Aus dem Englischen von Thomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt

Theiss Verlag / WBG, Darmstadt, 2017, ISBN 978-3-8062-3628-6, 1144 Seiten, 40 Farbabbildungen, zwei
Karten, 25 Schlachtpläne, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, gebunden, Format 23,3 x 16,3
cm, € 49,95 (D)

Wenn am 23. Mai 2018 an den Prager Fenstersturz von 1618 und damit an den Beginn des Dreißigjährigen
Krieges erinnert wird, werden die rund sechs bis acht Millionen Toten im damaligen Deutschen Reich mit
den vielleicht 17,9 Millionen Toten des Ersten und den mindestens 55 Millionen Toten des Zweiten
Weltkriegs verglichen werden. Der britische Historiker und derzeitige Inhaber des Chichele-Lehrstuhls für
Kriegsgeschichte am All Souls College der University of Oxford geht in seiner monumentalen Darstellung
der Hintergründe, des Verlaufs und der Folgen des Dreißigjährigen Kriegs im Kapitel Die Kosten des Krieges
zwar auch auf die zeitgenössische Wahrnehmung der Zerstörungskraft des Dreißigjährigen Krieges ein, die
sich tief in das allgemeine Bewusstsein eingegraben hat (vergleiche dazu Peter H. Wilson S. 890). Aber er
lässt es sich nicht nehmen, diese Wahrnehmung rezeptionsgeschichtlich zu brechen und unter anderem
darauf hinzuweisen, dass der Krieg „schon vor 1648 im übrigen Europa zu einem Maßstab für Gräuel und
Grausamkeit geworden“ war. So wurden beispielsweise die britischen Leser „durch Publikationen wie Dr.
Vincents bebilderte Lamentations of Germany aus dem Jahr 1638 in allen Einzelheiten über Morde,
Massaker und mutwillige Verwüstung informiert. Im Englischen Bürgerkrieg wollten alle Parteien unbedingt
vermeiden, dass der Konflikt in ihrer Heimat ebenso entartet, wie es – ihrer Meinung nach – in Deutschland
geschah“ (Peter H. Wilson a. a. O.).

Im 17. und frühen 18. Jahrhundert traten Darstellungen der prägenden Persönlichkeiten und verfassungsund
konfessionsbezogene Themen der Jahre zwischen 1618 und 48 in den Vordergrund. Friedrich Schiller
war in seiner Geschichte des dreißigjährigen Krieges (1791 – 93) und in seiner Romantrilogie Wallenstein
(1797– 99) wieder an Tod, Zerstörung und Identitätsverlust interessiert und Gustav Freytag in seinen Bildern
der deutschen Vergangenheit an den Alltagserfahrungen der Menschen. Mit der Zeit kristallisierte sich neben
dem Gefühl der grenzen-, wahl- und sinnlosen Gewalt, die alle bisherigen Schranken überschritt, als zweites
Leitmotiv die Überzeugung heraus, dass „diese Schrecken […] unschuldigen Deutschen von einem
gnadenlosen Feind angetan worden“ seien. „Das konnte auch konfessionell gefärbte Formen annehmen, etwa
in protestantischen Berichten über die ›Hochzeit‹ der Kaiserlichen mit der Jungfrau Magdeburg. Verbreiteter
war jedoch der Verweis auf diverse ›ausländische‹ Übeltäter: Kroaten, Kosaken, Schweden, Finnen,
Schotten, Iren, Ungarn, Siebenbürger und, weniger häufig, Franzosen und Spanier. Das dritte leitmotivische
Elemente bettet den Krieg in eine Typologie nationaler Erlösung ein: Aus der Asche würde sich eine neue,
stärkere deutsche Nation (später auch: Rasse) erheben. Die Schreckensgeschichten sorgten also nicht nur für
Nervenkitzel, sondern ließen auch hoffen, dass Leid und Erniedrigung schließlich belohnt würden. Dieser
Aspekt bezog seine Macht aus der Wahrnehmung der christlichen Tradition, die schon im 17. Jahrhundert die
Wahrnehmung des Krieges beeinflusst hatte“ (Peter H. Wilson S. 891).

