C.H. Beck, München, 2016, ISBN 978-3-406-69688-6, 1036 Seiten, 42 schwarzweiße Abbildungen,
Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, € 34,95 (D) / € 36,00 (A)

Wer bei Google »Sigmund Freud« eingibt, stößt auf 15.300.000 Ergebnisse; unter »Biographien von
Sigmund Freud« werden 263.000 Einträge angegeben. Deshalb kann man sich fragen, warum der 1960 in
Berlin geborene und dort an der Freien Universität Neuere deutsche Literaturgeschichte lehrende Germanist
Peter-André Alt eine weitere Freud-Biografie mit über 1000 Seiten erarbeitet hat. Alt verweist in seinem
Vorwort auf das in der Berggasse 19 Wien in annähernd 50 Jahren zwischen 1891 und 1938 hinter der Couch
angehäufte und dechiffrierte Wissen „über das Unbewusste – über Traum und Sexualität, die Kulturleistungen
der Sublimierung, die krankheitsbildende Macht der Verdrängung und die Ursprünge des moralischen
Kontrollsystems, über Angst und Wahn, Neurosen und Ich-Spaltung, über die Spannung zwischen Ratio und
Libido, zwischen Lebens- und Todestrieb“ und damit auf die „innere Geschichte der Psychoanalyse mit ihren
zahlreichen Widerständen, Durchbrüchen und Triumphen“ (Peter-André Alt S. 14). Für Alt bleibt diese
zunächst einsame und heute in einigen Punkten historisch überholte neue Wissenschaft von der Seele trotz
ihrer Irrtümer, Fehleinschätzungen und Dogmen eine nicht zu leugnende kulturhistorische Leistung. Sie war
und ist für ihn ein Moment und Motor der Moderne und ein Instrument ihrer Deutung. „In dieser Doppelrolle
blieb sie typisch für das 20. Jahrhundert, das sich in Selbstauslegungen kommentiert und vollzieht. Und in
dieser Funktion ist sie wegweisend auch für die Postmoderne, in der Psychologie zur Universalwissenschaft
wurde, die Ökonomie und Kultur, Medizin und Medien, Recht und Politik, nicht zuletzt das Sprechen des
Menschen über sich selbst, seine Ich-Entwürfe und Rollenmuster wie keine andere Disziplin beherrscht. Die
Psychoanalyse bildet nicht allein die Wissenschaft der Ich-Erforschung, sondern zugleich ein System der
verschlungenen Verbindungen und verwirrenden Spiegelungen, dessen labyrinthische Anordnung als Symbol
unserer Zeit erscheinen kann. Deren Drang zur Selbsterkundung, zur Untersuchung verborgener Spuren und
Zeichen, ihre Lust an der Entlarvung fand in Freuds Lehre eine modellhafte Struktur“ (Peter-André Alt S.
15).

In Alts Perspektive erscheint Freud als lange Jahre vergeblich nach Anerkennung suchender
Grundlagenwissenschaftler und als ein um seine Grenzen als empirisch forschender Neuroanatom und als
klinischer Praktiker wissender Arzt, als hochbegabter Theoretiker und Eroberer der Seele und ihres Apparats,
als jüdischer Atheist und leidenschaftlicher Familienvater, als eminent gebildeter Leser und großer
Schriftsteller, als seine sexuellen Bedürfnisse weitgehend sublimierender Asket, als seelisch Zerrissener, der
die Nöte der Seele aus eigener Erfahrung kennt und nicht zuletzt als Eiferer und Dogmatiker, der sein Erbe
ausbauen, sichern und gegen alle Widerstände und Gegner kühl und rigoros verteidigen wollte. Dass Freud
die Masturbation und den Coitus interruptus als Quellen von Neurosen ansah, hebt Alt mehrere Male fast
ungläubig hervor. „Das Gebot der Monogamie und der Verzicht auf das weite Spektrum dessen, was Ende
des 19. Jahrhunderts als ›pervers‹ galt, gehörte für Freud zum Programm einer gesunden Sexualität, dem er
sich unterwarf. Das schloß in späteren Jahren wissenschaftliche Toleranz gegenüber anderen Formen
erotischer Praxis ein, bedeutete aber für ihn persönlich ein striktes Lebensprinzip, das er nicht
durchbrach“ (Peter-André Alt S. 122).

