Vergangene und gegenwärtige Erfahrungen

Herausgegeben von Dorothea Weltecke, Ulrich Gotter, Ulrich Rüdiger
UVK Verlagsgesellschaft Konstanz und München, 2015, ISBN 978-3-86764-536-2, 166 Seiten, 1 schwarzweiße
und 8 farbige Abbildungen, 3 Tabellen, Hardcover, Lesebändchen, Format 22 x15,5 cm, € 29.00

Migration ist in Deutschland noch 2013 extrem kritisch gesehen und fast immer als Problem betrachtet
worden. Religiöse Minderheiten galten vielfach als eine Folge der Globalisierung. Bisweilen sind sie zur Herausforderung für das politische und kulturelle Handeln geworden (vergleiche dazu Martin Sökefeld S. 95 und die Herausgeber S.7). Ob und wie sich die Einstellung zur Migration ab September 2015 gewandelt hat, ist noch zu untersuchen. Aber immerhin ist Angela Merkel angesichts der Flüchtlingsströme entschieden für das grundgesetzlich abgedeckte grenzenlose Recht auf Asyl und für eine zeitweise Öffnung der deutschen Grenzen eingetreten. Die ersten Flüchtlinge, die auf dem Bahnhof in München angekommen sind, sind dort mit bewegendem Beifall begrüßt worden. Und die Bundeskanzlerin hat sich am 15. September 2015 bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann mit dem bemerkenswerten Satz gegen ihre Kritiker verteidigt, dass „das nicht mehr mein Land ist“, wenn wir jetzt anfangen, „uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen“. Politische und kulturelle Mentalitäten können sich wandeln. Aber zumindest in Teilen der Bevölkerung herrschen noch nach wie vor retardierende Gefühlslagen. Brandanschläge auf geplante oder schon belegte Flüchtlingsunterkünfte stellen die sich öffnende bürgerliche Mitte wie die Politik vor noch nicht bewältigte Herausforderungen. Und der in Teilen der Medien weiterhin unterstellte Zusammenhang zwischen Migration, religiösen Minderheiten und Gewalt zeigt, dass der schon erarbeitete Stand der Forschung noch nicht überall angekommen ist. Der vorliegende Band ist bestens geeignet, die unterstellte Lücke zu beseitigen und kann darüber hinaus Anstöße für einen angemessenen Umgang mit den anschwellenden Flüchtlingsströmen geben. Er dokumentiert ausgewählte Vorträge der interdisziplinär und multiperspektivisch angelegte Tagung >>Religiöse Minderheiten<< vom Mai 2013 im Neuen Schloss Meersburg und bestreitet die bisher herrschende Vorstellung, dass religiöse Vielfalt an sich schon konfliktträchtig und in Europa ein neues Phänomen sei. Dorothea Weltecke stellt diesen Meinungen einleitend die These entgegen, dass die Entstehung religiöser Minderheiten durch komplexe kulturelle Prozesse, Entscheidungen und Interessen bedingt und weder determiniert noch unveränderlich ist. Religiöse Zugehörigkeiten können „in bestimmten Zeiten scharf aktualisiert und dramatisiert werden. In solchen Phasen kann Abgrenzung zu einem wesentlichen Bestandteil religiöser Identität werden und religiöse Identität erscheint als zentrales Element der persönlichen Identität. Dann werden zunehmend mehr Bereiche des Alltags als religiös bedeutsam erfahren und deklariert“, so ‚u.a.‘ die Kleidung, das Verrichten der täglichen Gebete in Flughäfen und anderen öffentlichen Räumen, die Ankündigung von Gebetszeiten von Minaretten, Tischsitten wie das Benutzen von Silbergeschirr, das Essen von Süßigkeiten und das Tragen von Kopftüchern (Dorothea Weltecke S. 10 ff.). In anderen Phasen verlieren diese Distinktionen ihre Kraft und ihre identitätsstiftende Bedeutung. Weltecke geht zweitens davon aus, dass die Existenz religiöser Minderheiten aus historischer und religionssoziologischer Sicht der Normalfall ist. Religiöse Minderheiten stehen drittens nicht zwingend am gesellschaftlichen und sozialen Rand, sie haben oft wie die getauften Christen im von Karl dem Großen eroberten Sachsen und die Muslime in den von ihnen eroberten Gebieten von der Iberischen Halbinsel bis nach Mittelasien die Macht. Deshalb müssen nach ihrer Meinung viertens religiöse Minder- und Mehrheiten zusammen erforscht werden. Nach Christoph Bochinger wird Religion „sowohl Deutschland wie in der Schweiz … zwar … auch in Zukunft nicht aus den Gesellschaften vollständig verschwinden … ; jedoch geht die traditionelle Religiosität bei der Mehrheit der Bevölkerung kontinuierlich zurück, und dieser Rückgang wird zumindest nicht vollständig durch neue, alternativ-spirituelle Formen abgelöst … Gleichzeitig gibt