Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, 2011, ISBN 978-3-85881-331-2, 294 S., ca. 35
Farbabbildungen, Leinen gebunden mit Schutzumschlag, Format 24,5 x 16 cm, € 50 / SFR 59,–
Der 1931 in Rumänien geborene und heute in Basel lebende Peter F. Althaus war von 1959 bis 1968
Leiter des Kunstmuseums Luzern und von 1968 – 1973 Direktor der Kunsthalle Basel. Seit 1956 war
Althaus auch als Kunstkritiker tätig und von 1964 bis 1986 Chefredakteur der Kunstnachrichten.
Schließlich war er von 1973 bis zu seiner Pensionierung Dozent an der Architekturabteilung der
Ingenieurschule Basel. Sein zu seinem 80. Geburtstag erschienener Rückblick auf seinen lebenslangen
Umgang mit Kunst versteht er als Fazit eines Kunstbegeisterten, der in der Kunst einen Lebensbereich
gefunden hat, der ihm „so etwas wie eine Integration und Verdichtung der vielen, sehr grundsätzlich
verschiedenen Weltanschauungs- und Handlungsmöglichkeiten“, einen synchron sinnlichen und
rationalen Umgang in und mit der Welt der Empfindungen, Assoziationen und Träume einerseits mit
jener der „gesellschaftlichen Spielregeln, Kulturtechniken, Wissenschaften, also mit den
Konventionen (Übereinkünften, Traditionen u.Ä.) andererseits erlaubte“ (Peter F. Althaus). Dass
dieser Rückblick der nächsten Generation und den eigenen Kindern die eigene Lebensplanung
erleichtern soll, hält er für nur natürlich.
Für den ferner stehenden Leser ist diese persönliche Blick auf die Kunst des 20. Jahrhundert auch
deshalb interessant, weil er die Relativität der authentisch verbürgten Wichtigkeiten eines Lebens
offenkundig macht und weil er offenlegt, dass keiner die Welt neu erfindet und dass sie auch nach ihm
weitergehen wird. In der Diktion von Althaus drückt sich diese Einsicht unter anderem wie folgt aus:
„Ich vermeide es – so gut das überhaupt geht! –, bei meinem Reden und Schreiben irgendwelche
allgemeingültigen Normen anzuwenden… Das heißt aber nicht, dass ich für mich nicht sehr eindeutig
entscheide, was mir gefällt, was mich betrifft, was mich beglückt; und ich möchte andere dazu
ermuntern, das auch für ihre eigenen Bedürfnisse möglichst unbefangen zu entscheiden. Wenn wir uns
gegenseitig in unseren Seh- und Denkweisen unterstützen, vielleicht relativieren oder bestätigen, kann
daraus ein fruchtbarer Austausch, ein persönlicher – auch existenzieller – Gewinn entstehen. Natürlich
kommen innerhalb der subjektiven Wahrnehmung noch genügend zeitbedingte Konventionen ins
Spiel, denen ich mich nicht entziehen kann, die ich aber immer wieder überprüfen sollte…. Gibt es im
Bereich der Kunst keine Wahrheit, keine Sicherheit? Dafür gibt es in fast allen Bereichen kulturellund
zeitbedingte Konventionen, auf die wir uns beziehen können, die unserer Kommunikation
Referenzen anbieten und mit denen wir leben. Ich meine: Die Wahrheit ist uns Menschen nicht
zugänglich, wir müssen uns auf praktikable Hilfswahrheiten, eben auf Konventionen, einigen. Wenn
… das Gefühl für Hass oder Wut in mir aufsteigen kann, dann nur dem gegenüber, der behauptet, die
einzige Wahrheit zu kennen und auch in sozialen Beziehungen danach handeln zu dürfen. Für mich ist
jede …intolerante Ideologie… ausgeschlossen. Da kommt mir die Gretchenfrage in den Sinn: >>Wie
hältst du es mit der Religion?<< … Meine Antwort auf diese Frage ist hilflos; sicher ist nur, dass kein
Mensch wie der andere ist, aber auch, dass sich keiner als lebenswerter – und damit ernster zu
nehmend – als ein anderer bezeichnen darf…. Ich habe mir schon vor langer Zeit ein eigenes Bild
vom Leben vor der Geburt und nach dem Sterben gemacht: Da sind in unserem Erfassensraum
unendlich viele Partikelchen, die sich gelegentlich zu einem Klumpen vereinen, zu einem Wesen auf
Zeit werden, in diesem Raum schwebend Herumrudern und herumgespült werden, sich vielleicht mit
anderen vereinen und schließlich wieder auflösen. Das hat nichts mit Wissenschaft, mit Religiosität,
mit Weisheit zu tun; mir gefällt das Bild, weil man damit spielen kann. Wir leben wohl in der gleichen
Welt, aber jeder in seiner eigenen Wirklichkeit, in einem eigenen Wahrnehmungsfeld. Keiner hat die
Möglichkeit, seine Wirklichkeit über die eines anderen zu stellen. Aber in allem haben wir unsere
eigenste Beschränktheit, unsere eigenen Vorstellungsgrenzen und Reichweiten. Und an den
gegenseitigen Kontaktstellen müssen wir uns eben mittels Konventionen auf gemeinsame Bilder
einigen, damit niemandem Schaden entsteht und jeder seine eigene Wirklichkeit erleben und vielleicht
allmählich ausfüllen kann. (Die Natur, das Leben, der Weltatem, Gott, Allah, Buddha …) Offenbar
leben wir längst nicht mehr im Paradies…“ (Peter F. Althaus).
Die hier konstatierte Relativität wird unter anderem auch in den von Althaus für wichtig gehaltenen
Kunstwerken deutlich. Von den in den Band integrierten Bildern von 19 Künstlern aus Althaus‘
eigener Sammlung sind dem Rezenzenten nur die Künstler Dieter Roth, Meret Oppenheim, Hans
Josephsohn und Pierre Alechinsky bekannt. Wer von ihnen noch in 50 Jahren bekannt sein wird, ist
offen.
(ham)

Download: Peter F. Althaus: Vom Wandeln in der Kunst des 20. Jahrhunderts

 

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