Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2017, ISBN 978-3-412-50897-5, 440 Seiten, Hardcover gebunden mit
Lesebändchen und Schutzumschlag, Format 23,5 x 16,5 cm, € 29,99

In Kulturen und Religionen sind eine Vielzahl von Seelenvorstellungen auszumachen, die sich selten unter
einem gemeinsamen Oberbegriff zusammenfassen lassen. Nur wenige kennen Geistseelen im Sinne der
griechisch-christlich-abendländischen Tradition, die dort für den Kern der Persönlichkeit stehen. Die
»freischwebenden Außenseelen« im alten Ägypten kommen ohne jede Bindung an personale Träger aus und
bilden eine eigene »Daseinsklasse«. Deshalb engt jede Konzentration auf den Ursprung und das Schicksal
der, wenn nicht unsterblichen, so doch an den Körper gebundenen Seele den Blick auf die Seelen unzulässig
ein. Wenn man „Seele als Prinzip wahrnehmbarer oder als kulturell für wahrnehmbar gehaltener
Lebensäußerungen versteht“, ist diese Einschränkung obsolet (vergleiche dazu Karl Hoheisel, Seele, I.
Religionswissenschaftlich, religionsgeschichtlich. 1. Phänomenologisch. In: RGG, vierte Auflage Band 7 R–
S, Tübingen 2004, Sp. 1090 f.).

Die Schriften des Neuen Testaments kennen noch keine übergreifende Vorstellung von der Seele. Das Wort
psyché, das griechische Äquivalent des deutschen Wortes Seele, kommt zwar, je nach Zählung, 101 oder 103
mal vor; aber es ist weder zentral noch Gegenstand einer eigenständigen Lehre. Im Neuen Testament
erscheint sie als Sitz des Lebens oder das Leben selbst: „… wer sein Leben erhalten will, der wird’s
verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen …, der wird’s erhalten“ (Markus 8, 35). Psyché
umfasst das ganze natürliche Sein und Leben des Menschen, um das er sich kümmert: „Darum sage ich euch:
Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr
anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“ (Matthäus
6, 25). Leben (psyché) und Leib (soma) sind Gottes Werk. Darum sind sie mehr als Nahrung und Kleidung.
Man soll aber das eigene Leben nach dem Vorbild Jesu für andere riskieren: „Ich bin der gute Hirte. Der gute
Hirte lässt seine psyché für die Schafe“ (Johannes 10,11). Psyché kann auch die eigene Verwandtschaft
(Apostelgeschichte 7,14), jedermann (Apostelgeschichte 2,43), das Ich, die Person und die Persönlichkeit mit
den verschiedenen Kräften der Seele meinen (Matthäus 11, 29; 26, 28). In 1. Thessalonicher 5, 23 werden
nicht Seele und Leib, sondern Geist, Seele und Leib nebeneinander geordnet und der Geist über die Seele
gestellt. Neue Bibelübersetzungen geben psyché nicht mehr mit Seele wieder, „sondern mit ›Leben‹,
›Mensch‹ oder einem Personalpronomen […], was sachlich dem alttestamtentlich-jüdischen Sprachgebrauch
entspricht“ (Jean Zumstein, Seele, III. Christentum. 1. Neues Testament, a. a. O. Sp. 1100). Schon diese
wenigen Hinweise deuten an, dass sich auf eine Herkulesaufgabe einlässt, wer eine Kulturgeschichte der
Seele schreiben will.

Ole Martin Høystad war sich der Größe der Herausforderung bewusst, als er seine interdisziplinär und
interkulturell angelegte Kulturgeschichte der Seele konzipiert hat. Sein Drang, im Dialog mit den
repräsentativsten Quellen zu klären, warum die Seele trotz aller Um- und Abbrüche und Neudefinitionen
zum Kern des Menschenbildes gehört, hat ihm sein Vorhaben ermöglicht. Bisher ist die Seele in aller Regel
in Disziplinen wie der Theologie, Psychologie, Philosophie und auch ideengeschichtlich verhandelt worden.
„Mein Ziel war es hingegen, eine ganzheitliche und zusammenhängende Darstellung der Seele zu geben, wie
sie in einer Kultur aufgefasst wird. Dazu gehören auch literarische Werke aus dem Kanon dieser Kultur […].
Meine Absicht war, nicht nur eine Geschichte wiederzugeben, sondern die historischen Quellen hier und jetzt
zum Sprechen zu bringen, damit sie uns zeigen, welche Bedeutung die Seele noch immer für uns hat, auch in
einer Zeit, in der sie im Westen scheinbar tabu wird, auch im religiösen Zusammenhang“ (Ole Martin
Høystad S. 9f.).