es in vielen Gesellschaften teils traditionelle, teils neu entstandene religiöse Gruppen, die zahlenmäßig zwar Minderheiten sind, aber teilweise eine beachtliche öffentliche Ausstrahlung haben“ (Christoph Bochinger S. 32). Der Heterogeniserung der religiösen Landschaft und insbesondere den religiösen Minderheiten wird in der Forschung insgesamt zu wenig Beachtung geschenkt. „Damit wird auch ihr Anteil an der generellen Veränderung der religiösen Landschaft zumeist unterschätzt“ (Christoph Bochinger S. 36). In die öffentliche Wahrnehmung von religiösen Minderheiten fließen teils Jahrhunderte alte Klischees wie die 1542 von Martin Luther aus einem um 1300 entstandenen Werk übernommene These von der Gewalttätigkeit und Zivilisationsfeindlichkeit des Islam ein, die einer genaueren Betrachtung nicht Stand halten können. Die erhöhte Kriminalitätsrate von Muslimen erklärt sich bei genauerem Zusehen durch religionsunabhängige Faktoren wie den Bildungsstand, das männliche Geschlecht, den familiären Status und die geringen Kenntnisse der Landessprache. Die Wertorientierung der Angehörigen von Migrationsreligionen hängt nach Bochinger stärker mit der Herkunft als mit der Religion zusammen. Religiöse Minderheiten sind in sich uneinheitlich; sie entwickeln sich unterschiedlich und Religion hat innerhalb von Migrantengruppen sehr unterschiedliche Funktionen. In seinen praktische Schlussfolgerungen empfiehlt Bochinger deshalb für Deutschland statt der Pluralisierung eine Beschneidung der Privilegien der christlichen Religionsgemeinschaft und Lösungen auf säkularer Basis. Martin Sökefeld diskutiert die Frage, ob die Aleviten als über Jahrhunderte in Anatolien verfolgte Gruppe eher als ethnische oder als kulturelle Gruppe oder als Religionsgemeinschaft anzusehen sind und zeichnet ihr sich bei der Integration in die deutsche Gesellschaft wandelndes Selbstverständnis nach. Die ab den 1960er - Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen Aleviten haben sich zunächst noch nicht öffentlich als Aleviten zu erkennen gegeben, um der auch in der Diaspora befürchteten Beschimpfung und Stigmatisierung von sunnitischen Seite zu entgehen. Damit sind sie ihrer erlernten Strategie des Verbergens gefolgt. Unter jungen linken Aleviten galt Alevitentum nicht als >Religion<, sondern als >Kultur<. Demzufolge sind die Mehrzahl „ der alevitischen Vereine … seit 1990 als Alevitische Kulturzentren gegründet worden, nicht als religiöse Gemeinden“. Aber genau „als das werden sie heute aufgefasst“ (Martin Sökefeld S. 94). Die bisherige Problematisierung „von Einwanderung ist vermutlich das wichtigste Element der Inkorporationsbedingungen in Deutschland. Als problematisch gilt vor allem die Pluralisierung und Heterogenisierung der als homogen gedachten Gesellschaft in Folge von Migration. Davon kann man … zwei wichtige Strategien für eine erfolgversprechende Anerkennungspolitik von Einwanderungsgruppen in Deutschland ableiten: Erstens, man muss sich als >unproblematische< Einwanderer darstellen; und zweitens muss man für die Forderung nach Anerkennung von Identität eine Form von Pluralität verwenden, die als unproblematisch betrachtet wird … und Religion ist in Deutschland eine >anerkannte< Form von Pluralität“ (Martin Sökefeld S.95). Deshalb haben die Aleviten begonnen, sich von dem sunnitischen Islam abzugrenzen, sich institutionell in deutsche zivilgesellschaftliche, religiöse und staatliche Einrichtungen zu integrieren und die Anerkennung als Religionsgemeinschaft anzustreben. Die Einführung des alevitischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen unterstreicht den Erfolg dieser Anerkennungspolitik ebenso wie die seit den 1990er-Jahren herangewachsene Generation, „für die es normal ist, zu sagen, Ich bin Alevit<<“ (Martin Sökefeld S. 103). Weitere Essays beschäftigen sich mit dem Justizsystem im multikonfessionellen mittelalterlichen Europa, der Rekonstruktion von in Deutschland üblichen Blickweisen auf Moscheen, der zur > religiösen Minderheit< gewordenen Kirche im Osten Deutschlands und der aus der Sicht der Religionswissenschaften diskutierten Frage, ob es bald nur noch religiöse Minderheiten gibt. Der Band ist hoch spannend und für jeden an der Weiterentwicklung von Religion Interessierten ein Muss. ham, 21.9.2015 Download

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