Wilson knüpft in seiner Darstellung an die Tradition der Militärhistoriker an, die um 1900 den
Wahrheitsgehalt der Schauergeschichten zu hinterfragen beginnen; er selbst geht dann allen nur denkbaren
machtpolitischen Verflechtungen und Verwicklungen ebenso auf den Grund wie den sozialen,
wirtschaftlichen und religiösen Gegebenheiten und breitet sie in den feinsten Verästelungen aus. Das wird in
seinem Umgang mit den Zahlen der Toten des Dreißigjährigen Krieges beispielhaft deutlich. Bevor er von
den menschlichen und materiellen Kosten des Krieges zu sprechen beginnt, notiert er, dass es keine
einheitliche Methode zur Erhebung der Bevölkerungsdaten gibt, auch nicht in den Regionen, in denen so
etwas wie eine Bevölkerungsstatistik geführt wurde. „Ein den Gesamtzeitraum 1618–48 umspannender
Datenvergleich gibt nur höchst unvollständig Aufschluss über die tatsächlichen Verluste, vor allem, weil der
Krieg viele Gebiete erst nach 1631 erreichte, als die Bevölkerung seit dem Prager Fenstersturz schon
gewachsen war“ (Peter H. Wilson s. 897 f.). Deshalb sind Demografen auf andere Quellen wie Steuerlisten,
die Anzahl der Häuser, Geburts- und Sterbebücher, Seuchenstatistiken, Schätzungen über die Prozentzahlen
der Toten in unterschiedlich vom Krieg betroffenen Gebieten und die Berücksichtigung zwischenzeitlich
veränderter Grenzverläufe angewiesen. Moderne Schätzungen gehen von einem Bevölkerungsrückgang bei
Kriegsende von 15 bis 20 Prozent und von 6 bis 8 Millionen Toten im Reich aus. „Freilich wäre selbst bei
einem Rückgang von ›nur‹ 15 Prozent der Dreißigjährige Krieg noch der zerstörerischste Konflikt in der
Geschichte Europas gewesen. Im Vergleich dazu verlor die Sowjetunion, die im Zweiten Weltkrieg die
schwersten Verluste unter allen teilnehmenden Staaten zu tragen hatte, weniger als 12 Prozent ihrer
Bevölkerung“ (Peter H. Wilson S. 898).

Woran die Menschen starben, ist ebenso umstritten wie die Zahlen. Die verlässlichsten Einblicke bieten noch
die Sterbeverzeichnisse. So sind im sächsischen Naumburg zwischen 1618 und 1645 nach den Sterbelisten
nur 18 von Soldaten getötete Bürger verzeichnet, obwohl Naumburg in diesem Zeitraum 4320 von 8900
Bürgern verloren hat. Im westfälischen Elspe sind von 699 aufgezeichneten Toten nur fünf direkt durch
militärische Gewalt umgekommen und im hohenlohischen Ingelfingen sind 1634 bei der Einnahme der Stadt
nach der Schlacht von Nördlingen nur sieben Personen ums Leben gekommen, während im selben Jahr 163
Personen an Pest gestorben sind (vergleiche dazu Peter. H. Wilson S. 901). „Die Gewaltopfer waren zumeist
Soldaten. Moderne Schätzungen beziffern die Gesamtzahl an Kriegsgefallenen auf 450 000 […]. Davon
fielen 80 000 in französischen, bernhardinischen und hessischen Diensten, während die Kaiserlichen 120
000 Soldaten verloren. Die übrigen Opfer stammen aus anderen deutschen Armeen […]. Stärker als
Musketen, Schwerter und Kanonen waren Krankheiten […]. Während des Feldzuges von 1620 tötete eine als
›Ungarisches Fieber‹ […] bekannte Typhusart 14 000 Soldaten der Liga, wogegen in der Schlacht am
Weißen Berg nur 200 zu Tode kamen […]. Zwar kamen nur vergleichsweise wenige Zivilisten durch Gewalt
um, doch die Furcht vor ihr vertrieb die Menschen von Heim und Herd […]. Flucht konnte die Sterblichkeit
erhöhen, denn in den Zufluchtsorten selbst herrschten häufig stark beengte und unhygienische Bedingungen“
(Peter H. Wilson S. 902f.). Zu den Pestepidemien, die ab 1622/23 unter anderem im Elsass und danach in
weiteren Regionen wüteten, kam das Fleckfieber und die Ruhr. „Die demografische Erholung nach dem
Krieg resultierte aus einer steigenden Geburten- und sinkenden Todesrate. Württembergs Bevölkerung war
vor dem Krieg um ein halbes Prozent gewachsen, doch in den zwei Jahrzehnten nach 1648 kletterte die Rate
auf 1,8 Prozent. Reisende berichten, Deutschland sei ein Land der Kinder: Fast die Hälfte der Württemberger
war in den 1660er-Jahren unter 15 Jahre alt“ (Peter H. Wilson S. 906).

