Okt 6

Herausgegeben von Leonore Welzin mit Beiträgen der Künstlerinnen Sabine Zimmermann, Annika Winkelmann, Miriam Wilke, Leonore Welzin, Friederike Vogelmann, Bärbel Stoller, Ursula Stock, Simone Sixt, Rea Siegel-Ketros, Else Schwarz-Binder, Ingeborg Schäffler-Wolf, Bettina Roth-Engelhardt, Franziska Rommel, Jutta Rohwerder, Nataša Rikanović, Christiane Reyle, Gundel Moser-Petri, Brigitta Loch, Sarah Lehnert, Özlem Kögel, Sabine Kühnle, Line Klingler, Tanja Kling, Jutta Klee, Stefanie Herrmann-Zakowski, Rock Hee Beroll, Andrea Hänle-Reutter, Rut Hanselmann, Stefanie Ehrenfried, Hal Busse, Kiki Brunner, Christine Beck, Susie Bauer, Lee Babel, Stephanie Adamis und der Autorinnen und Autoren Leonore Welzin, Gerda Wittmann-Zimmer, Friederike Vogelmann, Bernhard Stumpfhaus, Volker Spohr, Nico Stringa, Bärbel Stoller, Annerose Sczesny-Kühn, Natalie Scheerle-Walz, Kerstin Müller, Hans-Jörg Modlmayr, Matthia Löbke, Peter Lahr, Özlem Kögel, Nanna Koch, Claudia Kottysch, Martina Kitzing-Bretz, Joachim Kinzinger, Claudia Ihlefeld, Irene Ferchl, Eva Ehrenfeld, Ines Doleschal, Isolde Döbele-Carlesso, Susie Bauer und Michaela Adick

KFK– Käthchenfrage Kommission e.V (Susie Bauer, Leonore Welzin, Miriam Wilke, Sabine Zimmermann), Heilbronn 2021, 1. limitierte und signierte Auflage 250 Stück. Die signierten Exemplare sind vergriffen, das unlinimitierte kostet 25,00 € und ist in der Schreibwarenhandlung Seel, in den Heilbronner Buchhandlungen Stritter und Osiander sowie in Neckarsulm bei Kunst & Rahmen zu erhalten.

Das Heilbronner Unterland ❨vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Unterland_(Württemberg)❩ ist nicht dafür bekannt, dass sich seine Bewohner hinstellen und sagen, wie bedeutend sie, was sie im Leben geleistet haben und warum man sie gefälligst beachten müsste. Dabei könnten die allermeisten und gerade die Frauen unter ihnen allerhand vorweisen. Sie haben in ihren Berufen ihre Frau gestellt, oft parallel dazu Kinder großgezogen und es zu etwas gebracht. Manche sind in der halben Welt herumgekommen und irgendwann im Unterland gelandet. So ist es der 1949 in Vaihingen geborene Dramaturgin, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Herausgeberin des ersten Heilbronner Musenalmanachs Leonore Welzin schon vor 30 Jahren geglückt, sich mit der von ihr eingerichteten und getanzten ›Winterreise‹ von Schubert als Frau in der Kette männlicher Künstler neben dem Dichter Wilhelm Müller, dem Komponisten Franz Schubert und den Interpreten Dietrich Fischer-Dieskau (Sänger) und Gerald Moore (Pianist)❩ einzureihen und in Gastspielen bis nach Australien zu kommen. Heute stellt sie mit dem Deutschen Kulturrat fest, dass neben dem Gender-Pay-Gap, der Lohn- und Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern, auch ein Gender-Show-Gap existiert und sich die Ungleichheit in der mangelhaften Sichtbarkeit der Frauen in der Kulturgeschichtsschreibung fortsetzt und ökonomisch auswirkt.

