Tropen, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-608-50307-4,139 Seiten, broschiert, Leinenüberzug, Format 19,4 × 12 cm, € 14,95.-

Nicole Zepter geht in ihrer Polemik „Kunst hassen“ von der Grundannahme aus, dass, wer Kunst liebt, Kunst auch hassen darf. Dazu kommt die Vorstellung, dass man Kunst und das System, das sie trägt, unterscheiden sollte. Beide Annahmen sollten zumindest diskutiert, möglicherweise relativiert und vielleicht auch verworfen werden. Ob man sie teilt oder verwirft, liegt letztlich an der Kraft der für und gegen diese Grundannahmen ins Feld geführten Argumente.
Dass, wer Kunst liebt, Kunst hassen darf, könnte die Folge einer enttäuschten Liebe sein und sich dem Liebeshass verdanken. Letzterer wirkt sich zumindest in zwischenmenschlichen Beziehungen zerstörerisch aus. Um Bildersturm und Kunstzerstörung geht es Zepter aber gerade nicht. Ihr Ausgangs- und Bezugspunkt ist die Verlogenheit, die das System Kunst zusammenhält. Diese Verlogenheit will sie aufbrechen. „Kunst muss mutig sein, um gut zu werden. Sie muss alles riskieren und spielen, um alles wieder verlieren zu können. Kunst muss falsch sein dürfen. Doch wie kann sie das, wenn es falsch nicht gibt? Die Kunst steckt fest in einem tiefen sakralen Horror, gefangen im Irrglauben an das Genie und den Wahnsinn, festgefahren in musealer Architektur und sehr vielen White Cubes. Kunst maskiert einen kulturellen Wandel, sie maskiert heute einen Stillstand, einen Markt und lauter Albernheiten. In den meisten Ausstellungen überfällt einen deshalb nicht mehr Begeisterung, sondern stille, diskrete Scham. Langweilige, sich wiederholende Ideen, Kopien von Kopien, zusammengezimmerte Installationen, gekrönt von Textbeschreibungen, die so schlecht sind, dass sie eigentlich schon wieder das Beste an der ganzen Ausstellung sein könnten“ (Nicole Zepter).
Zepters Argumentation läuft darauf hinaus, dass Kunst immer dann Gefahr läuft, belanglos zu werden, wenn sie ihre Eigenständigkeit verliert. Dazu trägt für sie unter anderem der Kunstmarkt bei, der kein anderes Kriterium mehr kennt als das Geld. Weiter das hierarchisch organisierte System, die fehlende Kunstkritik, der Geniekult, der ins Ungefähre verdampfte Kunstbegriff und das Tabu, Kunst auch einmal ablehnen zu können. Ihr Gegenmittel ist Ehrlichkeit und die Selbstermächtigung der Betrachter, die sich ihr eigenes Urteil zutrauen und erlauben. „ Kunst braucht Ehrlichkeit… Kunst hassen ist eine Annäherung. Eine Ablehnung, die zu einer Auseinandersetzung führt. Es ist eine Chance, die Dinge niederzureißen, um neu zu beginnen. Denn wir brauchen die Kunst, Kunst braucht uns. Wenn Kunst sich schon nicht als Gegenmacht zeigt, dann zeigen sich die Betrachter jetzt als Gegenmacht zur Kunstwelt“ (Nicole Zepter).
ham,4.8.2014

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