Vergleichbar detailliert geht Wilson auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges, die Krise des
Territorialstaates, die neue Rolle der weltlichen Amtsträger bei der Förderung des Gemeinwohls und die
kulturellen Auswirkungen des Kriegs ein, zu denen unter anderem der Verlust der Mainzer
Klosterbibliotheken und der Bibliotheca Palatina in Heidelberg, aber auch der die kirchenmusikalischen
Kompositionen von Heinrich Schütz für kleinere Besetzungen von Musikern und Sängern und Hans Jakob
Christoffel von Grimmelshausens ab 1668 in fünf Teilen veröffentlichter Roman Der Abenteuerliche
Simplicissimus Teutsch gehören (vergleiche dazu Peter H. Wilson S. 928 ff.). In die Feierlichkeiten nach
dem Westfälischen Frieden flossen die Wahrnehmung des Krieges als göttliches Strafgericht ebenso ein wie
die als menschliches Versagen und die Hoffnung, das Erlebte bewältigen zu können. „Im Mittelpunkt der
katholischen Feierlichkeiten stand die Messe als traditionelle Form der Danksagung. Da die Protestanten die
Messe ablehnten, mussten sie ihre Friedensfeste etwas anders organisieren. Sie rekurrierten auf die
Reformationsgedenktage von 1617 und 1630, daneben auf den Buß- und Bettag, der seit 1532 anlässlich der
kaiserlichen Feldzüge gegen die Türken begangen worden war und nach 1618 wiederbelebt wurde […]. Die
Feiern richteten die Aufmerksamkeit auf die Rolle Gottes und der Menschen im Krieg. Die Dynastien
rückten stärker in den Vordergrund als zu den Reformationsgedenktagen […]. Der Frieden wurde als
Geschenk Gottes und der Obrigkeit dargestellt. Die Versammelten wurden aufgefordert, für das Wohlergehen
des Fürstenhauses wie auch allgemein für die protestantischen Reichsstände als Garanten von Ruhe und
Ordnung zu beten […]. Ein Höhepunkt war die Jahrhundertfeier 1748 […]. Leutkirch etwa feierte zwei
Wochen lang. Es gab nicht nur die üblichen Predigten, Prozessionen und Feuerwerke, sondern auch eine
Prüfung für Schulkinder, die zeigen sollten, was sie vom Westfälischen Frieden wussten. Die Teilnehmer
erhielten eine Gedenkmünze. Die Festivitäten in Hamburg wurden durch eine von Georg Philipp Telemann
eigens komponierte Kantate gekrönt. Nach 1748 nahm das Interesse ab, auch wenn Coburg den Jahrestag des
Friedensschlusses noch bis 1843 beging. In Augsburg ist der 8. August immer noch ein Feiertag“ (Peter H.
Wilson S. 962 f.; 966).

Aufs Ganze gesehen hat der Dreißigjährige Krieg die politische und religiöse Ordnung in Mitteleuropa
verändert und ist als einer der blutigsten Religionskriege in die Geschichte eingegangen. Wenn man Wilson
folgt, war er aber weder ein europäischer noch ein Welt- noch ein Religionskrieg, sondern eine europäische
Tragödie, an der alle relevanten Kräfte Europas außer Russland beteiligt waren und in der jeder um seine
eigenen Vorteile gekämpft hat. Die Religion und die Konfessionen spielten zwar eine Rolle, aber es ging
immer auch um politische und soziale Auseinandersetzungen. Ein Religionskrieg war er nur insofern, als der
Glaube in der frühen Neuzeit das leitende Prinzip in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Handelns
war. Nach Wilson war er schließlich auch nicht unvermeidbar, wie die 63 Jahre relativen Friedens nach dem
Augsburger Religionsfrieden von 1555 zeigen.

ham, 4. Januar 2018

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