Die in seiner Zeit in höheren Kreisen bei jungen Männern üblichen Bordellbesuche und erotischen Abenteuer
mit Dienstmädchen lehnte er ab. Freud blieb ein Leben lang davon überzeugt, „daß Geschlechtsverkehr
primär durch die Erzeugung von Nachwuchs gerechtfertigt sei. Auch in der Ehe konnte, so glaubte er, ein
befriedigender Koitus nur möglich sein, wenn das Paar den Wunsch nach Kindern hegte. Jede Art der
Empfängnisverhütung sei triebhemmend und lustmindernd“ (Peter-André Alt S. 121). In seiner
Verlobungszeit und nach der Geburt seiner jüngsten Tochter Anna hat Freud deshalb, wenn man Alt folgt,
konsequent enthaltsam gelebt. Auch mit Minna, seiner „Schattenfrau“ und Schwägerin, soll er trotz
gemeinsamer Übernachtungen im Doppelzimmer auf ausgedehnte Reisen keine sexuelle Beziehung gehabt
haben. „Der Verzicht auf erotische Aktivität blieb nicht nur Last, sondern eröffnete auch Chancen für geistige
Wirksamkeit. In seiner 1908 veröffentlichten Studie Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne
Nervosität bemerkte Freud: »Ein abstinenter Künstler ist kaum recht möglich, ein abstinenter Gelehrter
gewiss keine Seltenheit«. Ungewöhnlich pointiert beschrieb Freud am 29. August 1883 in einen Brief an
[seine Verlobte] Martha das, was er künftig ›Sublimierung‹ nennen sollte, als Privileg der gebildeten Klasse:
»Das Gesindel lebt sich aus und wir entbehren […], um unsere Integrität zu erhalten, wir sparen mit unserer
Gesundheit, unserer Genußfähigkeit, unseren Erregungen, wir heben uns für etwas auf, wissen selbst nicht
für was – und diese Gewohnheit der beständigen Unterdrückung natürlicher Triebe gibt uns den Charakter
der Verfeinerung.«“ (Peter-André Alt / Sigmund Freud a. a. O.). Seine eigentliche Lust und Droge war nach
Jahren des Konsums von Kokain die von bis zu 25 Havannas am Tag begleitete wissenschaftliche Arbeit.

In deren Zentrum stand die Dunkelkammer des Traums und seiner Dechiffrierung als dem Königsweg zum
Unbewussten im Seelenleben. Anders als heutige evolutionsbiologische Modelle, die in Träumen eine
Überlebensstrategie zu sehen versuchen und anders als in Modellen, die Träume als Abfallprodukte der
nächtlichen Hirntätigkeit verstehen, sieht Freud den Sinn des Traums in der Wunscherfüllung. In Träumen
manifestieren sich nach Freud aktuelle sowie aus der Kindheit stammende Wünsche, die sich häufig in
verschlüsselter Form zeigen. Freud hat die schon bei dem protestantischen Theologen Friedrich Wilhelm
Hildebrandt formulierte Vorstellung, dass Träume nicht ohne „Wunsch, Gelüst oder Regung“ der Seele zu
denken sind, zu einem methodischen Universalprinzip ausgebaut. „Gestützt wurde es durch die
Unterscheidung zwischen manifestem und latentem Trauminhalt, die Differenz von oberflächlichen
Traumthemen und dem, was Freud ‹Traumgedanke› nannte. Diese Differenz war von großem Gewicht für
die Psychoanalyse, für ihre Vorstellung von Sichtbarkeit und Abwesenheit, Manifestation und Latenz […].
Jedes Traummotiv hat einen längeren Prozess durchlaufen, der seine ursprüngliche Bedeutung verändert. Die
direkte, zunächst naheliegende Aussage täuschte, denn was das Motiv bezeichnet, erschloss sich allein der
Analyse seiner Bearbeitungsstufen. Freud entdeckte über den Traum den Unterschied zwischen Oberfläche
und Tiefenstruktur, der den seelischen Apparat bestimmt.

