Mit einem Vorwort von Wolfgang Schäuble und einem historischen Essay von Edgar Wolfrum

Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2020, ISBN: 978-3-451-07218-5, 112 Seiten, 1 Abbildung, Hardcover gebunden, Format 19,5 x 12,5 cm, € 14,00

In Karl Heinrich Peters 1959 bei Cotta in Stuttgart herausgegebenem Reader ›Reden, die die Welt bewegten‹ waren neben Papst Urbans II. Aufruf zum Kreuzzug, Martin Luthers Rede auf dem Reichstag zu Worms und Georges Dantons Rede über die Besteuerung der Reichen unter anderem auch Winston Churchills Blut, Schweiß und Tränen-Rede, Thomas Manns Rede ›Deutschland und die Deutschen‹ und ›Das Mahnmal‹ von Theodor Heuss aufgenommen. Richard von Weizsäckers viel gerühmte Rede vom 8. Mai 1985 zur militärischen Kapitulation des „Dritten Reichs“ ist in der ARD immer noch abrufbar (https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-378259.html und https://www.tagesschau.de/inland/rede-vonweizsaecker-wortlaut-101.html). Sie hätte die Aufnahme in eine der vielen Neuauflagen von Peters Reader verdient. Ein Jahr vor Weizsäckers „Rede hatte Heinrich Böll formuliert: ›Ihr werdet die Deutschen immer wieder daran erkennen können, ob sie den 8. Mai als Tag der Niederlage oder als Tag der Befreiung bezeichnen‹“ (Heinrich Böll / Edgar Wolfrum S. 95). Helmut Gollwitzer hatte bereits 1955 betont, dass man 1933 mitbedenken muss, wenn man als Deutscher 1945 sagt. Und Theodor Heuss hatte im selben Jahr eine erinnerungspolitische ›Schamkultur‹ seiner Landsleute eingefordert und mit Blick auf 1945 von einem Gefühl des ›Befreit-Seins‹ gesprochen. „Genauer als jemals zuvor jedoch gedachte von Weizsäcker nun der Opfer, auch wenn die Täteranklage eher verhalten blieb […]. Er […] warf die Schuldfrage auf, betonte unterschiedlichstes Leid und bettete alles ein in eine übergreifende Darstellung des 8. Mai als Erfahrungszäsur […]. ›Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft‹“ (Richard von Weizsäcker nach Edgar Wolfrum S. 96).

Seine Reden zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieg in Europa vom 8. Mai 1989, zum 40. Jahrestag des Grundgesetzes vom 24. Mai 1989 und zum Tag der Deutschen Einheit vom 3. Oktober 1990 liegen jetzt in der Publikation „Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander“ als „Reden zur Demokratie“ vor. Weizsäcker war am 23. Mai 1989 von der Bundesversammlung mit der überwältigenden Mehrheit von 881von 1022 abgegebenen Stimmen in seinem Amt als sechster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland bestätigt worden (vergleiche dazu auch seine Biografie unter https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_von_Weizsäcker). Seine „Rede vom 24. Mai zu ›40 Jahre Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland‹ bei einem Staatsakt in der Beethovenhalle in Bonn war sozusagen seine Antrittsrede. Wieder war sie prägnant, Selbstbewusstsein einfordernd, eine Lehrstunde der Demokratie. Die Verfassung sei ›kein Werk der Siegermächte, sondern deutsch‹. Die war gegen den alten Anwurf von der Seite der antidemokratischen Kräfte in Deutschland gemünzt, wonach westliche Demokratie den Deutschen wesensfremd sei. Nein: Die Demokratie ist den Deutschen nicht geschenkt worden, sie hätte eine feste Basis in eigenen Traditionen“ (Richard von Weizsäcker / Edgar Wolfrum S. 97).

Angela Merkel hatte bei Weizsäckers Rede am 3. Oktober 1990 innerlich jubiliert, als er sagte: ›So erleben wir den heutigen Tag als Beschenkte – die Geschichte hat es dieses Mal gut mit uns Deutschen gemeint‹ (vergleiche dazu Edgar Wolfrum S. 106). 1989 war nach Wolfrum ein dramatischer Prozess der Selbstbefreiung. „Umfragen zeigen, dass die Deutschen durchaus mit einem Gefühl der Dankbarkeit zurückblicken. Aber Menschen leben nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart und wollen Optionen für die Zukunft. ›Wir haben Glück gehabt‹ – das ist kein Wechsel auf die Zukunft. Der Erfahrungsraum muss mit dem Erwartungshorizont zusammengebracht werden […]. Und wenn der Umgang mit Geschichte der Aufklärung verpflichtet ist und Geschichte Orientierung bietet, dann kann man aus der Geschichte […] lernen“ (Edgar Wolfrum S. 108 f.). 

