Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt

Philipp von Zabern, Darmstadt, 2015, ISBN 978-3-8053-4927-7, 432 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 22 x 15,5 cm, € 39,95 / € 29,95 (WBG-Preis)

Wer mit der Ost-Denkschrift der EKD von 1965, der Friedensdenkschrift „ Frieden wahren, fördern und erneuern“ von 1981 und der dezidierten Absage an überkommene Vorstellungen von gerechten Kriegen in der Friedensdenkschrift von 2007 „ Aus Gottes Frieden leben – für einen gerechten Frieden sorgen“ einig geht, wird dem „Deus lo vult“ (spätlateinisch für Gott will es) keine Sympathien entgegen bringen. „Deus lo vult“ war die heute schwer nachvollziehbare Antwort der Hörer auf Urbans II. Predigt auf der Synode von Clermont am 27. November 1095, in der er zur Befreiung Jerusalems, zur Reinigung von den eigenen Sünden und zum Kreuzzug aufgerufen hatte. An die Stelle von „Deus lo vult“ ist „Krieg darf nach Gottes willen nicht sein“ und an die Stelle von „Si vis pacem para bellum“ („Wenn du den Frieden willst, musst du den Krieg vorbereiten“) „Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten“ getreten (https://www.ekd.de/download/ekd_friedensdenkschrift.pdf S. 124).

Deshalb deckt die Folie, mit der der renommierte französische Mediävist Philippe Buc die in Teilen der westlichen Welt nach wie bestehende Bereitschaft zu „gerechten“ Kriegen erklärt, theologische Abgründe auf. Buc war kurz nach 9/11 vom Verleger der irakischen Tageszeitung ›Azzaman‹ um einen Buch-Beitrag zu den möglichen Zusammenhängen von Monotheismus und Gewalt gebeten worden und hatte bei seinen Recherchen über Christentum und Gewalt bemerkt, dass sich George W. Bushs Äußerung „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ und der Irakkrieg auf der Folie von Sichtweisen des Mittelalters kohärent erklären ließen (vgl. dazu das Gespräch zwischen Bernd Schneidmüller und Philippe Buc in WGB Mitglieder Magazin 3/15 S. 40). „Auf einer Tagung über die französischen Schreckensjahre 1792-94 widerfuhr mir dasselbe: Ich konnte als Mediävist vieles in den Diskursen der ›Terroristen‹ um Robespierre verstehen. Deren Ideologie hatte viel gemeinsam mit der Rhetorik der Akteure der ›ersten großen Europäischen Revolution‹, d. h. mit den kirchlichen Reformen des 11. Jahrhunderts und mit den militärischen Begleiterscheinungen der Kreuzzüge. Solche Ähnlichkeiten zu erklären, ist mir zum Anliegen geworden. Ich vermutete, sie waren kein Zufall. In der langzeitlichen Geschichte des Westens sah ich wiederkehrende Konstellationen von Vorstellungen, jenseits der angeblichen Grenzen zwischen Vormoderne und Modernität. Selbst bei der RAF […] können einige Charakterzüge als typisch ›christlich‹ gelten, besonders die Idee, ein Volk durch Gewalt von Götzen und einer universellen Verschwörung des Bösen befreien zu können“ (Philipp Buc a.a.O).

Buc fokussiert seinen Großessay auf die gewalttätigen Seiten des Christentums und der post-christlichen westlichen Kulturen. „»Gewalt« umfasst hierbei Phänomene wie den heiligen Krieg, Terror und Terrorismus sowie … das Martyrium. Unter »westlicher Welt« verstehe ich jene kulturellen Regionen, die um 1500 im römisch-katholischen Europa existierten (dazu später, als Seitentrieb des protestantischen Zweigs, die Vorläufer der Vereinigten Staaten von Amerika). Unter »post-christlich« verstehe ich … eine Situation, in der die Kultur zwar nicht mehr von religiösen Institutionen und Überzeugungen organisiert wird, von deren Erbschaft sie aber sehr wohl noch substantiell geprägt ist“ (Philippe Buc, Heilger Krieg S. 9 f.). Das Konzept der Säkularisierung erklärt diese Erbschaft. Es wird zur zentralen Deutekategorie in Tradition und Gegenwart. „In ihren gewaltsamen wie auch ihren friedensorientierten Formen sind die westlichen Nationen der Moderne mittels Säkularisation die Erben früherer kultischer Gemeinschaften“ (Philippe Buc S. 139).