Damit trat das in den Blick, was er erstmals in einem Brief […] vom 2. April 1896 «metapsychologische
Fragen» nannte: die Möglichkeit, eine übergreifende Perspektive für die Untersuchung der seelischen
Organisation zu gewinnen. Die Erkenntnis, daß Äußeres und Inneres im psychischen System keine Einheit
bilden, blieb in den kommenden Jahrzehnten leitend für Freuds Wissenschaft vom Menschen. Nicht die
vordergründigen Eindrücke, sondern dessen Tiefenschichten bergen die Wahrheit. Für den Analytiker war es
deshalb unabdingbar, daß er den äußeren Zeichen misstraute und detektivisch dem nachspürte, was hinter
den Erscheinungen lag“ (Peter-André Alt S. 275). Mit seiner 1899 erschienen und auf das Jahr 1900
vordatierten Traumdeutung „legte Freud ein Werk vor, aus dem sich sämtliche weiteren Elemente seiner
Theorie folgerichtig ergaben. Das Unbewusste und die Wunschökonomie, die Aktivität der Triebe, die
infantile Sexualität, die Rolle der Libido und des ödipalen Inzestwunsches, Vergessen und Erinnern als
Reflexe psychischer Arbeit, die sprachliche Leistungen des Traums […]. Im Sommer 1932 schrieb er
resümierend: »Die Traumlehre ist seither auch das Kennzeichnendste und Eigentümlichste der jungen
Wissenschaft geblieben, etwas, wozu es kein Gegenstück in unserem sonstigen Wissen gibt, ein Stück
Neuland, dem Volksglauben und der Mystik abgewonnen«“ (Peter-André Alt / Sigmund Freud S. 288).
Um 1912 hat Freud seine Sexualtheorie im engeren Sinne abgeschlossen. „In späteren Jahren folgten Studien
zum Triebbegriff (1915), zur Homosexualität (1918) und zum Fetischismus (1927), die aber am Kern der
Lehre nichts mehr änderten. Mit der Entdeckung der frühkindlichen Sexualität, der psychodynamischen
Beschreibungen der Libido, der an der Neurosenforschung ausgerichteten Kausalitätstheorie und dem
Leitgedanken der Verdrängung lagen die Bausteine fest, von denen Freud fortan ausging, um die in der
Sexualität manifeste Macht des Unbewußten an ihren kulturprägenden Konsequenzen zu überprüfen“ (Peter-
André Alt S. 341).

Der zweite Teil der Studie beschäftigen sich dann auch unter anderem mit seiner weit ausgreifenden und
heftig umstrittenen Vorstellung eines dem Lebenstrieb entgegengesetzten Todestrieb, seiner 1923 erstmals
formulieren Triade von Ich, Es und Überich und seiner 1939 in seinem Todesjahr in London
herausgegebenen letzten Schrift Der Mann Moses und die monotheistischen Religionen. Dazu kommen
Kapitel über seinen Mittwochskreis, seine Schüler und die Verbreitung seiner Lehre, seine Rückbesinnung
auf seine jüdische Identität, seine Krebskrankheit, sein Londoner Exil, sein Vermächtnis Abriß der
Psychoanalyse und seinen Tod. Alt zeichnet Freud als einen sich nahezu ein ganzes Leben lang bis an die
Grenzen der eigenen physischen und psychischen Möglichkeiten fordernden Arbeiter, der die von der
wissenschaftlichen Community erwartete Anerkennung zu Lebzeiten nie wirklich erhielt. Mit seinem
„Beichtstuhl hinter der Couch“ hat er Neuland betreten und ist damit für viele Kollegen zum Außenseiter
geworden. Unter anderem deshalb konnten er und seine Familie in den ersten Jahren der Selbständigkeit nur
überleben, weil ihn einige wenige reiche Wegbegleiter und Freunde nicht nur mental, sondern auch handfest
materiell und finanziell unterstützt haben. Wer Freud und sein Werk noch nicht kennt, wird Alts kaum eine
Frage offen lassende Studie trotz diverser Längen mit großem Gewinn lesen.

ham, 23. November 2106

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