Nach dem Durchgang durch die Zeugnisse der Vergangenheit erklärt Høystad die Seele zum persönlichen
Palimpsest und zur Erfindung. „Dies gilt unabhängig davon, ob sie als angeboren oder als künstlich gebildet
definiert wird. Und es bedeutet, dass sie immer wieder neu erfunden und in das gegenwärtige Menschenbild
integriert werden kann. Dass sie jederzeit und für jeden neu erfunden werden muss. Sie ist geschaffen, um
das Bedürfnis zu erfüllen, den Menschen so zu formen, wie man glaubt, dass er sein soll. Auf dieser
Grundlage schufen die Griechen eine Philosophie über das Wesen des Menschen, eine Anthropologie, in
welche die Seele zusammen mit dem Körper (soma) als ein Hauptbestandteil eingeht. […]. Damit wird die
Seele auch ein philosophischer und theoretischer Begriff […]. Wir schaffen Begriffe darüber, was ein
Mensch ist, um die Kräfte, die uns bewegen, […] in den Griff zu bekommen. Deshalb wird es eine Frage der
Definition, was die Seele ist. So bekommt diese etwas Intentionales, sie drückt aus […], woran wir glauben
und was wir mit unserem Leben wollen“ (Ole Martin Høystad S. 419 f.):

In Homers Dichtung gab die psyche Antwort auf die Frage, was mit den Menschen passiert, wenn er stirbt.
Körper (soma) und Seele werden im Augenblick des Todes getrennt. Die psyche verlässt die sterbliche Hülle
als Atemzug. „Im Tod manifestiert sich die Seele als Schatten des Selbst, des autos, das mit dem Körper
identisch ist. Dieses Verhältnis wird bei Platon auf den Kopf gestellt, der die Psyche zum Selbst der Person
macht und zum Träger der Vernunft, des einzig dauerhaften Wertes“ (Ole Martin Høystad S. 420). Für Platon
war der Körper das Grab der Seele. Erst durch den Tod wird sie aus diesem Grab befreit. Sie ist unsterblich,
weil mit der Ideenwelt der Vernunft verwandt, und unvergänglich, weil göttlicher Herkunft. „Deshalb
müssen wir uns Sokrates zufolge um die Seele sorgen, und zwar in Form von Selbsterkenntnis, ein
Programm, das in der westlichen Kultur zum Kern des Menschenbildes wird und es bis weit in die Moderne
bleibt“ (Ole Martin Høystad a. a. O.).

Am Beginn des christlichen Mittelalters wurde die Seele zu einem Gegenstand des Glaubens. Nach der
kritischen Auseinandersetzung vor allem mit der stoischen Philosophie und mit Platon galt sie als angeboren,
gottgegeben und ewig. Sie überlebt den Tod, je nach Verdienst und Glauben im Himmel oder in der Hölle.
„Sie gibt Antwort auf die Frage, wie das menschliche Leben beschaffen sein muß, damit Gott ihm begegnen
und es seinerseits sich Gott zuwenden kann“ und beschreibt die Bestimmung der menschlichen
Geschöpflichkeit (Christian Link, Seele, III. Christentum. 3. Systematisch-theologisch. In RGG, vierte
Auflage, a. a. O. Sp. 1103). Für die weitere Entwicklung des Seelenbegriffs werden die Confessiones des
Augustinus zentral. „Alle Wegweiser in Augustinus’ Reflexionen zeigen nach innen, auf die Seele, und von
dort nach oben, in Richtung des Göttlichen […]. Die Reise zu Gott verläuft über die Seele, die sowohl
Subjekt als auch Objekt der Seelenreise und der Selbstreflexion wird. Augustinus etabliert die
Verinnerlichung oder Introversion, die bei Platon begonnen hat. Das Innere des Menschen, seine Seele –
anima oder mens – ist ein eigenes Universum. Es ist eine Parallele zu Platons universeller Vernunft, aber
auch irrational und bisweilen betrügerisch oder selbstbetrügerisch […]. Neben einem neuen Verständnis des
inneren Seelenlebens ist der Wille Augustinus’ zweiter anthropologische Beitrag. Mit dem freien Willen will
er die Frage beantworten, die viel später als Theodizee bekannt wurde“ (Ole Martin Høystad S. 87 f.).