Im ersten Kapitel legt Buc dar, wie viel Amerikas Kriege „dem Einfluss tief sitzender christlicher Ideen von Freiheit, Reinheit, Universalismus, Märtyrertum und Geschichte verdanken, die noch bis vor kurzem in Westeuropa vorherrschend waren“ (Philippe Buc S. 54). Nach Buc haben amerikanische Kriege erstens mit der moralischen Identität Amerikas zu tun. „Um nur ein Beispiel zu nennen: Für Theodore Roosevelt (1858-1919) war die Eroberung Kubas und der Philippinen 1898 eine Expansion, welche die Länder und ihre Bevölkerung reinigen, das heißt auf eine höhere Entwicklungsstufe heben würde, zugleich aber auch für die Amerikaner eine Selbstreinigung und -überwindung bedeutete. Diese Vorstellung war nicht die Obsession eines Einzelnen, sondern charakteristisch für die amerikanische politische Kultur nach dem Bürgerkrieg von 1861-1865 bis hin zum Ersten Weltkrieg. Der Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden war selbst als reinigend“ und als »Bluttaufe« begriffen worden (Philippe Buc S. 55). „Das gilt auch für viele Kriege des Westens. Der erste Kreuzzug von 1096-1100 war, wie seine Nachfolger, eine Bußexpedition“ (Philippe Buc S. 60). Er sollte nicht nur Jerusalem von der Anwesenheit der Muslime reinigen, sondern auch die Kreuzritter selbst. „Darin glich er der zweiten oder »roten« Taufe durch das beim Martyrium fließende Blut“ (Philippe Buc a. a. O.).

Zweitens sind Amerikas Kriege als „Weltkriege“ von universeller Bedeutung und als Regeneration für die ganze Welt gedeutet worden. Die Vorstellung, dass ein Land „die Welt segnen und die Welt auf ein Land nicht verzichten könne“ verdankt sich nach Buc der Legierung von Roms Idee einer gottgewollten imperialen Bestimmungen mit dem Missionsbefehl, allen Völkern das Evangelium zu predigen (Matthäus 28,18). „Dieser Universalismus ermöglicht eine weltweite religiöse Mission, aber eben dadurch auch einen weltumspannenden Konflikt im Dienst geheiligter Ideale […]. Der erste Kreuzzug und weitere nach ihm sollten […] Auswirkungen auf die gesamte Welt haben. Viele Kreuzfahrer wurden durch ein ganzes Gefüge von apokalyptischen Szenarien motiviert, in denen sich Spekulationen über die Offenbarung des Johannes mit späteren Prophezeiungen vermischten, insbesondere jenen des Pseudo-Methodius und der Tiburtinischen Sibylle […]. Eine verbreitete inhaltliche Schnittmenge diese Szenarien besagt, dass, sobald Jerusalem zurückerobert sei, Christus, der allerhöchste König, zurückkommen werde“ (Philippe Buc S. 62 f.). Universalismus und Vorstellungen von Auserwählung gehen Hand in Hand und deshalb kann es auch zur Koalition der Willigen kommen, die, notfalls als Märtyrer und Helden, die gottgewollte Freiheit bringen. Drittens waren die amerikanischen Kriege eo ipso Kriege für die Freiheit. „In seiner Rede zur Lage der Nation von 2002 schwärmte Präsident Busch: »Der Preis der Freiheit war uns bewusst. Die Macht der Freiheit haben wir demonstriert. Und in diesem großen Konflikt〔mit dem Terrorismus〕 werden wir […] den Sieg der Freiheit erleben«“ (Philippe Buc S. 57). Durch das Blut von „Märtyrern“ und „Helden“ erhält die Sache Amerikas viertens die höheren Weihen. „Das Märtyrertum im Krieg ist natürlich älter als das christliche Amerika […] und […] konnte in dem Sinne rachsüchtig sein, dass jemand sich unter der Annahme aufopferte, Gott oder die Geschichte oder deren Akteure würden Rache nehmen“ (Philippe Buc S. 70).