Von Weizsäcker hatte gegen Schluss seiner Rede am 3. Oktober 1990 festgestellt, dass das Grundgesetz nun für alle Deutsche gilt und im Einigungsvertrag vereinbart wurde, dass wir uns mit den Bestimmungen über Staatsziele befassen sollten. „Es geht um Verfassungsaufträge, die nicht unter dem Vorbehalt einschränkender Gesetze stehen sollen, sondern den Gesetzgeber wie uns alle verpflichten. Gibt es zur Ergänzung unserer Ziele ein Dringlicheres als den Schutz der Natur in ihrer Rechtlosigkeit? Haben wir eine größere Aufgabe, als die Schöpfung zu bewahren und damit die Nachwelt zu schützen? Ich kenne keine“ (Richard von Weizsäcker S. 83). Dass er, wenn er heute noch leben würde, nach dem Geschacher auf dem gerade zu Ende gegangenen Brüsseler EU-Gipfels darüber hinaus Fortschritte auf dem Weg zu einem politisch geeinten Europa gefordert hätte, kann man nach seiner Ansprache vom 30. Mai 1985 bei dem von Königin Beatrix und Prinz Claus im Königlichen Palais Op de Dam gegebenen Abendessen begründet vermuten. Von Weizsäcker hat damals unter anderem Folgendes gesagt: 

„Wir leben in einer Welt, in der uns ferne Völker immer näher rücken, in der wir, wie ich glaube zu Recht, immer tiefer in weltweite Aufgaben und Verantwortung hineinwachsen. Ihr Land hat dabei immer eine Vorreiterrolle in Europa gespielt. Wir erfahren aber gleichzeitig, daß wir – im Leben der Völker wie der Bürger – unsere eigentliche Kraft aus dem Umgang mit unseren Nachbarn schöpfen […]. Am 8. Mai dieses Jahres haben wir bei uns des Tages gedacht, an dem vor 40 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Wir Deutschen werden die Wunden nicht vergessen, die von Deutschen unseren Nachbarn zugefügt wurden. Wir denken daran, wie das Völkerrecht mit Füßen getreten, Menschen verfolgt, in ihrer Würde verletzt und deportiert wurden, wie viele den Tod fanden […]. Wir sind uns wohl bewußt, wie lange die Folgen der schweren Zeit schmerzen […]. Wir wissen, welchen Rang die Erinnerung für die Gegenwart hat. Vor dem Hintergrund der Vergangenheit gibt es um so mehr Grund zur Dankbarkeit und zur deutlichen Hervorhebung dessen, was in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde. 

Die gemeinsame Vision eines vereinten Europa hat den Aufbau unserer Beziehungen nach dem Krieg politisch ermöglicht und menschlich entscheidend gefördert. Deutsche und Niederländer haben die Chance genutzt, die das Atlantische Bündnis und die Europäische Gemeinschaft zwei Nachbarvölkern bietet. Die multilaterale Gemeinschaft und die bilaterale Partnerschaft ergänzen und stärken einander. Eine gute Nachbarschaft ist entstanden, die die beiderseitigen Interessen in einen politischen und wirtschaftlichen, einen sozialen und geistigen Sinnzusammenhang stellt. Dies gilt für die großen europäischen Ziele ebenso wie für die tägliche Praxis im grenznahen Bereich […]. Beide Völker wissen, daß sie voneinander lernen können, wenn es um die sich ständig wandelnden Herausforderungen der modernen Industriegesellschaft geht. Es wird immer selbstverständlicher, über die Grenzen zu blicken […]. Je enger die Zusammenarbeit wird, desto deutlicher stößt man auf die Eigenheiten des Nachbarn, auf seine geschichtlichen Erfahrungen, seine kulturellen Reichtümer, seinen sozialen Charakter. 

In Ihrem Lande, Majestät, kann man lernen, wie ernst seine Bürger den Rechtsstaat nehmen, aber noch ernster den Gerechtigkeitsstaat. Bei Ihnen gibt es eine ausgeprägte Erfahrung mit Bürgerinitiativen und sozialem Protest. Der Nonkonformist wird geachtet, auch wenn er radikale Überzeugungen vertritt. Es gibt wenig Verherrlichung und daher auch wenig Verachtung des Staates. Die niederländische Gesellschaft verfügt über eine große moralische Kraft. Nicht durch Meinungseinheit ist sie zur Solidarität befähigt, sondern durch Aktivität und Toleranz. Es ist keine bequeme, aber eine gewissensbezogene Gesellschaft, in der sich glaubwürdige Lebensformen Respekt verschaffen. Holland, so konnte Hellmuth Plessner sagen, ›glaubt an die Verträglichkeit von Vernunft und Barmherzigkeit‹“ (Richard von Weizsäcker am 30. Mai 1985, zitiert nach https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Richard-von-Weizsaecker/Reden/1985/05/19850530_Rede.html).

ham, 22. Juli 2020

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