Dass die Seele auch überlebt, wenn sie nicht an religiöse Vorstellungen gebunden ist, hat schon Aristoteles
gezeigt. Bei ihm war sie Form- und Lebensprinzip, das der Natur mit ihren Organismen, Pflanzen und Tieren
Leben gibt und sie beseelt. Thomas von Aquin hat ebenso auf Aristoteles zurückgegriffen wie Baruch
Spinoza mit seinem Pantheismus und „später auch die Romantik. Beide Richtungen haben die ökologische
Bewegung unserer Zeit inspiriert. Die Biologie kommt jedoch ohne eine beseelte Natur aus, um das
organische Leben zu erklären. Mit Darwins Evolutionstheorie fiel auch die Idee des fix und
fertig erschaffenen Menschen mit göttlicher Seele ein für alle Mal. Durch die Idee einer beseelten Natur […]
umfasst auch das Erlebnis, einer größeren geistigen Entität anzugehören, in der Kräfte walten, die der
Mensch aus seinem eigenen Inneren und seiner Erkenntnisfähigkeit kennt“ (Ole Martin Høystad S.421 f.).

Bei Sigmund Freud ist die „Seele zur Psyche“ im modernen Sinn geworden, „von einer religiösen und
philosophischen zu einer psychologisch verstandenen Seele“ und „zum Symptom der Persönlichkeit,
seelischer Leiden, der Angst, von Depressionen und Neurosen […]. Hume und Kant waren der Meinung, die
Psychologie solle zur grundlegenden Wissenschaft vom Menschen werden. Das ist eingetroffen, aber nach
anderen, beinahe pathologischen Prämissen. Immer mehr Menschen leiden unter psychischen Krankheiten
[…]. So gesehen ist die Psyche mindestens so sehr ein Symptom der Gesellschaft und ihrer Randgruppen
geworden wie ein Symbol des freien und autonomen Menschensinns, den Hume und Kant im Sinn hatten
[…]. Früher war die Vorstellung verbreitet, dass Gottes Schrift sich in die Herzen der Menschen als Sitz der
Seele eingraviert hat. Aber nicht Gott hat die Seele beschrieben. Es sind die Schrift der Menschen und viele
Geschichten über die Seele mit ihren Bildern und Symbolen, die unser Inneres erschaffen und geformt haben
[…]. Die Seele existiert nur, solange wir Wörter, Begriffe und Bilder für sie haben […]. Die Seele ist […] ein
Gegenstand der Konstruktion, der persönlichen und kulturellen Bildung. Niemand muss beweisen, dass es
den Körper gibt […]. Dass wir einen Verstand haben […], bezweifelt auch keiner […]. Aber die Frage, ob
wir eine Seele haben, ist Gegenstand einer anderen Art des Denkens und der Begründung. Denn die Seele ist
eine individuelle und persönliche Größe. Sie umfasst das gesamte komplexe Innere, das Shakespeare in
seinen Dramen schildert, die widerstreitenden Gefühle und unklaren Motive, die kierkegaardsche Angst,
Kafkas Leiden und Goethes Streben. Im Strom der Zeit und des Bewusstseins sucht sie aktiv ihren Eingang
und Ausgang in Übereinstimmung mit […] ihrem mystischen Ziel der Auflösung im All oder im Nichts oder
in der Einheit. Nicht nur Buddhisten wollen alles loswerden, was die Seele belastet und sie bei ihrem letzten
Essay behindert, dem Versuch (wie Montaigne sagt), sie aufzulösen und der Langeweile der Ewigkeit und
dem Leiden zu entkommen. Muslime und Christen haben die Einheit mit Gott als Endziel […]. Die Seele ist
eine Antwort auf das Mysterium des Todes“ (Ole Martin Høystad S. 424 ff.)

ham, 25. November 2017

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