Fünftens wird mit den Kriegen die Vorstellung eines unumkehrbar Neuen verbunden, das die Blindheit und Dunkelheit des Alten verdrängt und eine lange währende Friedensära eröffnet. „ Amerika ist radikal »neu« in zwei theologischen Bedeutungen: erstens mit Blick auf die Neuheit des Evangeliums als Gegensatz zum Alten Gesetz, zweitens in Hinsicht auf die Neuheit des novissimum, der Endzeit. Wir treffen hier auf zwei Zäsuren, die der christlichen Geschichtstheologie einen Rhythmus verleihen. Die erste wird durch das „Ereignis Christus“ bestimmt (Inkarnation, Passion, Auferstehung); die zweite trennt die Welt vom Anbeginn der nächsten, sei sie das Friedensmillenium oder das Jüngste Gericht“ (Philippe Buc S. 71). Die auf dem Hintergrund von Nepukadnezars Traum und Daniels Deutung (Daniel 2, 1-45) entwickelte Vorstellung von aufeinander folgenden Reichen mündet oftmals in der Idee, „das »letzte Königreich« zu sein, mit dem die Geschichte zu Ende sein werde. Ebenso galten als groß oder bedeutend eingestufte Kriege häufig als »letzte aller Kriege«. Diese religiösen Konzeptionen gingen in säkulare Ideen über. Maximilien Robespierres Überzeugung lief darauf hinaus, dass »wir, um das friedliche Reich der konstitutionellen Gesetze zu erlangen, den Kampf der Freiheit gegen die Tyrannei bis zum Ende führen müssen«. 1992, drei Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, verkündete […] Francis Fukuyama »dasEnde der Geschichte«“ (Philipp Buc S. 72). Die Kriege der Alten Welt sind sechstens grausam und die Amerikas, zumindest idealerweise gnadenreich. „George W. Busch vertrat die Auffassung, sein geplanter Krieg gegen Saddam Hussein werde beides sein: gerecht und milde […]. Wenn Busch jr. den Feinden Amerikas […] nicht die Auslöschung in Aussicht stellte, ist seine Verbindung von Milde und Strenge das Derivat einer sehr viel älteren Geschichtstheologie. Zwar ist das von Christus eröffnete Zeitalter grundsätzlich eines der Barmherzigkeit, doch kann es gegen sein Ende, wenn die von Johannes in der Offenbarung prophezeiten Ereignisse herannahen, wieder grausam werden […]. Hören wir Jonathan Edwards, den Puritaner aus Yale: »Die Heiligen im Himmel können und werden die Verdammten hassen; sie können also mit Freude danach streben, gerechte Rache für die erlittenen Verletzungen zu erlangen«. In der diesseitigen Welt jedoch »sollten wir nicht danach trachten, uns an unseren Mitgeschöpfen zu rächen … weil wir sie nicht hassen sollen«. In dieser Zeit »soll Liebe vorherrschen«. »Aber wenn die Gründe für jene Liebe schwinden und unsere Feinde zu den Objekten unseres Hasses werden, können wir mit Freude sehen, wie an ihnen gerechter Rache geübt wird.« Am Ende werden die Heiligen »hocherfreut sein über Gottes Rache an ihren sterblichen Feinden«“ (Philipp Buc S. 73).

Im zweiten Kapitel diskutiert Buc die Frage, wie das in seinen Ursprüngen pazifistische Christentum gewalttätig werden konnte. Eingangs erinnert er daran, dass das Mittelalter mit pacificus (friedlich) einen „Friedensstifter“ bezeichnen konnte, der für gewöhnlich mit dem Schwert Frieden schuf. „Unter »Toleranz« verstand die frühchristliche Kirche im Wesentlichen das Ertragen und Erleiden, entweder von Verfolgung […] oder […] von häretischen Abweichungen, Heidentum oder der Anwesenheit von Juden. Das hat mit einer grundsätzlichen Akzeptanz von Pazifismus oder religiösen Unterschieden absolut nichts zu tun“ (Philippe Buc S. 77). Buc weist zwar darauf hin, dass schon die früheste christliche Gemeinde mit dem Problem der Gewalt gekämpft hatte; aber er überlässt die Antwort auf die Frage, ob die ersten Christen oder Teile von ihnen der Gewalt abgeschworen oder Gewalt befürwortet haben, den Fachgelehrten. „Für uns ist die […] Frage wichtiger, wie sich die Gewalt in die Heilsgeschichte einschreibt“ (Philippe Buc S. 79). Eine erste Einschreibung ist mit Origenes und seinem Kampf gegen gnostische und marcionitische Christen verbunden, die die Bibel der Hebräer, das Alte Testament aufgrund seiner gewalttätigen Texte vom Neuen Testament abtrennen wollten. „Origenes´ Lösung hieß Allegorie. Alles, was am Alten Testament zu erschrecken vermochte, sollte nicht wörtlich verstanden werden (Literalsinn), sondern enthielt ein »Mysterium«, einen höheren, spirituellen Sinn und musste deshalb allegorisch interpretiert werden […]. Die spätere Scholastik führte gewöhnlich zwei, häufiger noch drei mystische Auslegungen an: die moralische oder tropologische Bedeutung (die sich auf Laster und Tugenden bezog); die ekklesiologische oder allegorische Bedeutung […] (die sich mit Christus und seiner Kirche befasste); schließlich die anagogische Bedeutung (in der es um transzendente Dinge wie die Dreifaltigkeit oder Himmel und Hölle ging) […]. Dank Typologie und Allegorie wurde die Gewalt spiritualisiert […]. Auf diese Weise wurden die Konflikte des Alten Testaments überführt in »Kriege des Geistes«. Dadurch konnten sich Christen, vor allem die Märtyrer (später auch die Mönche und andere perfecti), als »spirituelle Krieger«, Angehörige eines »spirituellen Heeres« sehen. In Paulus´ Brief an die Epheser findet sich der entscheidende Passus (6, 11-17), der diese Transformation autorisiert: »Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an […]. Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Friedens zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes«“ (Philippe Buc S. 81 f.).

