Mai 22

New York Painting

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst, Kunsttheorie

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 14. Mai – 30. August 2015 im Kunstmuseum Bonn mit
Texten unter anderem von Christoph Schreier und Richard Shiff und einem Vorwort von Stephan Berg

Kunstmuseum Bonn / Hirmer Verlag, München, ISBN 978-3-7774-2419-4, 192 Seiten, 100
Farbabbildungen, Karton mit Schutzumschlag, Format 32,5 x 24 cm, € 39,90 (D) / 41,10 (A) / GBP 30,00 /
USD 39,95 / CHF 48,70

Der New York School zugerechnete Maler wie Hans Hofmann, Adolph Gottlieb, Willelm de Kooning und
Jackson Pollock haben Anfang der 1940er Jahre in der Auseinandersetzung mit „der europäischen
Bildsprache des Surrealismus, des Kubismus oder einer biomorphen Abstraktion, wie sie Hans Arp betrieb“,
die ab 1946 Abstrakter Expressionismus genannte Bildsprache entwickelt, die „durch Mark Rothko, Clifford
Still, Barnett Newman, Franz Kluge, Helen Frankenthaler, Joan Mitchell oder Ad Reinhardt in sehr
unterschiedliche Richtungen weiter ausdifferenziert“ wurde „und mit Jasper Johns und Robert Rauschenberg
dann bereits ein Bindeglied zur aufkommenden Pop-Art bildete. Philip Guston steht gewissermaßen als
erratischer Block in dieser Landschaft“ und wird zu einem der wichtigen Vorläufer „einer postmodernen
»unreinen« Malerei, auf die sich beispielsweise auch Albert Oehlen oder Christopher Wool berufen“
(Stephan Berg S. 7).

Die in New York Painting gezeigten Tafelbilder von New Yorker Malerinnen und Malern der
Geburtsjahrgänge 1966 bis 1988 knüpfen im weiteren Sinne über die unter anderem durch die neuen Medien
provozierten Ab- und Umbrüche in der Malereigeschichte hinweg an die New York School an. Und es hat
fast den Anschein, „als ob New York auf dem Weg wäre, seinen Ruf als Kapitale der Malerei zu
erneuern“ (Christoph Schreier S. 13). Nach Peter Weibel und Christoph Schreier integrieren die gezeigten
Positionen in der Spur von David Reed die durch Film, Video und Computer geschaffenen konkurrierenden
medialen Doppelgänger und erneuern so die Gattung Malerei. „Vieles scheint […] darauf hinzudeuten, dass
die Akzeptanz von neuen Materialien und technischen Innovationen, letztlich die Hybridisierung des
Tafelbilds – das vermehrt am Computer vorbereitet wird – zu einer Überlebensformel für die Gattung werden
könnte […]. Für die Generation der aktuellen Dreißig- bis Fünfundvierzigjährigen sind Pinsel und Leinwand
nur noch ein – oft finalisierendes – Gestaltungsmittel unter anderen und auch inhaltlich hat man Abschied
genommen von den klaren gestalterischen Fluchtpunkten, die in der Vergangenheit eine grobe
Klassifizierung der künstlerischen Haltung ermöglichten“ (Christoph Schreier S. 13).

So sammelt der 1988 in Chesapeake, VA, geborene und heute in Germantown, New York lebende und
arbeitende Ross Iannatti gebrauchte Airbags von Schrottplätzen und näht sie mitsamt ihren während der
Lagerung in den Armaturen-Boxen und bei Unfällen entstandenen Gebrauchsspuren zusammen. Die
Gebrauchsspuren wirken wie abstrakte Monotypien. „Iannattis Werk komprimiert Action-Painting,
Performance-Relikte und Skulptur in ein Readymade“ (Rose Marcus S. 115). Der 1982 in Boston, MA
geborene und heute in Brooklyn, New York lebende und arbeitende Ned Vena überklebt stählerne
Brandschutztüren mit Vinylfolien und erzeugt dabei Moiré-Effekte. „Die Tür-Gemälde sind mit den Angeln
an der Wand eingehängt, wobei die Unterkante jeweils mit dem Boden abschließt, so als bedeckten sie einen
Durchgang zwischen zwei Räumen. Sie hängen jedoch in Reihen, nutzen also die vertraute Grammatik einer
Gemäldeausstellung und lassen zugleich an eine Abfolge virtueller Zugänge denken“ (Andrea Neustein S.
163). Die 1967 in Chicago, IL, geborene und heute in Chinatown lebende Ruth Root nutzt Aluminium als
Bildträger und arrangiert ihre Bilder wie Frank Stella und Ellsworth Kelly in Farbfeldern. „Sie verwirft
jedoch den strengen Minimalismus und Konzeptualismus ihrer Vorläufer zu Gunsten einer neuen Freiheit. Im
Vordergrund steht dabei das sich gegenseitig bedingende Spiel von Fläche und Form. Die unregelmäßigen
Konturen der Gemälde mit ihren abgerundeten Ecken und Kanten beziehen sich auf die Zusammenstellung
der Farbflächen innerhalb der Komposition und vice versa. Da die Statik einer konventionell behandelten
Leinwand eine solche Variation nicht erlaubt, greift Root auf zugeschnittene Aluminiumplatten
zurück“ (Anna Czerlitzki S. 139). Der 1966 in Dallas, TX, geborene und heute in Marfa, TX und Brooklyn,
New York lebende und arbeitende Jeff Elrod verwischt in seinen gegenstandslosen Kompositionen mithilfe
von Bearbeitungssoftware wie etwa Adope Illustrator, Freehand und gelegentlich auch Photoshop gezielt die
Grenze „zwischen dem Digitalen und Analogen“ und macht es dadurch möglich, „beide Welten in Relation
zueinander zu betrachten. In diesem Moment wird die Kraft und ungebrochene Aktualität der Malerei
evident: Zwei komplexe Sachverhalte, die sich ihrem Wesen nach antagonistisch gegenüber stehen, können
hier zeitgleich existieren. Im Gemälde befinden sie sich in einem zeitlosen und doch materiell im Hier und
Jetzt des Betrachters verankerten und damit fassbaren Dialog“ (Anna Czerlitzki S. 91).

ham, 21. Mai 2016

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