Sie schaut sich im Heilbronner Unterland um und realisiert, dass unter ihren Künstlerkolleginnen etwa die 1950 in Neustadt geborene und in Heilbronn und in Ungarn arbeitende Malerin Christiane Reyle ein Leben lang nicht auf Ausstellungen hin, sondern für sich gearbeitet und dabei ein respektables Werk geschaffen hat (vergleiche dazu Claudia Ihlefeld, Malerin Christiane Reyle wird 70 Jahre alt. In: Heilbronner Stimme vom 03. Oktober 2020: https://www.stimme.de/heilbronn/kultur/artikel/malerin-christiane-reyle-wird-70-jahre-alt;art140956,4401588, abgerufen am 6. Oktober 2021), aber nicht sie, sondern ihr Sohn Anselm Reyle in der aktuellen Kunstszene und medial Furore macht (vergleiche dazu etwa https://www.anselmreyle.com, https://de.wikipedia.org/wiki/Anselm_Reyle und https://www.koeniggalerie.com/artists/9700/anselm-reyle/cv/). Die 1926 in Jagstfeld geborene und 2018 verstorbene Hal Busse war mit dem Maler Klaus Bendixen verheiratet, hat in Paris, Stuttgart und Hamburg gelebt und gearbeitet und gehört für „Die Zeit“ zu jenen „verkannten Genies“, denen die Wochenzeitung im Januar 2015 eine Titelgeschichte gewidmet hat (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Hal_Busse und Claudia Ihlefeld, Hal Busse: Eine ganz besondere Frau. In: Heilbronner Stimme vom 16. Mai 2018: https://www.stimme.de/heilbronn/kultur/artikel/Hal-Busse-Eine-ganz-besondere-Frau;art140956,4028295, abgerufen am 6. Oktober 2021). Die Hochbegabte blieb bescheiden und war nach eigener Aussage „eigentlich niemand, der ganz vorne marschieren wollte“ (Hal Busse). Deshalb hat wohl auch ihr Mann und nicht sie die Professur in Hamburg bekommen. Andere erzählen Vergleichbares. Künstlerinnen wie die 1937 in Stuttgart geborene und von 1999 bis 2006 mit ihrem langjährigen Lebenspartner Heinz Rall in Güglingen verheiratete Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin Ursula Stock sind dagegen eher die Ausnahme (vergleiche dazu und zum Folgenden https://www.ursula-stock.de, https://www.ursula-stock.de/werk/brunnen/weinbrunnen/ und Leonore Welzin, Bildhauerin und Malerin Ursula Stock hat den Zeitgeist ins Schwarze getroffen. In: https://www.stimme.de/heilbronn/kultur/artikel/bildhauerin-und-malerin-ursula-stock-hat-den-zeitgeist-ins-schwarze-getroffen;art140956,4450095, abgerufen am 6. Oktober 2021): Ursula Stock hat in Güglingen neben vielen anderen Arbeiten auch einen Weinbrunnen realisiert, aus dem man bei besonderen Gelegenheiten tatsächlich Wein aus dem Zabergäu trinken kann. Dem Bürgermeister eines Nachbarorts hat ihr Brunnen so gut gefallen, dass er seinem Ort auch einen Weinbrunnen von Stock zueignen wollte. Er hat deshalb Ursula Stock um einen Entwurf gebeten. Sie wollte sich aber im Nachbarort nicht wiederholen und hat deshalb einen Alternativentwurf kreiert und den Preis so hoch gesetzt, dass der Bürgermeister von dem Projekt abgesprungen ist. 

Künstlerinnen wie Ursula Stock, die für ihre Auffassung auch gegenüber Bürgermeistern einstehen und mit ihrem Werk in vielfältiger Art und Weise öffentlich sichtbar geworden sind, die Erinnerung an die Musen der Heroen des Jubeljahres 2020 Beethoven, Hölderlin und Hegel und der Rat ihres Hamburger Lehrers Bazon Brock mögen Leonore Welzin dazu bewogen haben, Künstlerkolleginnen aus dem Unterland um einen Beitrag zu dem von ihr angedachten Musenalmanach zu bitten. Welzin hatte nach ihrer Ballettausbildung in Stuttgart, ihrem Studium der Kunst, Philosophie und Pädagogik in Hamburg, Forschungsstipendien und fünf Jahren Butoh-Training in Japan und der Geburt ihres Sohnes auch noch nach Jahrzehnten die Aufforderung von Bazon Brock im Ohr: „Musealisiert euch!“. Der 1936 geborene Bazon Brock, eigentlich Jürgen Johannes Hermann Brock, ist als „Denker vom Dienst“, „Künstler ohne Werk“ und Kunsttheoretiker auch deshalb deutschlandweit bekannt geworden, weil er aus dem Stand eine Stunde oder länger über jedes beliebige ihm zugerufene Thema sprechen kann. Den ihm von seinem Gymnasiallehrer zugedachten Namen Bazon hält er für einen Ehrennamen. Er ist aus dem Altgriechischen ›bauzo‹ abgeleitet und heißt der ›Schwätzer‹ (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Bazon_Brock). 

Brocks „Musealisiert euch!“ hat Welzin an die neun Schutzgöttinen der Künste denken lassen, die nach Herodots Theogonie von Göttervater Zeus und Mnemosyne gezeugt worden sind, „um das Böse und das Leiden in der Welt zu besiegen. Sie unterhielten die feiernden Götter mit ihrem Gesang“, wurden dabei von ihrem Lehrer Apollon mit der Lyra begleitet und unterwiesen und inspirierten die Dichter, Musiker und Tänzer (Musen, Geschichte kompakt. In: https://www.geschichte-abitur.de/griechische-mythologie-a-bis-z/musen). Den von Herodot namentlich erinnerten neun Musen (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/Muse_(Mythologie) und https://de.wikipedia.org/wiki/Muse_(Mythologie)#/media/Datei:Muses_sarcophagus_Louvre_MR880.jpg) wurden im Laufe der Zeit sie kennzeichnende Eigenschaften und Attribute zugeschrieben, so Klio die Geschichtsschreibung, Melpomene der Trauergesang und die Tragödie, Terpsichore der Chorgesang und der Tanz, Thalia die ländliche Unterhaltung und die Komödie, Euterpe die lyrische Poesie und das Flötenspiel, Erato die Liebesdichtung, Urania die Astronomie, Polyhymnia die feierliche Musik und der Gesang mit der Leier und Kalliope, der ranghöchsten Muse, die epische Dichtung, die Rhetorik, die Philosophie und die Wissenschaft. 