Nach Buc sprechen fünf Gründe dafür, dass es nicht bei der allegorischen Auslegung geblieben ist. Erstens war die spirituelle Kriegsführung in den Augen der Christen intensiver, als es materielle Schlachten je sein konnten. „Wenn Märtyrer starben, töteten sie spirituell ihre Verfolger und die Menge der heidnischen Gaffer, indem sie ihnen zu ewigen Höllenqualen verhalfen“ (Philippe Buc S. 83). Zweitens geht die Reflexion über die gewaltaffinen Stellen der hebräischen Bibel durch ihre Aneignung als Alten Testament in einen symbolischen und realen Gewaltakt über. Drittens wird die Beziehung zwischen Altem und Neuem dialektisch; dabei überlebt etwas von der Gewalt des Alten im neuen Zeitalter. Die Gewalt bleibt im Schwert der Könige und Fürsten präsent. Die Apokalypsen des Johannes und der Synoptiker werden in Teilen der Tradition nicht wie in der heutigen Auslegung als Trostbücher für Verfolgte gelesen, sondern als Anleitung zum eigenen Handeln, als Aufruf zum endzeitlichen Kampf und als Rückkehr „zu jener Rache und Gerechtigkeit […], die für das Alte Testament typisch waren“ (Philippe Buc S. 84). Die in der Endzeit erwartete Gewalt und strafende Gerechtigkeit wird schließlich fünftens nicht allein als zeitliche, sondern als Vorläufer der ewigen Strafe gesehen, als Vorläufer der Hölle und von Gottes letztem Gericht. Damit ist die zweite Einschreibung der Gewalt in die Heilsgeschichte skizziert und mit ihr auch der Übergang von der Auslegung der Heiligen Schriften in Predigten zu den Kreuzzügen. Bei der letzten Predigt auf dem ersten Kreuzzug vor der Erstürmung Jerusalems soll folgende Passage zu hören gewesen sein: »O ihr, Gefolgschaft […] Christi, erwachet, erwachet jetzt, ihr kampferprobten Ritter und ihr, leichtbewaffnete Fußsoldaten, und nehmt diese Stadt mit Entschlossenheit, dieses unser Gemeinwesen […]. Auf, auf zum Kampf, haltet die Waffen bereit, ihr Helfershelfer Gottes […], greift diese Stadt mit Beharrlichkeit an. Möge es herrlich sein für euch, hier zu sterben, ihr, für die Christus in dieser Stadt gestorben ist. Beginnt den Kampf: Er, euer Führer, wird euch im Krieg Verstärkung schicken und Lohn für gute und ruhmreiche Taten!« (Die Predigt ist zitiert nach Balderichs Chronik: In Philippe Buc S. 113 f.).

