieder Burda, Baden-Baden / Hirmer Verlag, München, 2012, ISBN 978-3-7774-5431-3, 194 S., zahlreiche Farb- und einige s/w-Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 22,7 x 28,8 cm, € 34,90 (Verlagsausgabe)

Der am 11.11.1911 als Roberto Sebastián Antonio Matta Echaurren geborene und sich auf Anraten von Dali später Matta nennende Architekt, Schriftsteller, Menschenrechtsaktivist und Sciencefiction- Anreger hat mit seinen fiktionalen inneren Landschaften und seinen sich auf Riesenleinwänden ausdehnenden Räumen Kunstgeschichte geschrieben. In der Neubewertung seines Werkes durch die vom Bucerius Kunst Forum und vom Museum Frieder Burda verantworteten Ausstellungen und die sie begleitende umfangreiche Publikation bestätigt sich unter anderem Werner Hofmanns schon vor einem halben Jahrhundert ausgesprochene Würdigung von Mattas Malerei „als Hoffnung der Surrealisten und als Inspiration für den amerikanischen Abstrakten Expressionismus“ (Ortrud Westheider). Matta schulte darüber hinaus, und hier setzt die Ausstellung an, mit seinem Architektur, Naturwissenschaft, Politik, Literatur, Poesie und Religion einbeziehenden Blick auf die Welt die menschliche Selbst- und Weltwahrnehmung. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner Verbindung von Kunst und Wissenschaft „einen Beitrag zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen leisten“ kann und die Kunst das Potential besitzt, „transzendente Wahrheiten zu erschließen“ (Marga Paz). Für Paz ist die „Entdeckung von Raumbezirken, die im Bereich der Kunst bislang unerforscht geblieben waren“ (Marcel Duchamps), als Mattas originärer Beitrag zum Surrealismus zu werten. Ab 1939 wird Matta als jüngstes Mitglied der Gruppe der Surrealisten in der New Yorker Kunstszene „zum Bindeglied zwischen den Surrealisten und den Abstrakten Expressionisten wie Robert Motherwell, Jackson Pollock, Arshile Gorky und William Baziotes. Sein Einfluss auf diese Künstler prägte die Entwicklung des Abstrakten Expressionismus in Amerika“ (Marga Paz). Die 1940 von Julien Levy in New York organisierte erste Einzelausstellung Mattas in den Vereinigten Staaten wird zum Beginn seines künstlerischen Erfolges. Mit der Ausstellung ‚Artists in Exile‘ in der Galerie Pierre Matisse in New York greift sein Einfluss auf Europa aus. „Um Mattas einzigartige Position in dieser Dekade zu bestimmen, stellt man sich am besten ein geographisches, geschichtliches und geistliches Dreieck vor: Südamerika (Chile), Europa (Paris) und Nordamerika (New York und México). Sie stehen für mehr als die drei Zeiten, die drei Seiten oder Gesichter unserer Zivilisation. Es ist ein Dreieck, das eine Person und ein Jahr darstellen: Matta, 1942“ (Octavio Paz 1985). Obwohl er sich als Kirchenfeind

betrachtet, identifiziert er sich ein Leben lang mit christlichen Symbolen wie der Kreuzigung. In von imaginären Mischwesen bevölkerten riesenhaften polyptyschen ‚Le Honni Aveuglant‘, 1966 wird der vertraute dreidimensionale Raum verlassen. „Ihre ungewohnte Perspektive soll den Betrachter irritieren und ihn so dazu bringen, seine Existenz zu hinterfragen“ (Marga Paz). Für Nikolai B. Forstbauer erscheint Mattas Bildwelt von Anfang an vor allem als „eine Verdichtung des Geschauten. Die Collage als Überlagerung unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Realitäten gewinnt bei Matta eine neue, weil malerische Qualität… Mattas Wiederentdeckung erscheint folgerichtig. Mehr noch als seine surrealistischen Weggefährten gelangt er über das musikalische, über den Klang seiner Bilder in ein Verfahren, das noch weiter geht als die Collage. Die musikalische Überlagerung unterschiedlichster Stücke, das Sampling, provoziert eine eigene Gleichzeitigkeit der farbformalen Abläufe. Robert Matta nimmt das All Over der 1960er Jahre nicht vorweg – er radikalisiert es zuvor bereits in ein All Inn und erweist sich dabei als Schrittmacher malerischen Denkens, wie es sich in den 1980er und frühen 1990er Jahren etwa in den Werken von Michael Majerus wiederfindet…“ (Nikolai B. Forstbauer, Das Schweben und die Einsamkeit‘. In: Stuttgarter Nachrichten Nr. 78, 4. April 2013, S. 14).

ham, 24.05.2013

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