Welzin deutet in ihrem Musenalmanach zwar an, dass aus den Musen mit Göttinnenstatus Menschen aus Fleisch und Blut wie HA Schults Muse Elke Koschka ❨vergleiche dazu Peter Braun, Eva Wagner, Von der Muse geküsst. Porträts starker Frauen hinter großen Künstlern (Corona Schröter, Caroline Schelling, Camille Claudel, Alma Mahler, Katia Mann, Gala Dalí, Zelda Fitzgerald, Frida Kahlo oder Yoko Ono und andere mehr) ; https://de.wikipedia.org/wiki/HA_Schult und https://inklupedia.de/wiki/Elke_Koska❩, zuweilen Groupies (vergleiche dazu Von Dichtern und Musen –„Durch dich will ich die Welt sehen“. In Cicero. Magazin für politische Kultur: https://www.cicero.de/kultur/durch-dich-will-ich-die-welt-sehen/42511, abgerufen am 6. Oktober 2021) und gelegentlich auch die Namen von Edelbordellen geworden sind (Leonore Welzin im Editorial des Musenalmanachs S. 9). Aber ihr geht es weniger um den unfreiwilligen Abstieg der Musen als um ihre Rehabilitation. Deshalb beruft sich ihr Almanach auf die Musen als Quelle der Inspiration und ordnet der ›Venus‹ eternal Beauty, langfristige Erinnerung und die Verbindung zu den ersten Artefakten der Archaik zu (Musenalmanach S.12 f.). ›Natur‹ wird mit deep learning und der organischen Entwicklung assoziiert (Musenalmanach S.44 f.), ›Hölderlin‹ mit nature writing und poetisch-synästhetischer Wahrnehmung (Musenalmanach S.74 f.), ›Landschaft‹ mit double take, Wasser, Wind und Wetter (Musenalmanach S. 122 f.) und ›Posthumer Ruhm‹ mit fade away – please don’t und dem Beenden (Musenalmanach S.150 f.). Der sechsten Muse werden das Motto ›Konzepte‹ und die Stichworte fair share und neue Narrative zugeschrieben (Musenalmanach S.176 f.), der siebten ›Gesichter‹, kill your darlings und »Schau mir in die Augen, Kleines« (Musenalmanach S. 204 f.), der achten der Name eines der Flüsse des Vergessens in der Unterwelt der griechischen Mythologie ›Lethe‹, die Frage »Wo sind all die Musen hin? Wo sind sie geblieben?«, fade out und Leerstellen (Musenalmanach S.224 f.) und der neunten das umgangssprachliche ›Fisimatenten‹ und die Frage »amused or not amused?« (Musenalmanach S.238 f.). Die Künstlerinnen und Autoren sind den in den neun Kapiteln aufgerufenen Sachgebieten in freier Weise zugeordnet. Bilder, Texte, Zeitungsartikel, Gestaltung und die Farben Rot und Schwarz ergänzen sich kongenial.

Der Buchrücken und die rote Fadenheftung bleiben sichtbar. Die einzelnen Lagen des vornehmen, schlüsselblumengelben 130 g/m2 Munken Pure Designpapiers sind im Buchrücken vernäht und verklebt. Die vierseitigen Deck- und Rückblätter des Umschlags in abgedunkeltem Holländischen Orange verleihen dem Band eine gut zu begreifende Festigkeit zwischen Soft- und Hardcover. Die auf dem Titel und dem Buchrücken abgedruckte Venus von Dolní Věstonice (vergleiche dazu und zum Folgenden https://de.wikipedia.org/wiki/Venus_von_Doln%C3%AD_Věstonice) deutet an, wie sich Menschen 25 –29 000 Jahren vor unserer Zeit im Jungpaläolithikum Frauen vorgestellt haben. Die 11,1 cm hohe, 4,3 cm breite und 2,7 cm dicke Keramikfigur aus Lösslehm und Tierknochenmehl zeigt eine Frau mit einem geraden Kopf mit schrägen Augenschlitzen, großen, hängenden Brüsten, Schultern mit Schlüsselbeinen, Armen, die in Ellbogenhöhe mit dem Körper verschmolzen sind, breiten Hüften, einem prominenten Nabel, einer Rille unter dem Nabel, Speckfalten am Rücken und einer angedeuteten Wirbelsäule, aber keiner Vulva und keinem Venusdreieck wie bei der etwa gleich alten Venus von Willendorf (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Venus_von_Willendorf). In der Druckversion auf dem Umschlag erscheint die Venus von Dolní Věstonice bildnerisch ausgesprochen zurückgenommen und um ihre urzeitliche Kraft gebracht. Man hätte auch ihr die Sichtbarkeit und Präsenz gewünscht, die der Verein Käthchenfrage Kommission e. V. und die Künstlerinnen des Heilbronner Musenalmanachs anstreben.

ham, 6. August 2021

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2020 Helmut A. Müller