Das dritte Kapitel zeichnet Phänomene des Gruppenwahns, des Märtyrertums und des Terrors in der Aufklärung und der RAF nach, das vierte westliche Märtyrervorstellungen, das fünfte die Zwillingsbrüder nationaler Heiliger Krieg und Sektenterror, das sechste, die Idee, dass man für die Freiheit sterben und töten soll. Im siebten Kapitel wird gefragt, wie Geschichte gemacht wird und wer das Subjekt der Geschichte ist. Im Nachwort wird noch einmal unterstrichen, dass der Essay nicht behauptet, dass das Christentum allein für die Formen der Gewalt verantwortlich zu machen ist, die die Gewalt im Westen angenommen und immer noch hat. Untersucht wurde vielmehr, wie eine „Reihe von alten, paradoxen Paarbildungen […] wie Alt und Neu, Buchstabe und Geist, Krieg und Frieden, Auserwähltheit und Universalismus, Zwang und Freiheit“ auf die westliche Gewalt bezogen war. „Eine Hauptthese dieses Buches ist, dass einige kulturelle Formen aus der fernen Vergangenheit bis in unsere Gegenwart gelangt sind“, auch wenn ihre Weitergabe nicht kontinuierlich verlief und sich auch über Neuerfindungen und Fortsetzungen vollzog (Philippe Buc S. 300). Bucs Ausblick ist wenig tröstlich: Wenn man ihm folgt, werden auch in der Zukunft der christlich imprägnierten westlichen Vergangenheit „Märtyrertum, Terror und Heiliger Krieg auftauchen und Beobachter wie Akteure gleichermaßen in Erstaunen versetzten. Solange der Westen kulturell postchristlich ist, werden der Kampf bis zum Tod und das Sterben für die Sache plötzlich begegnen, zu unerwarteten Zeiten und an unerwarteten Orten. Will man solches verhindern, ist der Schlüssel dafür, neben dem von soziologischen Methoden generierten Wissen, das Verstehen. Wie auch immer – wenn man eine Vorhersage treffen soll, so wird die Kraft die Dialektik zwischen Krieg und Frieden den gerechten Krieg als normativen Wert wohl weiterhin am Leben erhalten. Umkämpft, umstritten, aber präsent“ (Philippe Buc, S. 307).

Die von Buc angesprochene Dialektik klingt unter anderem schon in Robert Leichts Bewertung der jüngsten Friedensdenkschrift der EKD und seinem Hinweis an, dass sie zwar dem gerechten Frieden das Wort redet und die Vorstellung vom gerechten Krieg verabschiedet, aber militärische und humanitäre Interventionen mit eindeutigem Mandat der UN erlaubt. „Was aber, wenn ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrates aus moralisch verwerflichen Gründen ein solches Mandat mit seinem Veto blockiert? Kommt nicht gerade dann das zuvor so entschieden verworfene, nackte »Recht des Stärkeren« zu seinem Triumph? Oder: Kein militärisches Mitmachen nur im Dienste des Bündnisses! Ausgerechnet der Afghanistaneinsatz, bei dem zur Begründung so ähnlich geredet wurde, beruht auf einem eindeutigen Mandat des Sicherheitsrates. Oder: Das Papier rügt ganz nebenbei, dass die UN wenig tun gegen die Unwilligkeit Israels, Resolutionen aus New York zu befolgen. Von der Weigerung einiger Nachbarstaaten und »Befreiungsbewegungen«, das Existenzrecht Israels anzuerkennen – kein Wort! Oder: Der Text erklärt anders als früher in ganz neuer Eindeutigkeit, dass aus der Sicht evangelischer Friedensethik die Drohung mit Nuklearwaffen »heute nicht mehr« (Hervorhebung im Text) als Mittel legitimer Selbstverteidigung betrachtet werden kann – um dann allerdings sogleich darzulegen, dass man sich über die Ausdeutung dieser Feststellung so wenig einig ist wie zuvor. Aber wenn man schon so in die kirchliche Zeitgeschichte einsteigt: Hätte es dann nicht nahegelegen, sich auch mit der protestantischen Fundamentalopposition gegen den Nato-Doppelbeschluss Anfang der achtziger Jahre auseinanderzusetzen – und mit den positiven Folgen genau dieses Beschlusses? Immerhin hatte Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der EKD, Helmut Schmidt gelegentlich in einem Geburtstagsbrief bescheinigt, er habe recht behalten mit seiner Politik. An dieser »Stelle« registriert der Leser nur das Schweigen“ (Robert Leicht, Wir glauben an die UN. In: ZEIT ONLINE vom 31.10. 2007, siehe http://www.zeit.de/2007/45/EKD-Denkschrift/seite-2).

Die von Buc eindrücklich vorgeführte Aporie, dass in Ausnahmezeiten Vorstellungen von einem gewaltbereiten Gott die in der Hauptlinie an Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit interessierten Texte des Alten und Neuen Testaments dominieren und zu eigenem gewalttätigen Handeln verführen können, wird für jeden Exegeten, für jeden historisch und systematisch arbeitende Theologen und für jeden Prediger zur Herausforderung. Martin Luther hatte sich noch mit dem Grundsatz beholfen, dass die Bibel von der Mitte der Schrift, von dem, „was Christum treibet“ her auszulegen sei. Dass er diesem Grundsatz weder in den Bauernkriegen noch in seinen späten Schriften gegen die Juden gerecht geworden ist, unterstreicht die Größe der Aufgabe und verlangt eine noch zu schreibende Friedenshermeneutik, die die Fallen der Gewaltgeschichte des Westens zu vermeiden hilft.

ham, 16.März 2016

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